Die Mainzer überraschen sich mit starken Auftritten in der
Bundesliga und
Conference League. Nun zählen sie zu den Favoriten im internationalen Wettbewerb. Was sind die Gründe?Der
FSV Mainz 05 erreicht als einer von drei deutschen Fußballvereinen das Viertelfinale eines europäischen Wettbewerbs: Wer diese These im Spätherbst vertrat, brauchte sich nicht zu wundern, wenn andere ihm seinen (Fußballsach-)Verstand absprachen. So sehr, wie die Rheinhessen durch die
Bundesliga stolperten, und so wenig sie sich, trotz positiver Resultate, in der
Conference League mit Ruhm bekleckerten, musste man ihnen eher ein vorzeitiges Aus in Europa wünschen, damit sie sich ganz auf den Abstiegskampf konzentrieren können.Doch die Dinge haben sich grundlegend geändert. Hier wie dort spielen die Mainzer inzwischen einen so überzeugenden wie erfolgreichen Fußball. Hier, auf nationaler Ebene, fehlen nicht mehr viele Punkte zum Klassenverbleib. Dort, im internationalen Geschäft, haben sie unter Trainer
Urs Fischer schon jetzt alles überboten, was sie je zuvor erreicht hatten.Viermal durfte der Klub sich bislang in Europa versuchen. 2005/06 verhalf die Fair-Play-Wertung im ersten Bundesligajahr der von
Jürgen Klopp trainierten Mannschaft in die Qualifikation für den
UEFA Cup. Nach Erfolgen gegen Mika Aschtarak (Armenien) und IB Keflavik (Island) kam das ehrenvolle Aus gegen den späteren Cupsieger
FC Sevilla. Dem 0:0 in Spanien folgte ein 0:2 im Frankfurter Waldstadion; die Arena am Europakreisel existierte damals noch nicht, und der Bruchweg war für solche Spiele nicht geeignet.Mainz leistet VereinshistorischesSechs Jahre später wurde es peinlich: In der Qualifikation zur
Europa League scheiterten die Mainzer unter
Thomas Tuchel beim rumänischen No-Name-Klub Gaz Metan Medias im Elfmeterschießen. 2014/15 verpassten sie den Einzug in die Gruppenphase gegen Asteras Tripolis (1:0 und 1:3). Und in der übernächsten Saison, von
Martin Schmidt direkt in die Gruppenphase geführt, schieden sie als Tabellendritter hinter AS St. Etienne und dem RSC Anderlecht aus.Insofern haben sie in dieser Saison wiederholt Vereinshistorisches geleistet: zunächst mit dem Einzug in die K.-o.-Runde und dann, indem sie sich gegen
Sigma Olmütz durchsetzten und ins Viertelfinale einzogen. An diesem Donnerstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur
Conference League und bei RTL+) steht das Hinspiel gegen
Racing Straßburg an.„Ein Viertelfinale in der
Conference League spielt man nicht jedes Jahr“: Für Stefan Posch (rechts) darf die Europareise der Mainzer gerne weitergehen.dpaDass sie sich parallel dazu in der
Bundesliga dank 21 Rückrundenpunkten – mehr sackten nur Borussia Dortmund und der FC Bayern ein – auf den neunten Tabellenplatz vorgearbeitet haben, macht die Entwicklung noch erstaunlicher. Und belegt, dass die Doppelbelastung dem Erfolg nicht abträglich sein muss. Im Gegenteil.Dabei hat Trainer
Urs Fischer in der jüngsten englischen Woche mit den Siegen in Bremen, gegen Olmütz und die Frankfurter Eintracht nicht mal die Rotationsmaschine angeworfen, sondern dreimal die nahezu identische Anfangsformation aufgeboten. Lediglich im Sturm wechselten sich der in der
Conference League nicht spielberechtigte Sheraldo Becker und Nelson Weiper ab.Jetzt soll es knisternIhren Hunger haben die 05er noch nicht gestillt, weder die Akteure noch die Fans, die ihren Klub zum Zuschauerkrösus der
Conference League machen. Die Tickets für Auswärtsspiele waren stets im Nu vergriffen, die Kontingente oft zum Ärger der Mainzer Anhänger arg reduziert. Und zu Hause weisen sie einen Schnitt von 31.125 Besucherinnen und Besuchern auf – es folgen Lech Posen (24.822) und Crystal Palace (20.367).„Der zwölfte Mann hat uns die ganze Zeit toll unterstützt, von der ersten Minute an, die ich hier bin“, lobte Fischer das Engagement der Fans bei der Pressekonferenz am Mittwoch. „Sie tragen einen wesentlichen Teil dazu bei, dass wir es nicht so schlecht machen, dass wir Spiele gewonnen, Punkte geholt und uns fürs Viertelfinale qualifiziert haben.“ Der Trainer geht davon aus, dass die Anhänger auch „in diesem speziellen Spiel bereit sein werden. Jetzt gilt es zu schauen, dass auch wir bereit sind.“Eine Stimmung wie in der vorherigen Runde gegen Olmütz erwartet Stefan Posch. „Ein Viertelfinale in der
Conference League spielt man nicht jedes Jahr“, sagte der Innenverteidiger. „Wenn es jetzt nicht knistert, weiß ich nicht, wann es knistern soll.“ Der im Januar an den Bruchweg gekommene österreichische Nationalspieler räumte ein, er habe die Entwicklung der Mannschaft nicht in diesem Maße erwartet – zu der die Stimmung im Stadion eine Menge beitrage. „Es gibt uns viel Kraft, wenn die Mannschaft spürt, dass alle hinter uns stehen.“
Racing Straßburg, Tabellenachter der französischen Ligue 1 und Heimatklub des seit Monaten verletzten 05-Verteidigers Anthony Caci, gehört wie Crystal Palace zum engeren Kreis der Conference-League-Favoriten. Inzwischen muss man die Mainzer ebenfalls zu den Anwärtern zählen, das Leipziger Zentralstadion nach dem Finale am 27. Mai als Sieger zu verlassen; es wäre ihr erster Titel nach dem Gewinn der Deutschen Amateurmeisterschaft im Jahr 1982.