Für Papst
Leo XIV. ist sie ein großes Thema, für Priester und Seelsorger wird sie zum Alltag. Drei Geistliche berichten über ihre Begegnungen mit der Künstlichen Intelligenz.Im Smartphone steckt ein Seelsorger. Er ist immer verfügbar und hört zu. Das schlechte Gewissen wegen des Beziehungsstreits, die Sorgen um Omas Gesundheit, die Suche nach Trost oder Inspiration, der intelligente Seelsorger weiß Rat. Was im analogen Leben beispielsweise zum Aufgabenkatalog eines Priesters gehört – Beichte, Inspiration, Hoffnung spenden, Beistand –, leisten für manch einen KI-Apps im digitalen Dasein. Sie lernen in rasendem Tempo dazu, lernen, was es heißt, sich menschlich und der Situation angemessen auszudrücken. Das wirft eine Frage auf: Müssen Seelsorger und Priester im Besonderen Konkurrenz fürchten? Oder nur einen übermotivierten Assistenten, der im Zaum gehalten werden muss?Wenn es nach Papst
Leo XIV. und seinem Vorgänger
Franziskus geht, sollten sich die Menschen das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen.
Franziskus warnte in einer Rede auf dem
G-7-Gipfel 2024, die Menschenwürde stehe auf dem Spiel, wenn die KI zu viel Entscheidungsgewalt bekäme. Papst Leo äußert sich seit seinem Amtsantritt ähnlich kritisch. In Interviews betont er zwar die katholische Offenheit gegenüber dem technologischen Fortschritt. Auf lange Sicht stelle die KI jedoch eine Gefahr für die Menschlichkeit dar. Der Wert von Arbeit, von Respekt und Herz gehe verloren, verschriebe sich die Menschheit zu sehr der Künstlichen Intelligenz. Nach Ostern erscheint die erste Lehrschrift aus der Feder von
Leo XIV., den Fokus legt er aller Wahrscheinlichkeit nach auf dieses Thema.Papst
Leo XIV. äußerte sich schon mehrfach öffentlich über die Gefahren der KI.dpaWenn die KI Predigten vorschreibtEs scheint ihn auch angesichts der Arbeit seiner Priester umzutreiben. Italienischen Medienberichten zufolge hat der
Bischof von Rom die Geistlichen der Diözese während eines Treffens angemahnt, anstelle von KI den eigenen Kopf für das Verfassen von Predigten zu nutzen. Eine Schlagzeile, die wie ein Witz klingt und zu einer banalen Erkenntnis führt: Priester sind auch nur Menschen. Manchmal faul, manchmal in Zeitnot, manchmal unkreativ. Wie viele tatsächlich Predigten mithilfe von
ChatGPT und Co. vorschreiben, lässt sich nicht feststellen. Wir haben Geistliche gefragt, was sie von KI im Priesteralltag halten.
Wolfgang Lehner leitet das Münchner Priesterseminar
St. Johannes der Täufer. Hier lernen 23 Seminaristen, was es heißt, heute für die katholische Kirche zu begeistern. KI benutzt er beispielsweise als Ideengeber für Workshops mit den Seminaristen. Schon früh stehen freie Einführungen in Gottesdiensten auf dem Plan, die irgendwann zur Predigt werden. Schummle jemand, merke er das sofort, sagt Lehner. „Die Predigt ist Zeugnis eines Menschen. Ich habe ein Thema und sage von mir, warum mir das wichtig ist.“ Und auch, warum es dem Kind in der ersten Reihe etwas bedeute, dem Paar in der Ehekrise, dem Kranken. Den Glauben leben durch das eigene Beispiel, darum geht es.Standardisierte KI-Texte verkündeten nicht, sie dienten nur der Informationsweitergabe. „Die Auslegung kann KI, die Verkündigung nicht.“ Wenn es die knapp bemessene Zeit eines Kaplans, der drei Gemeinden gleichzeitig betreut, nicht anders zulässt und dieser mal ausnahmsweise eine Predigt an die KI delegiert, hat
Wolfgang Lehner Verständnis. Aber: „Schau, was ist dir wichtig an dem Text. Trag ihn frei vor und lies nicht ab. Mach den Text zu deinem Text. Liefere den Menschen einen Anknüpfungspunkt, eine persönliche Note.“Anton Losinger, Weihbischof von Augsburg und ehemaliges Mitglied des Nationalen und des Deutschen Ethikrats, sieht die Sache ähnlich: „Irgendwann merkt es jeder, ob jemand im Grunde genommen eine Kopie, ein Abziehbild ist oder etwas Echtes, etwas Überzeugtes ist.“ Unverblümt sagt er trotzdem, er sei sich völlig bewusst, dass es Priester gebe, die auf
ChatGPT zurückgriffen für die Sonntagspredigt. Der ein oder andere wird nun denken: Halleluja. Denn nicht jeder Priester ist zum Prediger geboren. Auf den ersten Blick erscheint eine klar strukturierte Predigt aus einem Guss wie eine Erleichterung. Die KI als vermeintliche Denkflucht zu betrachten, wäre jedoch zu kurz gegriffen. Auch dient sie als Sparringpartner, als Strukturierungshilfe oder Testleser. Der „stochastische Papagei“Pater Dag Heinrichowski gehört dem Jesuitenorden an, schreibt in Frankfurt an seiner Doktorarbeit und betreut als geistlicher Begleiter die dortigen Priesterseminaristen. Den künstlich intelligenten Ghostwriter zu nutzen, fiele ihm nicht ein, wohl aber als Assistent im vorsonntäglichen Schreibprozess. Dieser überprüft den roten Faden, die verständliche Sprache, die Länge. Und manchmal auch, welche Floskeln sich im Text verstecken. Denn gerade zu hohen Festtagen könne der Besucher bisweilen ein „Bullshit-Bingo“ spielen: Es gewinnt, wer die meisten leeren Worthülsen findet. Heinrichowski hat in einem Buch den passenden Ausdruck gefunden: „Darin wurde KI als stochastischer Papagei bezeichnet.