Sie sind selten geworden, die einst in die fruchtbaren Lössböden der
Bergstraße gesenkten Hohlwege. An ihre kulturgeschichtliche und ökologische Bedeutung erinnert ein lehrreicher Pfad bei
Bensheim.Durch diese hohle Gasse muss er kommen. Was
Friedrich Schiller seinem
Wilhelm Tell andichtete, als er dem Tyrannen
Gessler auflauerte, hat einen festen Platz in der Welt der Mythen und Überlieferungen: als beklemmender Ort, an dem man sich hilflos dem Schicksal ausgeliefert sieht. Real geben Hohlwege vor allem Auskunft über die naturkundliche und kulturelle Bedeutung des Bodens für eine Region. Ohne die einst bis zu 20 Meter hohen eiszeitlichen Lössauflagen hätte sich der
Oberrhein nicht zu einer der begehrtesten Siedlungsplätze Europas entwickelt.Schon die
Römer wussten, wo der mineralreiche Flugsand auftritt, gedeihen Wein und Obst. Außer in
Südbaden sind die terrassenartigen Ablagerungen am stärksten beiderseits des Rheins zwischen
Mainz und
Heidelberg ausgeprägt, sichtbar abzulesen an einem weit verzweigten Hohlwege-System oder dem, was nach Zerfall, Verfüllen oder Flurbereinigungen davon übrig blieb.Heute, da man um den ökologisch wertvollen Mikrokosmos der wärmespeichernden Wege für Flora und Fauna weiß, ist man in
Rheinhessen und an der
Bergstraße bemüht, die letzten Einkerbungen zu bewahren. Erst der über Jahrhunderte durch Fuhrwerke verdichtete Untergrund schuf die Lebensräume der auf Höhlen und Nischen angewiesenen Spezialisten. Etwa 140 Wildbienen- und Wespenarten werden allein dort gezählt. Das ist den Informationstafeln eines „Hohlweg-Lehrpfads“ zu entnehmen, der vom Geo-Naturpark
Bergstraße-Odenwald auf acht Kilometern durch das Bensheimer Hinterland angelegt wurde.Wurzelwerk aufsitzender Bäume scheint die Lösswände vor dem Zusammensacken zu schützen.Thomas KleinDer Reiz von Hohlwegen liegt in ihrer unterschiedlichen Ausprägung. So begrenzt ein tief eingeschnittener Hangweg den „englischen“ Baßmannpark im Übergang zum Höhenzug oberhalb der eingesenkten Gemeinde Gronau. Zum Schutz des hinabführenden, noch genutzten Hohlwegs wurde er betoniert und verbreitert. Südlich führt er, nun funktionslos geworden, als begraster, von Kirschen flankierter Weg hinaus. Ein nachfolgender Abschnitt verläuft durch Buchenwald mit dem beeindruckenden Bild aufsitzender Bäume. Fast wirkt es, als würde das offene Wurzelwerk die Lösswände vor dem Zusammensacken schützen.Den besten Blick über das Terrain mit den Fixpunkten Auerbacher Schloss und Starkenburg eröffnet der 262 Meter hohe Hemsberg. Seinen 22 Meter hohen, nach Fürst Bismarck benannten Rundturm schuf 1902 kein anderer als der Bergstraßen-Architekt schlechthin, Heinrich Metzendorf. Rund 350 Villen seines typischen Landhausstils stellte er dem aufstrebenden Bürgertum an die sonnigen Hänge. Erfreulicherweise besteht noch die damals mitgeplante Einkehr. Von einem Verein unterhalten, gibt es dort frisch zubereitete Speisen. Man sitzt im Freien und bei schlechtem Wetter im Schutz einer luftigen Hütte.WegbeschreibungStart ist am Bensheimer Bahnhof. Man unterquert die Rodensteiner Straße und läuft geradeaus durch die Bahnhofstraße in das verkehrsberuhigte Zentrum mit seinen prächtigen Adelshöfen und Fachwerkhäusern, dominiert von der erhöht stehenden, klassizistischen St.