F.A.Z.-Leser haben im Jahr 2020 für das Frankfurter Suizidpräventionsprojekt
LoKi gespendet. Ziel war es, niedrigschwellige Sprechstunden für Menschen in seelischen Krisen anzubieten. Wie gut ist das gelungen?Eine gewisse Frustrationstoleranz ist Grundvoraussetzung für
Andreas Reif, um in seiner Position als Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am
Frankfurter Uniklinikum bestehen zu können. Wer in einem solch sensiblen Feld arbeitet, wer so viele Patienten mit teils schwersten psychischen Erkrankungen sieht, der muss mit dem Gefühl umgehen können, nicht immer alle Probleme lösen zu können. Oft gelingt ihm das. Längst aber nicht immer. Dann beispielsweise nicht, wenn er den Eindruck hat, nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben.Wie etwa beim Thema Suizidprävention. Reif sieht zwar, dass schon vieles erreicht wurde, um Menschen in akuten Krisen Hilfe anzubieten. Er sieht aber auch, dass Chancen verpasst werden. Ein Grund dafür ist laut Reif eine lückenhafte Datengrundlage. Es wird angenommen, dass die Zahl der Suizidversuche etwa 20 Mal höher liegt als die der Suizide. Eine Dunkelziffer werde es hier immer geben, sagt Reif. Denn längst nicht alle Betroffenen würden anschließend medizinisch versorgt, mitunter bleibe ein solcher Vorfall im Umfeld völlig unbemerkt.Und selbst wenn Patienten nach einem solchen Ereignis in einer Klinik behandelt würden, gebe es noch keine systematische Erfassung der Daten. „Wir erheben in Deutschland jeden Quatsch. Aber wir erheben nicht, wie viele Suizidversuche stattfinden.“ Bisher fehlt eine Gesetzesgrundlage, die Ärzte und Kliniken in die Pflicht nimmt. Mehr Daten könnten helfen, das Vorsorgeangebot auszubauen und Menschen in Krisen zu erreichen. „Ich finde es tragisch, dass wir so wenig Wissen über Suizidversuche haben“, sagt Reif.Manchmal wird ein Schuldenberater und kein Psychologe gebrauchtReif und seine Kollegen müssen mit Daten arbeiten, deren alleinige Existenz sie jedes Mal daran erinnert, dass das Thema Suizidprävention einen noch größeren Raum einnehmen muss. Denn die Daten, aus denen sie Kenntnisse ziehen, basieren auf erfassten Selbsttötungen. Sie geben beispielsweise Aufschluss darüber, wie alt die Menschen waren, die für sich keine Perspektive mehr erkennen konnten, wo sie gelebt haben, zu welcher Tages- oder Nachtzeit sie sich das Leben genommen haben. Am Wochenende, so Reif, steige die Zahl der Suizide. „Einer der höchsten Risikofaktoren ist Alkoholkonsum“, sagt er. „Die Impulsivität ist dann höher.“ Dieses Wissen allein könne schon helfen, um Hilfsangebote gezielter zu platzieren.Im Jahr 2020 ist das von Reif geleitete Projekt
LoKi durch die Aktion F.A.Z.-Leser helfen unterstützt worden.
LoKi steht dabei für „Lokale, niedrigschwellige Krisenintervention in
Frankfurt“. Ziel war und ist es unter anderem, anhand der Datenanalyse in Frankfurter Stadtteilen und Quartieren, in denen die Suizidrate besonders hoch ist, einen niedrigschwelligen Zugang zu psychischer Hilfe aufzubauen. Verena Komanek-Prinz, Oberärztin an der Frankfurter Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, ist für diese Stelle gewonnen worden. Knapp fünf Jahre nach Projektbeginn zieht sie Bilanz.Verena Komanek-Prinz leitet das Projekt
LoKi, für das die F.A.Z. im Jahr 2020 Spenden sammelte.Lucas BäumlSie bietet regelmäßig Sprechstunden in Preungesheim und im Jugendhaus in Nied an. An manchen Tagen, sagt sie, komme niemand vorbei. Sie bleibt trotzdem. Weil es Zeit braucht, um ein Angebot wie dieses bekannter zu machen. Und es braucht Vertrauen. An anderen Tagen sind es dafür gleich mehrere Menschen, die Rat bei der Anlaufstelle suchen. Und nicht immer gehe es um Suizidgedanken. Auch Liebeskummer oder Leistungsdruck, Zukunftsangst oder Jobverlust können Themen sein. „Es geht darum, denen, die noch keine Hilfe haben, eine Zutrittsplattform zu bieten“, sagt Komanek-Prinz. „Die Struktur steht jetzt, die werden wir nicht wieder einreißen“, ergänzt
