PfadnavigationHomeRegionalesHamburgSchuleEndstation Klasse 6 – Zahl der Gymnasiumsabgänge steigt wiederStand: 09:58 UhrLesedauer: 7 MinutenNach der sechsten Klasse werden in
Hamburg hunderte Schüler abgeschult und fangen in Klasse 7 an der
Stadtteilschule neu an. Für viele Sechstklässler bedeutet das Stress.Quelle: picture alliance/Zoonar/TITOVA ILONANach der sechsten Klasse entscheidet in
Hamburg mitunter eine einzige Note über den Verbleib am
Gymnasium oder den Wechsel an die
Stadtteilschule. Nach den Corona-Jahren steigen die Abgänge nun wieder deutlich.Exakt 1002 Kinder wechselten im Sommer nach der sechsten Klasse von einem Hamburger
Gymnasium an eine
Stadtteilschule, weil ihre Leistungen nicht gut genug waren. 1002 Jungen und Mädchen, die sich schon kurz nach dem Wechsel auf die weiterführende Schule wieder an eine neue Schule, eine neue Klasse und neue Schulkameraden gewöhnen mussten. Offiziell spricht man in
Hamburg vom „Schulformwechsel nach Klasse 6“, doch umgangssprachlich heißt es schlicht: abgeschult.12,1 Prozent aller Sechstklässler an Hamburger Gymnasien waren im abgelaufenen Schuljahr betroffen – fast jedes achte Kind. Die Corona‑Jahre hatten die Zahlen zeitweise verzerrt, weil Lehrkräfte angehalten waren, Lernrückstände milder zu bewerten. Jetzt greift das Regelwerk wieder vollständig. Auch in diesem Schuljahr wird mit ähnlichen Zahlen gerechnet.Lesen Sie auchGeregelt ist der Schulformwechsel in Paragraf 13 der Ausbildungs‑ und Prüfungsordnung für die Jahrgangsstufen 5 bis 10 der
Stadtteilschule und des Gymnasiums. Die Vorschrift knüpft den weiteren Besuch des Gymnasiums unter anderem an Leistungen in drei Fächern. In
Deutsch,
Mathematik und
Englisch muss auf dem Zeugnis mindestens eine Vier stehen. Auch der Gesamtschnitt aller Noten darf nicht schlechter als „ausreichend“ ausfallen. Bei drei Fünfen in Nebenfächern auf dem Zeugnis endet der Weg am
Gymnasium ebenfalls automatisch. In der Folge müssen die Stadtteilschulen jedes Jahr hunderte Kinder in ihren siebten Jahrgängen aufnehmen. Zusätzliche Ressourcen stellt die
Schulbehörde dafür nicht bereit. Die Schulen sollen die Integration im bestehenden System leisten.Schülerwanderung in der Größe mehrerer mittlerer GymnasienDass diese Konstellation nicht neu ist, zeigt ein Blick in die Hamburger Bildungspolitik vor 25 Jahren. Damals stieg die Nachfrage nach dem
Gymnasium als Schulform gerade stark an. Im Jahr 2000 wechselten schon rund 44 Prozent der Viertklässler aufs
Gymnasium. Als Treiber dieser Entwicklung wurde bereits damals das freie Elternwahlrecht genannt, also die Möglichkeit, Kinder auch ohne Empfehlung am
Gymnasium anzumelden. Die Folge: eine stetig wachsende Zahl von Schulformwechslern, die die Politik in Aufregung versetzte. In einer Stellungnahme der
Schulbehörde – damals unter Senatorin Ute Pape (SPD) – ist über alle Jahrgänge hinweg von einer jährlichen „Schülerwanderung in der Größe mehrerer mittlerer Gymnasien“ die Rede. Zugleich wird beschrieben, wie belastend der Weg dorthin für viele Kinder sei, geprägt von „Demotivierung und fortlaufenden Versagenszuschreibungen“. Lesen Sie auchHamburg hat sein Schulsystem in der Zwischenzeit grundlegend reformiert, etwa das Zwei-Säulen-Modell eingeführt, durch das es neben den Gymnasien nur noch die Stadtteilschulen gibt. Am Trend, dass es in Klasse 5 viele Gymnasiasten gibt, die später aber abgeschult werden müssen, hat das nichts geändert.Dabei verteilen sich die Abschulungen keineswegs gleichmäßig über die Stadt, wie die Linken mit einer Anfrage an den Senat jüngst an die Öffentlichkeit gebracht haben. So geben einige Gymnasien Jahr für Jahr mehr als ein Viertel ihres sechsten Jahrgangs ab. Am Louise‑Weiss‑