-Georg-Kirche mit doppeltürmigem Westwerk. Benachbart liegt das Stadtmuseum. Das Parkhaus dahinter ist wie jenes am Bahnhof von Samstagmittag und sonntags kostenfrei (ansonsten günstige Tarife).Zum Weitergehen nutzt man das Treppengässchen rechts hinunter zur Augartenstraße, wo zahlreiche Markierungen zu finden sind. Die gelbe 1 sowie B 2 und 4 sind wegweisend. Sie führen rechts in die Elisabethen- und aus ihr links zur Bleichstraße. Zwischen einer Grünanlage und der Lauter geht es dem Parkplatz Schönhof an der B 47 entgegen. Er gilt als Einstiegsportal in den Hohlweg-Lehrpfad.Der Zugangspunkt wurde mit Bedacht gewählt. Er macht auf das weniger bekannte Kleinod des Baßmannparks aufmerksam. Aus der anfänglichen Gartenanlage im 17. Jahrhundert des damaligen Güterverwalters Nicolaus Baßmann entwickelte sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert auf Initiative verschiedener Industrieller ein englischer Landschaftspark. Die Stadt
Bensheim pachtete ihn 1971 und erwarb ihn 1991 zum Erhalt von historischer Bebauung und Botanik, darunter Mammutbäumen. Ein Rundweg von gut einem Kilometer Länge erschließt das Areal.Die bauliche Staffage schuf Heinrich Metzendorf. Auch das Brückchen über den nördlichen „Canyon“ legte er an, unter die die Zeichen gelbes L des Lehrpfads und B 4 in einen Hohlweg überleiten. Ob er für den Park vertieft wurde, verrät keine Schautafel, zweifellos aber ist er der beeindruckendste der gesamten Strecke, gesteigert noch durch schlanke, von Efeu und Waldreben umsponnene Robinien und Buchen. Erst auf der Höhe endet dieser Zauberwald. Dort weisen die Zeichen nach links und führen mit Aussicht über die offene Talung zwischen Zell und Gronau ebenen Weges weiter, nur unterbrochen von Bäumen um das Schönberger Kreuz. Benannt wurde es nach Fürstin Marie zu Erbach-Schönberg, die das zwei Meter hohe Sandsteinkreuz 1915 als Friedensmal errichten ließ.Wo sich Fuhrwerke immer tiefer eingrubenBegleitet von Erläuterungen zum Rang des angrenzenden FFH-Gebietes „Magerrasen Gronau“ für seltene Schmetterlings- und Orchideenarten, verbleiben die Wandersignets zunächst auf der Höhe, ehe sie in den betonierten Hohlweg absteigen. Seine Steilheit gibt eine Vorstellung, wie sich schwere Fuhrwerke immer tiefer in die Hänge eingruben. Unten, im aufgeräumten Dörfchen Gronau, kann das Zeichen B 4 dann zurückbleiben.Mit Blick auf die erhöht stehende Pfarrkirche ist es dem L vorbehalten, den Ort zu verlassen (Hambacher Straße), und weiter durch den grasbewachsenen Hohlweg hinan zu führen. Ausgangs überrascht eine lange Kirschenallee, überwechselnd in einen unverändert ansteigenden Pfad unter hohen Buchen. Oben biegt man scharf nach rechts wieder in einen Hohlweg, der mit seinen bizarr an der Wallkante sitzenden Buchen ein ganz anderes Bild zeigt.Wieder im Freien, bleibt der Weg eingetieft. Das ändert sich an der nachfolgenden Kreuzung, an der es links durch ein Bachtal und auf der anderen Seite mit Linksbogen um den großen Bauernhof zum Waldrand geht. Die baldigen Rechts-links-Haken des mit L ausgeschilderten Wegs wirken mangels Objekt unmotiviert. Sinnvoller wäre der Verlauf wie der des mit gelber 3 ausgeschilderten Wegs gegenüber der halb offenen Stallung, der ersatzweise zu wählen ist; auch dieser Pfad zwischen Buchen ist eingekerbt.Weiter oben begegnet man letztmals dem Zeichen L. Mit ihm ließe sich jetzt gen
