Paula Rosolen hat ein Jahr lang in
Paris gearbeitet, nun kommt sie nach
Frankfurt zurück und kann ihr Stück „16 Bit“ im
Bockenheimer Depot zeigen. Und ein Open-Air gibt es auch.Im Regen sehen die Tänzer toll aus, aber mit etwas Glück herrscht gutes Wetter, wenn im Sommer „Beat by Bits“ von
Paula Rosolen in
Frankfurt auf der Straße Passanten überrascht. In
Paris jedenfalls, vor Notre-Dame und vor dem Hôtel de Ville, hat das auch bei miesem Wetter gut geklappt. Bevor Rosolen aber die auf unterschiedliche Räume angepassten und unter freiem Himmel tanzbaren Beats nach
Frankfurt bringt, mit denen sie zu Jahresbeginn auch die World Design Capital miteröffnet hat, kann sie einen Ort bespielen, den sie schon lange schätzt. Rosolens Stück „16 Bit“ wird im
Bockenheimer Depot gezeigt – große Bühne für eine Show, die 2022 im Frankfurter Mousonturm Premiere hatte.Im
Bockenheimer Depot hatte Rosolen als Praktikantin der
Forsythe Company vor rund 20 Jahren gedacht, es müsse wunderbar sein, die eigene Arbeit dort zu zeigen. „Damals war mir nicht klar, wie das Leben sich entwickeln würde“, sagt sie. Schaut man auf das derzeitige Programm der 1983 in
Argentinien geborenen Choreographin, kann man sagen: Es entwickelt sich bestens.Rosolen beendet gerade ihren Aufenthalt an der Cité internationale des Arts in
Paris. Dank der Hessischen Kulturstiftung hat sie ein Jahr dort verbracht, im Austausch mit internationalen Künstlern hat an ihren „Crashtest-Series“ weitergearbeitet, in denen sie Choreographie und Bildende Kunst verbindet, und war immer wieder für Gastspiele unterwegs. Dazwischen hat sie ihr jüngstes Stück „Noice/Noise“ am Frankfurter Mousonturm herausgebracht. Der Austausch, die „Open Studios“ der Cité, hat ihr viel gebracht, auch Einladungen, jetzt wird sie sich mit einer eigens geschaffenen Performance verabschieden. „Unglaublich, wie viel Sichtbarkeit man bekommt“, sagt Rosolen.Im
Bockenheimer Depot zu sehen: „16 Bit“Klaus GiggaParis, das ist für die Frankfurter Choreographin und Tänzerin seit etlichen Jahren eine Art zweiter Ankerpunkt. 2014 hat sie den ersten Preis bei Danse Élargie des Théâtre de la Ville gewonnen, es war das Jahr, in dem ihre Choreographie „Aerobics!“ international Aufmerksamkeit erregt hatte. Eine Zäsur im Leben und Arbeiten von Rosolen. Zuvor hatte sie sich, als Nachwuchskünstlerin beachtet, vor allem mit Tanzgeschichte und den Bedingungen von Tanz auseinandergesetzt.Seit „Aerobics!“ ist die Linie deutlich: Rosolen befasst sich mit im weiten Sinne populärkulturellen Phänomenen, die sich in Körper einschreiben – und die sie tänzerisch untersucht. Punk ist so zu einem ihrer Themen geworden, Flaggen und Signale sind es ebenfalls, auch unser zwiespältiges Verhältnis zu Puppen und Marionetten. Im jüngsten Stück „Noice/Noise“ geht es, überaus schillernd, um Lärm. Es sind Phänomene, die jeder zu kennen glaubt, die Rosolen uns, im Tanz, neu zur Betrachtung stellt.Deutsche Technogeschichte: Sozialer KlebstoffSo ist das Tanzstück „16 Bit“, 2022 uraufgeführt, nichts weniger als eine Studie des Techno. „Wir haben die Technogeschichte in Deutschland reflektiert“, erläutert Rosolen. Techno sei ein transnationales Phänomen, in Deutschland habe es eine interessante Entwicklung als eine Art „sozialer Klebstoff“ nach dem Fall der Mauer gehabt. Die „Wiedervereinigung auf dem Tanzboden“ sei ein thematischer Teil des Stücks, sagt Rosolen.Großes Lob hat „16 Bit“ bekommen, es ist getourt – nur in