Andreas Reif.Einmal hat die Ärztin einen jungen Mann in die Klinik begleitet, der sich ihr mit seinen Suizidgedanken anvertraut habe, vielen anderen habe sie erst einmal nur zugehört. „Ich kann die Probleme nicht direkt lösen. Ich kann auch keine Therapieplätze herzaubern“, sagt Komanek-Prinz. „Ich kann aber versuchen, alles ein bisschen in die richtigen Bahnen zu lenken und Hilfe einzuleiten.“ Manchmal stelle sich heraus, dass das Belastende einer Situation nicht auf psychische Probleme, sondern auf schwierige Lebensbedingungen zurückzuführen sei. Dann suche sie auch schon einmal den Kontakt zu einem Schuldnerberater statt zu therapeutischen Einrichtungen heraus.Projekt Ancora richtet sich an junge ZielgruppeUrsprünglich sei es geplant gewesen, die Akutsprechstunde in mehreren Stadtteilen, etwa im Mainfeld in Niederrad oder auch im Bahnhofsviertel, aufzubauen. An diesen Standorten ist das Projekt aber „gescheitert“, wie Reif sagt. Sein Urteil klingt hart. Aber es ist nicht seine Art, sich in Sackgassen einzurichten. Es sei einfach nie richtig angelaufen, sagt er. Trotz zahlreicher Versuche sei es nicht gelungen, den Kontakt in die Quartiere hinein aufzubauen. Gemeinsam mit seinem Team sucht er deshalb neue Wege, um die Suizidprävention in
Frankfurt breiter aufzustellen und Menschen in akuten psychischen Ausnahmesituationen zu erreichen. Das Ziel „Zero Suicide“, also gar keine Suizide mehr, sei nicht realistisch, gibt er zu bedenken. Das dürfe aber nicht bedeuten, sich nicht um diejenigen zu bemühen, die noch erreicht werden können.Das Projekt
LoKi existiert in der ursprünglich geplanten Form und Größe nicht mehr. Geblieben sind jedoch die direkte Hilfe in den Quartieren und die dafür geschaffene Stelle, die Verena Komanek-Prinz ausfüllt. Hinzu kommt ein Netzwerk, das in den vergangenen Jahren rund um die Suizidprävention entstanden ist. Auch deshalb spricht
Andreas Reif von „
LoKi 2.0“: Das Ursprungsprojekt hat sich weiterentwickelt und ist in Teilen im neuen Projekt Ancora aufgegangen. Es bietet vor allem jungen Menschen bei ersten psychischen Beschwerden einen unkomplizierten und auf Wunsch anonymen Zugang. Bewusst sei eine Anlaufstelle außerhalb der Uniklinik gewählt worden, sagt Komanek-Prinz, die auch dieses Projekt koordiniert.Die Beratungsräume befinden sich zentral am Campus Bockenheim. Dort bieten Psychologinnen und Ärzte unentgeltliche Termine für Diagnostik, Beratung und – falls nötig – eine Weitervermittlung in bestehende psychosoziale Hilfsangebote an. „Wir wollen jungen Menschen helfen, ein Gespür für ihre psychische Situation zu entwickeln – ohne lange Wartezeiten, ohne Hürden“, sagt Komanek-Prinz. Denn wenn Betroffene im jungen Alter keine Hilfe bekämen, bestehe ein hohes Risiko, dass psychische Schwierigkeiten den weiteren Lebensweg prägten, etwa durch Auswirkungen auf das Arbeitsleben oder die soziale Teilhabe.600 jungen Menschen haben Verena Komanek-Prinz und ihr Team seit September 2024 mit dem Projekt Ancora, das etwa durch die Crespo Foundation unterstützt wird, geholfen, durch das manchmal schwer zu durchdringende Gesundheitssystem zu navigieren. Weitere Kontakte kommen durch die bestehenden
LoKi-Außenstellen in Nied und Preungesheim hinzu. „Sinn der Projekte ist es, eine Einschätzung zu machen, wer was braucht“, sagt Reif. „Nicht alle benötigen 40 Stunden Richtlinientherapie. Vieles kann mit angeleiteter Selbsthilfe, Kurzzeitinterventionen oder digitalen Angeboten abgefangen werden.“Wichtig sei es, hinzusehen, den Menschen in Krisenzeiten eine Anlaufstelle zu bieten und die Hemmschwelle, sich Hilfe zu holen, abzubauen, ergänzt Komanek-Prinz. „Wenn man einen verknacksten Fuß hat, dann ist es auch schwer, einen Termin zu bekommen, aber es ist klar, dass man es machen muss.“