Was hat ein Bühnenbildner zu tun, wenn die KI Richard Wagners „Ring“ aus vorhandenen Bildern inszeniert? Immer noch genug, sagt
Wolf Gutjahr. Er ist am Bayreuther „Ring 10010110“ beteiligt.Welche Bilder aus dem „
Ring des Nibelungen“ wird man wohl im Sommer sehen – oder wiedersehen? Die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth wollen mit dem Projekt „Ring 10010110“ auf 150 Jahre Aufführungsgeschichte blicken. Die Zahlenfolge im Titel, der Binärcode für 150, ist schon ein Hinweis auf digitale Innovation. „Zum ersten Mal in der Geschichte der Festspiele wird dabei Künstliche Intelligenz auf der Bühne mitspielen“, kündigt der Hort der Wagner-Pflege die Interpretation an, „nicht als Figur, sondern als bildgebende Kraft“.Klassische Regie soll es dafür nicht geben. Im Mittelpunkt der KI-Inszenierung, einer Kooperation der
Bayreuther Festspiele mit der
Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund, wird die Rezeption der „Ring“-Tetralogie stehen, während
Christian Thielemann das Festspielorchester dirigiert und die Besetzung „in ruhiger, fast skulpturaler Präsenz“ erscheint. Ob die Künstliche Intelligenz dann zum Beispiel den Lasertunnel zitiert, der das Publikum in Hans Schavernochs Bühnenbild zur Inszenierung von
Harry Kupfer 1988 bis 1992 einst so magisch in die Tiefen des Rheins zog?Der Mann, der es wissen könnte, ist
Wolf Gutjahr. Er ist für die Bühne der Jubiläumsproduktion verantwortlich. Die Laserszene, „einer der tiefsten Bühnenräume der Festspielgeschichte“, gehöre „zum großen Bilderpool des historischen Materials“, sagt der Bühnenbildner beim Gespräch im
Staatstheater Darmstadt, wo er derzeit das Bühnenbild für das Musical „Lazarus“ von
David Bowie und
Enda Walsh verantwortet, das am 24. April Premiere hat. „Wir können aber nicht vorhersagen, ob das Gehirn darauf zugreift.“ Die KI genießt sozusagen künstlerische Freiheit, die allerdings ihre Grenzen hat. Im Internet darf sich „das Gehirn“ für die Bilder der Aufführungen wahrscheinlich nicht bedienen: „Es ist zum derzeitigen Stand ein hermetisches System, das einen bestimmten Datenvorrat zur Verfügung gestellt bekommt.“ Das Team möchte nicht zuletzt vermeiden, dass die Bilder aus dem Ruder laufen und eher unerwünschtes Lokalkolorit vermitteln: Als Pilgerstätte der Nationalsozialisten ist der Grüne Hügel vermintes Terrain.Eher „Maschine“ als „Intelligenz“Eigentlich spricht Gutjahr lieber von „Maschine“ als von „Gehirn“. Auch „Künstliche Intelligenz“ sei der falsche Ausdruck: „Es hat überhaupt nichts Menschliches in diesem Zusammenhang. Für mich ist es eine große Maschine, die sich einfach weiterbewegt.“ Die Ausgangsbasis des Projekts, erklärt Gutjahr, „ist das vergleichsweise gut dokumentierte Bildmaterial der Uraufführung von 1876. In diesen Kontext wird das Bildmaterial der weiteren Inszenierungen gesetzt.“ Für eine zweite Bildebene wird die „Maschine“ mit Material aus dem historischen Kontext der jeweiligen „Ring“-Zyklen gefüttert. Was aber macht ein Bühnenbildner überhaupt noch, wenn KI für die visuelle Ebene zuständig ist und „die Bühne selbst denkt“, wie es in Bayreuth heißt?Feiert 150 Jahre „