Frankfurt, wo Rosolen seit 2003 lebt, konnte es nicht mehr gezeigt werden. Dabei sind sie und „Haptic Hide“, die kleine Produktionsstruktur, die Rosolen sich geschaffen hat, über die sie ihre Arbeiten managt, freie Tänzer für die jeweiligen Stücke engagiert und Mittel akquiriert, längst keine Unbekannten mehr.„In Deutschland werden Stücke oft nur zwei-, dreimal gezeigt, deshalb ist es toll, dass jetzt noch einmal mein Repertoire gezeigt wird“, so Rosolen. Dass das hiesige System verlangt, mehr und mehr zu produzieren, ohne Strukturen und Mittel für die Wiederaufnahme freier Produktionen, hat sie in früheren Jahren schon bitter erfahren. Bis zu dem Punkt, an dem sie der vielen Hürden wegen überlegte, das freischaffende Choreographieren an den Nagel zu hängen.Zum ersten Mal seit drei Jahren sieht sie ihre Familie„Es ist nie selbstverständlich, es gibt immer Krisen. Und nicht jeder Künstler hat dieselbe Kondition“, sagt Rosolen. „Ich bin ganz alleine nach Deutschland gekommen, ohne Eltern, ohne Netzwerk, ohne ein reiches Kind zu sein.“ Das habe viel Kraft gebraucht. Nach dem Studium drohte Rosolen, obwohl sie gut vernetzt und als junge Tänzerin freischaffend tätig war, wie vielen jungen außereuropäischen Künstlern, die in Deutschland ausgebildet werden, das Ende der Aufenthaltsgenehmigung. Auch die Gründung ihres eigenen Tanzunternehmens war mit vielen Schwierigkeiten verbunden. „Seit ich eingebürgert war, ist es viel einfacher geworden“, sagt sie rückblickend.Bislang hat sie eine Zweijahresförderung der Stadt
Frankfurt bekommen, dazu muss sie weitere Mittel bei Bund und Ländern, bei den jeweiligen Koproduzenten und Stiftungen einwerben. Viel Arbeit. „Die Zeit für die Kunst muss man sich erst einmal schaffen“, sagt Rosolen – der Rest macht so viel aus. In diesem Jahr wird sie, zum ersten Mal seit drei Jahren, ihre Familie in
Argentinien besuchen können, sie macht eine Auszeit. In früheren Stücken, wie „Aerobics“, hat sie selbst getanzt, jetzt ist sie das Auge von außen.François BerthierDie finanziellen und administrativen Herausforderungen waren mit ein Grund dafür, dass Rosolen nach dem Tanzstudium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und dem Master in Choreographie und Performance am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen auch noch einen Master of Business Administration absolviert hat. „Man ist sehr verletzlich, wenn man Dinge will, aber andere Faktoren über einen entscheiden“, so Rosolen. Der MBA war eine Investition in ihre Zukunft, denn Kunstmanagement ist dafür essenziell – und liegt jenseits der Komfortzone.Sie hat mit Anwälten, Unternehmensberatern und Bankern studiert. „Ich war in jeder Hinsicht die Diversitätsquote“, sagt sie trocken – ein „Realitätsschock“. Aber einer, der für enormen Wissenstransfer gesorgt hat. Dinge zu verbinden, die unverbunden scheinen, habe sich gelohnt. In einer Tanz- und Theaterwelt, in der Frauen immer noch selten Machtpositionen innehaben, kann sie für sich sagen, der Wissenstransfer habe geklappt. Wohin das führt? Mal sehen. „Ich arbeite dafür, in der Zukunft Möglichkeiten und Werkzeuge zu haben, in der Kultur, der Politik, um auf unterschiedlichen Ebenen sprechen zu können.“Nun hofft sie, mit einer Dreijahresförderung der Stadt weitermachen zu können. Seit 2022 hat sie enorm viele neue Stücke geschaffen. Sie am Laufen und am Touren zu halten, kostet Geld, nichts geht ohne Fördermittel. Die Mittel aus der Tanzpakt-Förderung haben ihr Wind unter die Flügel gegeben, doch Rosolen sorgt sich, weil viele Förderlinien gekürzt werden und zugleich die Kosten enorm steigen.Erst einmal leitet sie weiter ihre eigene kleine Company, mit Tänzern unter Vertrag, je nachdem, was sie plant. Sie ist gefragt als Coach und Mentorin, hat erste Stücke an Stadttheatern als Choreographin im Auftrag realisiert. Und wenn „16 Bit“ im
Bockenheimer Depot gezeigt worden ist, wird sie am 7. Mai als einzige Vertreterin aus Deutschland beim Festival „Spring Forward“ der europäischen Tanzorganisation Aerowaves dabei sein, mit „Noice/Noise“ im portugiesischen Guimarães. Dafür muss sie die Proben am Staatstheater Darmstadt unterbrechen, wo sie für das von Ayla Pierrot Arendt mit zahlreichen Künstlern entwickelte KI-Musiktheater „Anfänge“ choreographiert.Zeit für ein bisschen Aufenthalt in der Frankfurter Wahlheimat zwischen den Gastspielen wird es auch mit „Beat by Bits“ im Sommer geben. Schließlich ist die Pop-up-Fassung aus Material von „16 Bit“ in
Frankfurt entstanden, 2022 auf der Treppe der Honsellbrücke am Kunstverein Familie Montez.„16 Bit“ wird am 9. und 10. April von jeweils 20 Uhr an im
Bockenheimer Depot Frankfurt gezeigt.