Ein Vorspann in Schwarz-Weiß:
Lucia Ronchetti hat zur neuen Frankfurter „Turandot“-Inszenierung von
Andrea Breth einen Prolog komponiert.Wenn Puccinis Oper „Turandot“ am 12. April in der
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Frankfurt Premiere hat, erklingt vor der Ouvertüre ein Prolog, komponiert von der 1963 in Rom geborenen
Lucia Ronchetti. Die international gefragte Komponistin ist dem Publikum hier schon bestens bekannt. 2021 wurde in
Frankfurt ihre Oper „Inferno“ nach dem ersten Teil der „Göttlichen Komödie“ von
Dante Alighieri uraufgeführt, die Oper und Schauspiel gemeinsam in Auftrag gegeben hatten. Und zwei Jahre später gab
Thomas Guggeis seinen Einstand als Generalmusikdirektor und Chefdirigent des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters in der Alten Oper mit der Uraufführung von Lucia Ronchettis Orchesterwerk „Studio di ombre“, einer Auftragskomposition der Frankfurter Museums-Gesellschaft. Der „Turandot“-Prolog ist nun wiederum im Auftrag der
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Frankfurt entstanden.Puccinis letzte Oper ist bekanntlich unvollendet geblieben. Der Komponist starb 1924 im Alter von 65 Jahren, ehe er ein genreübliches Schlussduett fertigstellen konnte. Bekannt ist auch, dass die Librettisten
Giuseppe Adami und
Renato Simoni dem Textbuch auf seinen Wunsch hin eine Frauenfigur hinzufügten, die ihm als Opernkomponist besser lag als die schillernde Turandot. So kam Liù in das zugrunde liegende Märchenstück von Carlo Gozzi, eine Sklavin, die sich selbst tötet, um dem von ihr geliebten Calàf zu ermöglichen, Turandot zu heiraten. Findet Turandot vor Sonnenaufgang seinen Namen heraus, muss er sterben. Allein von Liù kann Turandot ihn erfahren. Und so meint Liù, nur durch ihren Tod sicherstellen zu können, dass niemand den Prinzen verrät.„Zu Anfang unserer Zusammenarbeit haben Intendant
Bernd Loebe, Dirigent
Thomas Guggeis und Regisseurin
Andrea Breth miteinander diskutiert, ob ich nicht einfach ein neues, zeitgemäßes Schlussduett schreiben soll oder einen Prolog oder beides“, erzählt Ronchetti in der
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Frankfurt. „Aber dann kam
Andrea Breth auf die Idee, sich der Person der Liù zu widmen.“Die Komposition „Io taceró“ ist abgestimmt auf die Neuproduktion, in der sich der Fokus auf die Sklavin Liù (vorne in der Mitte: Guangqun Yu) richtet.Bernd UhligDer Titel „Io taceró“ („Ich werde schweigen“) stellt einen Bezug zum gleichnamigen Madrigal von
Carlo Gesualdo (1566 bis 1613) her.
Lucia Ronchetti hatte schnell erkannt, dass Puccini in seiner Tonsprache, insbesondere bei der Gestaltung der Liù, auf dieses Madrigal zurückgegriffen hat: „Früher hat jeder Komponist, also auch Puccini, in seiner Ausbildung die Madrigale von Monteverdi oder Gesualdo studiert. Seit Strawinsky besinnen sich auch neuere Komponisten wieder darauf. Besonders dieses dritte Madrigal aus Gesualdos viertem Buch ist wie ein experimenteller Führer“, sagt Ronchetti.Gesualdo publizierte es kurz nach dem Mord an seiner Frau. Sie musste sterben, weil sie ihn eifersüchtig gemacht hatte. Gesellschaftlich war dieser „Ehren-Mord“ für ihn, der aus einer Fürstenfamilie stammte, kein Problem. Dennoch hat Gesualdo sehr darunter gelitten. In diesem Madrigal, für das er mutmaßlich auch selbst den Text geschrieben hat, lässt er seine ermordete Frau zu Wort kommen: „Ich will schweigen, aber mein Tod wird für mich schreien.“ In reicher Chromatik, mit vielen Dissonanzen, die nicht im konventionellen Sinne aufgelöst werden, fährt die auf fünf Singstimmen vergrößerte Getötete fort: Der Grausame möge nicht hoffen, dass ihr Leid und seine Härte verborgen blieben, denn ihr Schicksal werde dem Schweigen und dem Tod eine Stimme geben.Was Puccini vom Renaissancemeister Gesualdo übernahm„Dieselben Farben und Dissonanzen verwendet Puccini, um Liù zu charakterisieren“, sagt Ronchetti. Von Gesualdo übernimmt Puccini auch die modale, am Vorbild der griechischen Antike orientierte Tonalität, die gegenüber dem hierarchisch geprägten Dur-Moll-System mit seiner sprichwörtlichen „Dominante“ und dem durch den Grundton definierten „Fußbodengefühl“ einen eher schwebenden, durch die Chromatik zusätzlich aufgeweichten Charakter hat. „Wir haben das Gefühl, dass Puccini die Harmonie defunktionalisiert“, sagt Ronchetti. „Turandot charakterisiert er durch Bitonalität. Seine Liù klingt, als sei sie weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft angesiedelt, eine mythische Präsenz.“In ihrem Prolog stellt
Lucia Ronchetti eine Verbindung her zwischen den Chorsängern auf der Bühne und den Zuschauern im Saal: „Alle warten auf den nächsten von Turandot verordneten Mord. Alle sind anonym. Doch alle Frauen und Kinder im Chor stehen für die kleine Liù, und Liù steht für Frauen, die sich opfern. Für Frauen, die magersüchtig sind, für Frauen, die brutal getötet werden. Sie bleiben anonym, wir haben keine Informationen über sie.“In ihrem Prolog für Chor und Orchester gibt es dementsprechend auch keinen Text, wie die Komponistin erläutert: „Es gibt nur die naturalistischen Geräusche von Menschen, die warten und dabei Probleme haben und neben Momenten von Ekstase auch Momente von Panik. Wie Liù sollen sie schweigen. Nicht sagen, was sie wissen. Niemand wird je erfahren, was ihre Motivation ist. Und doch bekommen sie hier eine Stimme“ – im Sinne eines stillen Schreis, einer schreienden Stille. Wenn etwas emotional die Möglichkeit überschreitet, es in Worte zu fassen, bleibt nur ein Weinen, ein Weinen in der Musik, das Chor und Streicher hier jeweils anders angehen.Ihr sieben bis acht Minuten füllender Prolog sei kein autonomes Stück, sagt Ronchetti, sondern erfülle eine Funktion in der Inszenierung von
Andrea Breth, wie ein Vorspann in Schwarz-Weiß, der in eine Vorgeschichte einweiht. „Danach gibt es dann gleich die wunderbaren Farben von Puccini.“„Turandot“,
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Frankfurt, Premiere am 12. April, 18 Uhr, nächste Vorstellungen am 16., 19. und 25. April.