Bensheim/Bordmühle zurückgehen, aber noch steht mit dem Hemsberg der buchstäbliche Höhepunkt aus. Dazu verharrt man bei dem Zeichen gelbe 3 und läuft eine Weile zwischen Baum- und Wiesenrand entlang. Dem schließt sich eine Waldpartie an, um dann freies Gelände anzusteuern. Leicht talwärts, nimmt man die baumbestandene Bergspitze ins Visier. Thomas KleinFür den Gipfelsturm benennt ein Richtungspfosten den Burgensteig (blau); etwas kürzer und weniger steil ist jedoch die Variante mit der gelben 2. Sie löst hier – unverändert geradeaus – die 3 ab. Keine 300 Meter weiter biegt sie an einem Bildstock rechts in den Hang. Der Aufstieg kann im Gefolge des Blütenwegs (gelbes B) durch Weinberge auch ausgelassen werden. Die 2 nimmt – bei besten Aussichten über die südliche
Bergstraße – erst noch Anlauf zwischen Rebzeilen, bevor sie serpentinenreich in struppigem Wald dem Gipfel entgegenstrebt. Besagter Burgensteig tritt auf den letzten Metern hinzu. Er ist nach Turmbesteigung und Einkehr – im Verbund mit S 1 (grün) – für den gesamten Abstieg maßgeblich.Aus dem steilen Pfad wird ein moderater Weg durch Wein- und Obstgärten, bis er nochmals eine Waldzone vor
Bensheim berührt. Angezeigt als „anspruchsvolle“ Variante, leiten die Markierungen hier zum gehobenen Wohnquartier in Hanglage über, so nicht die „leichtere“ mit S 1 V gewählt wird. Selbst dann trifft man den Burgensteig. Unten bietet sich für einen Gang durch die Altstadt mit B 4 eine andere Möglichkeit. Es weist aus dem Neubauviertel in einen Fußweg zwischen Friedhof und (nicht öffentlichem) Park sowie nach der Heidelberger Straße in das historische Quartier, das großzügig genug für Freiluft-Restaurationen ist.AnfahrtAus nördlicher Richtung über die A 5 bis zur Ausfahrt
Bensheim und auf der B 47 gen Zentrum. Halbstündliche Verbindung mit ICE oder RB.SehenswertWeitgehend restauriert präsentieren sich die historischen Bauten im verkehrsberuhigten Zentrum von
Bensheim, insbesondere die Adelshöfe Dalberg und Rodenstein sowie die exponiert stehende klassizistische St.-Georg-Kirche. Die nördlichen Wohnviertel prägen zahlreiche, um 1900 von Heinrich Metzendorf erbaute Villen. Weinberge, blühende Obstgärten und der Wechsel von Wald mit offenen Fluren kennzeichnen die von einem dicht gewirkten Netz an Wanderwegen zu dem mit Aussichtsturm aufwartenden Hemsberg, einem Hohlweg-Lehrpfad sowie dem botanisch und kulturgeschichtlich bedeutsamen Baßmannpark erschlossene Umgebung.EinkehrenGaststätte auf dem Hemsberg, samstags von 10 bis 15, sonn- und feiertags von 10 bis 17 Uhr. Nur dann ist auch der Aussichtsturm zugänglich.ÖffnungszeitenStadtmuseum
Bensheim, Marktplatz 13 in 64625
Bensheim, donnerstags und freitags von 15 bis 18 Uhr, am Wochenende von 12 bis 18 Uhr.