Gymnasium lag die Quote in diesem Sommer bei rund 28 Prozent, am
Gymnasium Marienthal bei 27,4 Prozent, am Alexander‑von‑Humboldt‑
Gymnasium bei 27 Prozent.Einige Gymnasien halten fast alle SchülerDem gegenüber stehen Gymnasien, die ihren Jahrgang nahezu vollständig halten. Am Christianeum, am
Gymnasium Othmarschen oder am Helene‑Lange‑
Gymnasium liegt die Abschulungsquote deutlich unter fünf Prozent. Dazwischen liegt ein breites Mittelfeld. Die meisten der Hamburger Gymnasien bewegen sich bei den Abschulungen zwischen zehn und unter 20 Prozent. Dabei lohnt der Blick auf die Frage, wer am Ende geht. Von den abgeschulten Kindern hatten rund zwei Drittel keine Gymnasialempfehlung. An einzelnen Gymnasien lag dieser Anteil deutlich höher – am Alexander‑von‑Humboldt‑
Gymnasium bei rund 76 Prozent, am
Gymnasium Süderelbe bei über 80 Prozent.Lesen Sie auchAn anderen Schulen fällt das Bild deutlich anders aus: Am Kurt‑Körber‑
Gymnasium hatten nur rund 38 Prozent der Abgeschulten zuvor keine Empfehlung, 62 Prozent der Kinder, die das
Gymnasium nach Klasse 6 verlassen mussten, waren von ihren Grundschullehrkräften als stark genug eingeschätzt worden.Genau an dieser Stelle verweist auch die
Schulbehörde auf einen systematischen Zusammenhang. Über alle Gymnasien hinweg, heißt es dort, müssen im Schnitt 60,2 Prozent der Kinder ohne Gymnasialempfehlung am Ende der sechsten Klasse das
Gymnasium verlassen. An einzelnen Schulen liege dieser Anteil sogar zwischen 80 und 100 Prozent. Behördensprecher Peter Albrecht spricht von einem „deutlichen Zusammenhang zwischen Gymnasialempfehlung und der Wahrscheinlichkeit, auch am Ende von Klasse 6 am
Gymnasium zu bleiben“ – betont jedoch zugleich, eine Garantie sei die Empfehlung nicht.Gründe fürs Abschulen lange vor Klasse 6?Zugleich verweist die Behörde ausdrücklich auf Gegenbeispiele. An mehreren Gymnasien gelinge es dem Großteil der Kinder ohne Empfehlung, den Übergang in die siebte Klasse zu schaffen. Dort verbleiben bis zu 78 Prozent der Kinder ohne Empfehlung am
Gymnasium. Entscheidend seien, so Albrecht, „einerseits die individuellen Voraussetzungen des Kindes und andererseits die Förderung durch die Schule“.Für Birgit Stöver, CDU‑Abgeordnete und seit Jahren mit schulpolitischen Fragen befasst, liegt der entscheidende Punkt nicht am Ende der sechsten Klasse, sondern deutlich davor. Der erneute Anstieg der Abschulungen überrasche sie nicht, sagt sie WELT AM SONNTAG. Während der Corona‑Pandemie seien die Schulen ausdrücklich aufgefordert gewesen, außergewöhnliche Lernbedingungen bei der Bewertung zu berücksichtigen. Dass die Zahlen nun wieder das Vorkrisenniveau erreichen, sei deshalb folgerichtig. Gleichzeitig betont Stöver, dass viele Kinder weiterhin mit Lernrückständen zu kämpfen hätten. Diese müssten gezielt ausgeglichen werden – allerdings möglichst früh.Lesen Sie auchZentral ist für sie die Phase des Übergangs nach der vierten Klasse. „Nicht immer deckt sich die ursprüngliche Schulwahl mit den individuellen Voraussetzungen oder der weiteren Entwicklung der Kinder“, sagt Stöver. Genau darin sieht sie einen Kern des Problems. Wo Erwartungen und tatsächliche Leistungsstände auseinanderliefen, entstehe später Frustration – für Kinder wie für Lehrkräfte.Einen zwingenden Verbleib am