Ring des Nibelungen“: Das Festspielhaus in BayreuthEPADie Frage, antwortet Gutjahr, hätten sich auch die Festspiele gestellt: „Ich kam ins Team, als klar war: Es braucht jemanden, der den physischen Realraum so organisiert und sortiert, dass barrierefreies Sehen dieser Bildwelten überhaupt erst möglich wird. Es gibt die Geometrie des Bayreuther Bühnenhauses, es gibt die gesamten technischen Parameter der Projektionen von sechs sehr großen Beamern auf der Bühne. Aus diesem Kontext habe ich den Raum quasi ausgerechnet.“ Eine Herausforderung bei dieser „darstellenden Geometrie“ seien zum Beispiel die Sichtlinien im ansteigenden, breiten Zuschauerraum. Er sei auf Anfrage von Marcus Lobbes, Intendant der Akademie für Theater und Digitalität, ins Team gekommen, „ein für mich sehr wichtiger künstlerischer Weggefährte“.Während die Proben in Bayreuth für eine Woche pausieren, arbeitet
Wolf Gutjahr, der seit 2013 als Professor für Szenographie an der Hochschule Mainz lehrt, in Darmstadt. Auch für die Staatstheater Mainz, Kassel und Wiesbaden hat der in München aufgewachsene Gutjahr schon Bühnenbilder geschaffen. Am Anfang seiner theatralischen Sozialisation stand einst „Arabella“ von Richard Strauss. Gutjahr schmunzelt, wenn er erzählt, wie er als Zehnjähriger mit seiner Taufpatin die Bayerische Staatsoper besuchte: „Kein wirklich kinderkompatibles Stück – und auch noch auf einem Stehplatz!“ Die Erfahrung hat ihn aber keineswegs traumatisiert: „Ich war komplett fasziniert von der Gesamtatmosphäre, und dann wollte ich zum Theater!“„Sieben Stunden Wagner jeden Tag“Als Statist schnuppert er ein paar Jahre später auch auf der Bühne der Staatsoper Theaterluft, macht aber bald die Erfahrung, dass künstlerische Berufe zu Hause nicht die Favoriten sind. Er lernt also erst einmal „etwas Vernünftiges“ und macht eine Schreinerlehre, die für ihn eine gute Grundlage für die Kommunikation mit den Gewerken am Theater bleiben wird: „Ich habe zwar auch ein abgeschlossenes Szenographiestudium, aber die Ausbildung hilft mir schon allein auf der zwischenmenschlichen Ebene.“ Darmstadts Staatstheater ist ihm auch in dieser Hinsicht vertraut und eine Komfortzone im Vergleich zum Festspielhaus: „Wir proben zehn bis 18 Uhr mit einer Stunde Mittagspause. Sieben Stunden Wagner jeden Tag und natürlich diese überdimensionierten Bildwelten an einem Respekt gebietenden Ort: Da bin ich froh, wenn ich abends um zehn das Licht ausschalten darf.“Der Dirigent
Christian Thielemann ist vorerst nur in Form einer „Referenzaufnahme“ mit dem Festspielorchester aus dem Jahr 2008 präsent. Denn die musikalischen Proben beginnen erst im Sommer. Angesichts von digitalem Missbrauch, medialer Verzerrung von Wirklichkeit und anderen Konsequenzen von KI liegt die Frage nahe, ob der Einsatz dieser Technik am Theater nicht auch mit einem schlechten Gewissen verbunden ist. Ein klares „Nein“ ist Gutjahrs Antwort. Es gehe um die künstlerische Relevanz eines neuen Ausdrucksmittels. Deshalb sei auch die Akademie für Theater und Digitalität federführend beteiligt. „Ich habe bereits selbst zwei Produktionen KI-basiert entworfen. Die letzte war ,Der zerbrochne Krug‘ in Heidelberg. Es ist ein neues Werkzeug, ein neues Tool, und wir müssen einfach herausfinden, wie wir bewusst und verantwortungsvoll damit agieren.“