“ Während Künstliche Intelligenz dem einen also Zeit erspart, dient sie dem anderen als Werkzeug zur Verfeinerung. In gewisser Weise befolgt der Vortragende in beiden Fällen den Rat, die Autorenschaft über sein Werk nicht abzugeben, vorausgesetzt, eine persönliche Note fließt mit ein.Seelsorge als Teil des priesterlichen Alltags lässt sich jedoch nicht auf ein paar Stunden Gottesdienst in der Woche reduzieren. Ein Priester sollte zuhören können, denn er steht Menschen in existenziellen Situationen bei, von der Geburt über die Beichte bis zur Krankensalbung. Im Mittelpunkt der Arbeit eines Priesters steht das Gespräch, die Kommunikation mit anderen Menschen, oft in hochemotionalen Situationen und über existenzielle Fragen. Er bringt seine Menschlichkeit mit allen individuellen Charaktereigenschaften ein, er spricht mit Körper, Gestus und Stimmfarbe. Der Austausch mit ihm ist nicht vorhersehbar, wie er es nun einmal mit keinem Menschen ist. „Es kann sein, dass Sie auf einen Geistlichen treffen, der Ihnen Antworten gibt, mit denen Sie nicht zufrieden sind“, sagt Weihbischof Anton Losinger. „Aber ich behaupte, dass die Zuwendung eines Menschen, der Ihnen zuhört, der sich bemüht, Sie zu verstehen, bedeutsamer ist als ein quasi perfektes technologisches Instrument.“Schnelle Antworten in AusnahmezuständenPerfekt ist bisher keine KI, die Fehlerquoten sind hinreichend bekannt, die Erfindungsfreude auch. Persönliche, emotionale Angelegenheiten und Fragen, die kein Fachwissen erfordern, beantwortet der Seelsorger im Telefon dagegen einigermaßen treffsicher. Er hat einen Vorteil: Kontrollierbarkeit. Ein Chat-GPT-Nutzer kann den Tonfall der KI einstellen, sich selbst einen Spitznamen geben, mit dem er angeredet werden möchte, im Grunde die Unterhaltung nach seinen Vorstellungen gestalten. Eine KI sagt, was er in emotionalen Ausnahmezuständen hören möchte, sie ist in der Lage, schnelle Antworten zu liefern. Warten, Frustration aushalten, an der Situation wachsen, all das bleibt aus. Der Mensch müsse sich eben manchmal auf die Suche machen, vor allem, wenn er über existenzielle Fragen nachdenke, findet Anton Losinger. „Und dann trifft man vielleicht manches Mal auf eine Antwort, ein Wort, das einem weiterhilft.“ Das Leben habe seine eigenen Gesetze.Insbesondere wenn es um das komplexe Gefühl der Reue geht. In der Beichte offenbart der Mensch begangene Fehler in einem Umfeld, das sich für ihn bestenfalls sicher anfühlt. Jemand hört zu, versucht die Tiefen zu verstehen, die hinter dem großen Wort „Sünde“ stehen. Der Beichtende sucht nach Absolution. Eine KI ist dazu theoretisch auch in der Lage, wie ein Selbstversuch ergibt. Zwar würden wir uns sonst eher einer Freundin anvertrauen, als im Beichtstuhl zu knien, fordern aber nun
ChatGPT heraus, uns im Stil eines Priesters die Beichte abzunehmen. Salbungsvoll feuert der digitale Geistliche mit Worthülsen um sich, er will partout das Versprechen abringen, die Missetat zu gestehen, und spricht uns hoheitlich mit „Mein Kind“ an. Damit offenbart er ein eigenartiges Priesterbild, im echten Leben würden wir wohl den Raum verlassen. Bald ist die Geduld dahin, wir bestätigen gefühllos alles, was die KI hören will. Schon ist alles vergeben und vergessen. Eine Aufgabe von fünf Minuten. Die tiefe Erleichterung, die ein echtes, emotionales Gespräch bringt, ist nicht zu spüren, allenfalls ein kurzer Anflug. Das Bewusstsein, mit einem Apparat zu sprechen, bleibt.Im besten Fall bleibt mehr Zeit für die SeelsorgeKI stellt wohl keine Konkurrenz zur Seelsorge dar, die im Kern aus menschlicher Beziehungsarbeit besteht. Eine Studie der Harvard Business School von 2025 deckt diesen Eindruck. Der Großteil der Befragten gab an, Empörung über den Gebrauch von KI in Berufen zu empfinden, die auf engem Austausch mit Menschen in persönlichen Ausnahmesituationen basierten, darunter auch Therapeuten oder Erzieher. Auf Platz eins der Empörungsliste stehen die Geistlichen.Dass KI dennoch eine nützliche Assistentenrolle übernehmen könnte, lässt sich nicht bestreiten. In Zukunft könnte sie Verwaltungsaufgaben abnehmen, da sind sich Lehner, Losinger und Heinrichowski einig. Dazu könnte die Terminorganisation zählen ebenso wie das Verfassen des Gemeindeblatts. Wie in so vielen anderen Berufen freuen sich nämlich auch Priester über weniger Bürokratie- und Organisationsarbeit. Im besten Fall bleibt ihnen dann mehr Zeit für die Seelsorge, den direkten Kontakt zu den Gemeindemitgliedern.