Gymnasium hält sie dennoch nicht für einen gangbaren Weg. Kinder über Jahre „durchzuschleusen“, obwohl sie dauerhaft überfordert seien, sei keine „pädagogische Leistung“, sondern berge das Risiko eines späteren Scheiterns. Die Stadtteilschulen nennt Stöver ausdrücklich eine gleichwertige Alternative, die alle Abschlüsse ermögliche – das Abitur dort mit einem Jahr mehr Zeit.Auch Benjamin Mennerich, bildungspolitischer Sprecher der AfD, verortet den Kern des Problems im Vorfeld der Abschulungen. Schon den Begriff selbst hält er für verfehlt. Er sei ein „unsäglich deprimierendes“ Etikett, das einen notwendigen Schulwechsel emotional auflade, statt sachlich zu betrachten. Schulwechsel versteht Mennerich nicht als Ausnahmezustand, sondern als legitimes Instrument eines durchlässigen Systems. Entsprechend hält er es auch für sinnvoll, Wechsel nicht auf einen einzigen Zeitpunkt zu beschränken, sondern sie bei Bedarf in späteren Jahrgängen zu ermöglichen.Lesen Sie auchNach seiner Lesart sind die steigenden Zahlen oft Ergebnis fehlerhafter Einstufungen. Wo Menschen arbeiteten, passierten Fehler – auch bei Gymnasialempfehlungen. Um Lehrkräfte aus dieser Kritik herauszunehmen, plädiert Mennerich für standardisierte Tests, die schulische Leistungsfähigkeit objektiver abbilden sollen.Wie viel sind Gymnasialempfehlungen wert?Sehr viel grundsätzlicher fällt die Analyse von Sabine Ritter aus, bildungspolitische Sprecherin der Linken. Für sie sind die Abschulungen kein technisches Problem der Einstufung, sondern ein strukturelles. Die großen Unterschiede bei den Gymnasialempfehlungen zwischen verschiedenen Stadtteilen seien seit Jahren dokumentiert und spiegelten soziale Ungleichheit wider. Wenn Grundschulen in privilegierten Quartieren deutlich häufiger den Weg aufs
Gymnasium empfählen als solche in belasteten Lagen, beginne die Selektion lange vor Klasse 6. Dass dennoch mehr als ein Drittel der abgeschulten Kinder ursprünglich eine Gymnasialempfehlung erhalten habe, verschärfe die Problematik zusätzlich. Für Ritter wirft das erhebliche Zweifel am Instrument der Empfehlungen auf.Lesen Sie auch„Die meisten Kinder sind zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt“, sagt sie. Viele Bildungswissenschaftler hätten erhebliche Zweifel, dass eine Sortierung in dieser Entwicklungsphase sinnvoll oder fair sei. Für Ritter ist daher nicht die Frage entscheidend, wie Abschulungen besser organisiert oder sprachlich entschärft werden können, sondern ob dieses Verfahren grundsätzlich richtig ist. Das Wegschulen von Kindern nach Klasse 6 müsse beendet werden, fordert sie. Stattdessen plädiert sie für längeres gemeinsames Lernen und für deutlich stärkere Ressourcen dort, wo Brüche entstehen.Bemerkenswert ist die Schlussfolgerung, die die Bildungsbehörde aus ihren eigenen Befunden zieht. Zwar sei die Aufnahme vieler Kinder nach Klasse 6 für Stadtteilschulen „eine erhebliche Herausforderung“, verbunden mit „großem psychologisch‑emotionalem Unterstützungsbedarf“. Zugleich nähmen sie „vergleichsweise leistungsstarke Kinder“ auf, die „ihr Potenzial nach einer Übergangsphase entwickeln können“. Daraus leitet Albrecht einen Wunsch ab: „Wir würden uns wünschen, dass mehr Eltern von leistungsstarken Kindern diese Schulen anwählen“ – statt es zunächst am
Gymnasium zu versuchen.Redakteurin Julia Witte genannt Vedder arbeitet in der
Hamburg-Redaktion von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Hamburger Politik mit einem Schwerpunkt im Bereich Bildung.