Dankbar hat sich die Partei gegenüber Riedel nicht gezeigt: Fünf Jahre später wischte die SED in ihrem Bemühen, nur noch Sportarten zuzulassen, in denen die eigenen Aktiven Weltniveau erreichen konnten, alles vom Tisch, was den Ruch des kapitalistischen Sports hatte: Tennis gehörte dazu, Ski alpin aber auch. Riedels Karriere war jäh abgeschnitten, frustriert stellte er die Skier in die Ecke.Erschwerte TrainingsbedingungenRiedels Geschichte ist dennoch eine Erfolgsstory, so bizarr sie sich anhört: als alpiner Skifahrer aus der DDR. Es ist aber auch eine Geschichte, die deutlich macht, wie sehr der Kalte Krieg die Karrieren von Sportlerinnen und Sportlern geprägt hat. Zur WM 1962 im französischen
Chamonix durfte Riedel nicht einreisen, weil Frankreich als
NATO-Mitglied den Sportlern aus dem Ostblock die Teilnahme verweigerte. Ein alpiner Skifahrer aus der DDR, kein Flachlandtiroler zwar, der Fichtelberg ist immerhin 1215 Meter hoch, trotzdem eine aus heutiger Sicht fast absurde Vorstellung. Im
Vogtland, im
Erzgebirge gab es zwar zu Riedels Zeiten zuverlässig Schnee im Winter, aber die Trainingsbedingungen waren ein Witz gegenüber dem, was die Bayern, die Österreicher, die Schweizer, die Südtiroler, die Sportler aus Hochsavoyen vorweisen konnten.Er präparierte seine Skier mit Bohnerwachs, das Abfahrtstraining wurde auf der Seilbahntrasse in
Oberwiesenthal simuliert, und im Sommer wurde auf gewässerten Wiesen Ski gefahren. Not macht erfinderisch. Auch auf der Streif mitgemischtRiedel hat das nicht abgeschreckt. Er mischte dennoch mit in der erweiterten Weltklasse, auf der berühmten Streif hatte er beim Training sogar mal die Bestzeit aufgestellt. Im Rennen wurde er Neunter, eine ehrenwerte Platzierung gegen
Jean-Claude Killy, gegen Willy Bogner und Karl Schranz, die Superstars der Szene.Sein Metier war ohnehin eher der Riesenslalom, und dort feierte er auch seinen größten Triumph. Auf der tückisch steilen Piste des Chuenisbärgli im schweizerischen
Adelboden düpierte er 1961 die gesamte Weltelite und gewann. Den Weltcup gab es damals noch nicht, dennoch hat Riedel immer wieder mit spürbarem Stolz darauf hingewiesen, dass es 53 Jahre brauchte, bis wieder ein Deutscher ganz oben auf dem Stockerl in
Adelboden stand:
Felix Neureuther. Dreimal hat Riedel an Olympischen Winterspielen teilgenommen, 1960 in Squaw Valley, 1964 in Innsbruck und 1968 in Grenoble, und schon um seine erste Teilnahme gab es Wirbel. 1960 trat Deutschland noch als gesamtdeutsches Team an, umso heftiger wurde im Vorfeld um die Startplätze zwischen West und Ost gefeilscht, gerungen, gestritten. Der Sport als Exerzierfeld im innerdeutschen Kalten Krieg.So war es auch bei Riedel: Vier Plätze hatte der DSV für die Abfahrt der Männer zur Verfügung, vergeben werden sollten sie nach den Platzierungen der Wettbewerbe des Weltverbands FIS.Gerangel um die StartplätzeDer DSV nominierte danach vier Westdeutsche und verwies auf die FIS-Regelung. Allerdings wurden dabei nicht nur die Leistungen aus dem aktuellen Winter, sondern auch aus dem Jahr zuvor eingerechnet. Dagegen erhob die DDR-Sportführung Proteste, noch bis kurz vor der Eröffnung der Spiele wurde hin und her gezerrt. Sogar noch am Krankenbett des damaligen DSV-Chefs Adolf Heine, der sich kurz vor den Spielen am Rückgrat verletzt hatte.Rückgrat war ein gutes Stichwort. Heine und der Chef de Mission, Georg Kunze, setzten sich gegen die westdeutsche Lobby, der sie ja selbst angehörten, durch, und beschlossen: Den vierten Startplatz bekommt der Ostdeutsche Riedel, da er im aktuellen Olympiawinter besser abgeschnitten hatte als sein West-Konkurrent Fritz Wagnerberger. Der Pressesprecher des DSV, der sich zuvor in antikommunistischen Tiraden ergangen hatte, wurde zurückgepfiffen und musste kleinlaut um Entschuldigung bitten. Wagnerberger wurde später in den Siebzigerjahren selbst Präsident des DSV, aber zu seiner Zeit gab es dann solche Streitfälle nicht mehr. Die DDR hatte selbst eine eigene Mannschaft zu den Spielen entsandt.Den Reisepass zurückgebenRiedel war da nicht mehr mit dabei. Alle seine Erfolge, der Sieg beim Slalom in Kranjska Gora, in Saalbach und in Maribor zählten nicht mehr, alpiner Skisport war in der DDR offiziell verpönt, erhielt keine nennenswerte Förderung mehr. Riedel musste zudem seinen Reisepass abgeben, Fahrten ins westliche Ausland, die bis dahin für den Alpinen selbstverständlich gewesen waren, fanden nicht mehr statt. Ihn hat das damals schwer getroffen, er fühlte sich auch mit 31 noch fit genug für die internationale Konkurrenz. Die Partei hatte ihn zuvor hofiert, er hatte sich als FDJ‑Vertreter für vier Jahre für die DDR-Volkskammer aufstellen lassen. Er war sicherlich kein Oppositioneller, aber in Sachen Sportplanung kannte die SED keine Gnade.Mit Weißflog gearbeitetSo musste Riedel umschulen, er wurde Trainer, unter anderem bei Wismut Aue im Fußball, er betreute Skisprungtalente, auch Jens Weißflog ging eine Zeit lang durch seine Hände. Beim Skispringen kannte er sich aus, mit diesem Sport hatte er als Kind angefangen, auch seine Diplomarbeit schrieb er zum Thema Skisprung: Anläufe bei Schanzen. Erst nach der Wende 1989 konnte er die alpinen Austragungsorte im Westen wieder besuchen, in
Adelboden wurde sein Fußabdruck in Beton gegossen und dort auf dem Place of Fame verewigt.Auf Skiern stand er noch bis ins hohe Alter, mit 88 Jahren ist
Eberhard Riedel am Ostersonntag gestorben. Und mit ihm ein Stück Sporthistorie: die Geschichte des alpinen Skisports in der DDR. In einem Land, in dem es irgendwann keinen alpinen Skisport mehr geben durfte.