„Made in
Hanau“ steckt in vielem – und oft, ohne dass es jemand merkt: Von Autoreifen über Hochleistungsmagneten für Windräder bis hin zu Zahnfüllungen reichen die Produkte aus der hessischen Stadt. Sie ist ein Hotspot der Materialtechnik.Wenn Daten schnell durch Glasfaserleitungen fließen, das Display des Smartphones gestochen scharfe Bilder liefert, ein Gebäude mit Platten gedämmt wird oder der Katalysator im Auto Schadstoffe aus den Abgasen reinigt – dann sind mit einiger Wahrscheinlichkeit Komponenten aus
Hanau im Spiel. Denn die hessische Stadt ist einer der wichtigsten Standorte der Materialtechnik, Konzerne wie
Umicore,
Heraeus,
ALD,
Evonik,
Goodyear und die
Vacuumschmelze forschen und produzieren in der Industriestadt am Main. Die Palette reicht von leistungsfähigen Dauermagneten bis hin zu Autoreifen und Zahnersatz: „Material ist eine Querschnitttechnologie für Hightech. Darin steckt immer ein Stück
Hanau, auch wenn es der Endkunde nicht weiß“, sagt der städtische Wirtschaftsförderer
Andreas Kunz.Ein Hotspot der Materialtechnik: Damit wirbt die Stadt für sich als Wirtschaftsstandort, etwa 13.000 Beschäftigte zählt man nach eigenen Angaben in diesem Sektor. Die Stärke ist historisch gewachsen, einige der Unternehmen sind aus anderen in der Stadt hervorgegangen: Die Keimzelle der
Vacuumschmelze liegt bei
Heraeus, genauso die des Dentalspezialisten
Kulzer; am Unternehmen
Leybold waren
Heraeus,
Degussa und Metallgesellschaft beteiligt, aus dieser Kooperation ist später
ALD hervorgegangen. Die Hanauer Standorte von
Evonik und
Umicore finden ihren Ursprung wiederum in der früheren
Degussa: „Alles hängt zusammen“, sagt Kunz.Lokaler Akteur im internationalen UmfeldBeim Blick in die Geschichte darf man
Heraeus als den Trendsetter bezeichnen:
Heraeus" class="entity-link entity-person" data-entity-id="105289" data-entity-type="person">Wilhelm Carl
Heraeus, der die Apotheke der Familie übernommen hatte, entwickelte 1856 einen Knallgas-Gebläsebrenner, mit dem erstmals in größeren Mengen hochreines Platin gewonnen werden konnte. Anstoß hat das in der Stadt stark vertretene Schmuckhandwerk gegeben, dessen Goldschmiede sich mit dem zähen Edelmetall und seinem hohen Schmelzpunkt plagten. Bis heute sind übrigens Edelmetalle zum Beispiel für
Heraeus und
Umicore, diese Sparte ging aus der
Degussa hervor, wichtige Geschäftsfelder. Dieser Text entstammt der aktuellen Ausgabe des F.A.Z.-Wirtschaftsmagazins „Metropol“. Mehr erfahren
Hanau versucht, den Standort und seine Unternehmen zu pflegen, soweit es ein lokaler Akteur in einem internationalen Umfeld vermag. Das gilt zum Beispiel für zügige Genehmigungen oder auch bei Planungen zur Stadtentwicklung, bei der darauf geachtet wird, mit Wohnbebauung nicht zu nahe an die Industrieanlagen zu kommen und so mögliche Konflikte gar nicht erst aufkommen zu lassen. Denn für Kunz hat die Industrie „nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte“, die
Hanau wahren will. Als weitere Aufgabe nennt er die Kontaktpflege der Betriebe untereinander. Die Wirtschaftsförderung hat gerade eine Arbeitsgruppe zu Forschung und Entwicklung gegründet, in der die Fachleute der örtlichen Unternehmen Erfahrungen austauschen können. Auch die Vermittlung von Flächen gehört zum Geschäft der Wirtschaftsförderung, „da lässt sich noch manches realisieren, auch wenn das im internationalen Umfeld schwierig ist“.Lob von Unternehmen und KammerTatsächlich sehen auch die Unternehmen selbst
Hanau „sehr gut aufgestellt“. Das sagt Natasha Rohde, eine in doppelter Hinsicht wichtige Ansprechpartnerin. Zum einen ist sie Präsidentin der Industrie- und Handelskammer
Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern, vor allem aber zählt das von ihr und ihrem Mann geleitete Unternehmen selbst zum Materialtechnik-Cluster: Bei Rohde werden unter anderem spezielle Schutzgasöfen gebaut, die in der Wärmebehandlung von Materialien eingesetzt werden. Sie lobt, wie
Hanau mit und unter den Unternehmen Kontakte knüpft: „
Hanau ist gut für Netzwerke“, lautet ihr Urteil, „man bringt die Leute an einen Tisch.“Edelmetallverarbeitung heute: Ein Mitarbeiter von
Heraeus Precious Metals gibt Palladiumplatten in den Schmelztiegel.Maximilian von LachnerZufrieden sind nach ihrer Einschätzung die Unternehmen auch mit dem Flächenangebot in der Stadt, auch wenn „es langsam weniger wird“. Der Umgang mit Grundstücken war einer der Gründe, warum ihr Unternehmen vor einigen Jahren umgezogen ist:
Hanau bot schneller ein für Rohde geeignetes Areal an als die Nachbarstadt, in der man zuvor seinen Sitz hatte.Ein positives Urteil fällt auch
Umicore-Vorstand Bernhard Fuchs, dessen Konzern seinen mit 900 Mitarbeitern größten deutschen Standort in
Hanau unterhält, an dem zu Katalysatoren für die Abgasreinigung und für Brennstoffzellen gearbeitet wird. Die Stadt schaffe Rahmenbedingungen, die für technologieintensive Unternehmen essenziell seien, und biete ein Umfeld, das hervorragend zu
Umicore als globalem Materialtechnologieunternehmen passe.Auch Fuchs nennt die Konzentration der Materialwissenschaft in der Stadt als eine Stärke, die spezialisierte Fachkräfte anziehe. In diesem „Ökosystem für Innovation“ sei ein regionales Umfeld als attraktiver Wohnort für
Umicore wichtig, um Spezialisten für das Unternehmen zu gewinnen. Als Wunsch an die Stadt, der er einen „konstruktiven und lösungsorientierten Austausch“ mit seinem Unternehmen bescheinigt, nennt Fuchs weitere Investitionen in Bildungs- und Forschungskooperationen, gerade im mathematisch-naturwissenschaftlichen Feld, und die Unterstützung bei Genehmigungsverfahren.Dauerthema BürokratieAndere Wünsche von Unternehmern wie Fuchs und Rohde liegen allerdings außerhalb der Möglichkeiten der Stadt: Bürokratie ist ein großes Thema, das nach Rohdes Eindruck zu zaghaft angegangen wird: „Es ändert sich eben nichts.“ Fuchs spricht sich zum Beispiel für in ganz Europa einheitliche Vorschriften aus und für schnellere Genehmigungsverfahren, um die „Wertschöpfungsketten für kritische Rohstoffe“ zu sichern. In diesem Zusammenhang nennt er das Stichwort der „zirkulären Wirtschaft“, also die Rückgewinnung der raren Materialien. Vor diesem Hintergrund ist es kein Zufall, dass die Fraunhofer-Einrichtung für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie, kurz Fraunhofer IWKS, in
Hanau einen ihrer Forschungsstandorte unterhält.