Im Alter von 35 Jahren ist Antoine Griezman bei
Atlético Madrid wieder unverzichtbar geworden. Im Sommer verlässt er den Klub als Ikone – jetzt wartet der
FC Barcelona. Kann er sich mit einem Titel verabschieden?„The Last Dance – alles hat ein Ende“, schrieb
Antoine Griezmann vor einer Woche in seinen Profilen in den Sozialen Netzwerken. Für die Fans von Atlético de Madrid ist der Satz mit viel Pathos beladen, darüber zeigt der Franzose zehn Porträts von sich selbst im Trikot Atlético de Madrids in Jubelpose, schreiend, mit Fäusten in der Luft oder das Wappen des Vereins küssend. Seine Ankündigung, den Verein im Juli zum US-Klub
Orlando City zu verlassen, versüßt er so mit einem abermaligen Bekenntnis zu den „colchoneros“.Die Zukunft überlasse man aber besser der Zukunft, schreibt er etwas kryptisch, schließlich sei er ja noch da. Er werde sein Leben dafür hergeben, mit Atlético den Königspokal zu gewinnen und in der Champions League so weit wie möglich zu kommen. Der nächste heiße Tanz wartet schon: An diesem Mittwoch tritt Atlético beim
FC Barcelona zum Hinspiel im Viertelfinale in der Champions League an (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN).„Da werden wir mehr geben müssen“, sagte Atléticos Trainer
Diego Simeone am Samstag, nachdem Barça gerade 2:1 in Madrid gewonnen hatte. Atlético hatte sich da leichtsinnig selbst aus dem Spiel genommen. Der zum Außenverteidiger umgeschulte Stürmer
Nico González holte sich erst mit einem unverständlichen Handspiel eine Gelbe Karte ab und leistete sich in der Verlängerung der ersten Hälfte auch noch ein übles Foul, wofür er direkt Rot bekam. Griezmann blieb 60 Minuten lang blass, nach einer Stunde holte ihn Simeone vom Feld. Doch am Franzosen lag es nicht. „Antoine ist Fußball“
Diego Simeone, in Madrid stets nur „Cholo“ genannt, ist längst nicht mehr der Mauertrainer, der seine Fußballmannschaften extrem defensiv aufstellt und vorne auf ein Wunder hofft. Atlético spielt inzwischen einen attraktiven Offensivfußball, bei dem der 23-jährige
Giuliano Simeone auf der rechten Seite zeigt, dass er als Sohn des Trainers mehr als andere dafür tun muss, um in die Startelf zu kommen, mehr rennen und mehr Bälle erobern. Gegen Barça schoss er Atléticos einziges Tor. Von der linken Seite kommt der Argentinier
Julian Álvarez ins Spiel, mit 17 Treffern der erfolgreichste Torschütze im Kader, gefolgt von
Alexander Sorloth (16 Tore), dem klassischen Mittelstürmer.Griezmann durchläuft die Wandlung vieler Offensivstars, wenn sie älter werden. Der Weltmeister von 2018 spielt weniger in der Spitze, ordnet dafür Atléticos Spiel, bestimmt das Tempo, zeigt Übersicht, erobert viele Bälle, verteilt sie und stößt dann selbst in die Spitze vor. Die spanischen Medien bezeichnen ihn als „todocampista“, ein „Überallspieler“.13 Tore hat er in dieser Saison selbst geschossen, fünf hat er vorbereitet und laut dem Statistikportal Fotmob 45 Bälle erobert – für einen Stürmer in La Liga ein Spitzenwert. Die Torausbeute mag ernüchternd wirken, allerdings spielt der 35-Jährige auch nur noch selten 90 Minuten durch. Mehr als eine Stunde behält ihn Simeone kaum auf dem Rasen. Trotz allem gehört er zu den Spielern, die der Trainer besonders schätzt. „Antoine ist Fußball“, sagte er einmal, und vor wenigen Wochen: „Ich kann gar nicht sagen, wie wichtig Antoine für uns ist. Wegen seines offensiven Spiels und weil er defensiv arbeitet, wie er es immer schon getan hat.“Zum Abschied Griezmanns sagte Simeone, Griezmann habe dem Klub sein Leben geschenkt und habe nun das Recht, über seine Zukunft allein zu bestimmen. Damit nimmt der Argentinier allen möglichen Kritikern den Wind aus den Segeln, die Griezmann den Abschied übelnehmen könnten. So wird schon an der Legende gebastelt: 211 Tore und 92 Torvorlagen stehen in der aktuellen Statistik der zehn Spielzeiten von
Antoine Griezmann bei Atlético. Er gilt damit nun als der erfolgreichste Ausländer bei den Madridern. „Danke für alles, kleiner Prinz“ stand am Samstag auf einem Spruchband in der Fankurve.Vergessen ist damit auch das Zwischenspiel beim
FC Barcelona. 135 Millionen Euro überwies Barça 2019 für
Antoine Griezmann, der aber trotz eines Fünfjahresvertrags nur zwei Spielzeiten bei den Katalanen blieb. Griezmann kehrte zurück nach Madrid, zunächst als Ausleihe, wobei er auf einen Teil seines Gehalts verzichtete. Später zahlte Atlético dem
FC Barcelona noch 20 Millionen. In der Folge war der Franzose in Madrid nicht unumstritten, doch inzwischen hat man ihm den Wechsel verziehen.Für eine Vereinslegende ist die Titelausbeute mit einer spanischen Supercopa, einem Europa-League-Triumph und einem UEFA-Supercup jedoch etwas schmal. Ausgerechnet, als Atlético 2021 die Meisterschaft holte, spielte er in Barcelona. So will er zu seinem letzten Tanz mit den „colchoneros“ unbedingt einen Titel holen. Eine Chance dazu hat er am 18. April beim Endspiel um den Königspokal gegen die Real Sociedad aus San Sebastián. Aber er könnte Atlético auch noch als echter Champion verlassen – wenn Simeones Elf denn Barça aus der Champions League wirft. Zuletzt stand er mit Atlético 2016 in einem Endspiel der Königsklasse gegen Real Madrid und verlor im Elfmeterschießen. Diesmal soll es besser laufen. Eine Neuauflage des Finals gegen den Stadtrivalen ist möglich.