"Jemand, der möglicherweise etwas mit dem männlichen Geschlecht zu tun hat, gehört nicht ins Frauenboxen", sagt Boxerin
Julia Igel der Deutschen Welle (DW) ganz klar und spricht dabei auch von ihrer nächsten Gegnerin. Igel tritt am 23. April in
Paris gegen Olympiasiegerin
Imane Khelif an, deren Geschlechtszugehörigkeit seit den Olympischen Spielen 2024 kontrovers diskutiert wird. "Man kann nicht einfach sagen, man sei eine Frau oder fühle sich wie eine Frau", sagt Igel. "Allein die Schlagkraft und die Gefahr sind anders, wenn man einem Mann gegenübersteht." Warum sie dann dennoch gegen Khelif antritt, obwohl sie deren Teilnahme an einem Frauenkampf eigentlich für irregulär hält? "Ich bin hier für die Herausforderung", sagt Igel. "Das Besondere an diesem Kampf ist seine Reichweite, die Aufmerksamkeit, die er bekommt. Genau das wollen wir nutzen, um ein Statement in die Welt zu setzen. Dieser Kampf wird uns auf ein neues Level bringen." Khelifs erste Gegnerin in einem Profikampf: die deutsche Boxerin Julia IgelBild: Instagram/@julia.igel.boxing Und: "Ich habe definitiv keine Angst", sagte die 25‑Jährige. "Ich kenne meine Fähigkeiten, ich kenne meine Stärken." Während Igel für Khelif weiterhin das Pronomen "sie" verwendet, äußert sich ihre Trainerin und Managerin
Ikram Kerwat deutlich schärfer. "Seit bekannt wurde, dass er XY‑Chromosomen hat, Hoden besitzt und Testosteron produziert - ja, für mich ist es ein Er", sagte Kerwat, selbst viermalige Weltmeisterin. "Er [Khelif] sollte gegen Männer antreten." Khelif ist nicht transgender und wurde bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeordnet. Sie hat jedoch eingeräumt, Trägerin des SRY‑Gens zu sein, das auf dem Y‑Chromosom liegt und die Entwicklung männlicher Merkmale auslöst. Kritiker argumentieren, dies verschaffe ihr einen unfairen und potenziell gefährlichen Vorteil gegenüber anderen Frauen im Ring. Das Internationale Olympischen Komitee (IOC) hat kürzlich festgelegt, dass künftig nur noch solche Athletinnen an den olympischen Frauen-Wettkämpfen teilnehmen dürfen, die vorher durch einen verpflichtenden Geschlechtstest nachgewiesen haben, dass sie nicht Trägerin des SRY-Gens sind. Sollte
Imane Khelif tatsächlich Trägerin des SRY-Gens sein, würde ein Geschlechtstest ihre Teilnahme an den nächsten Olympischen Spielen wohl verhindernBild: Jiang Wenyao/Xinhua/picture alliance Sollte Khelifs Aussage stimmen, wird sie an den nächsten Olympischen Spielen in
Los Angeles nicht teilnehmen dürfen. Zumindest nicht bei den Frauen. Der Welt-Boxverband World Boxing fordert einen solchen SRY-Test ebenfalls verpflichtend bereits seit August 2025. Gegen Igel kann Khelif nur deshalb boxen, weil die beiden einen Profikampf bestreiten, der unter der Zuständigkeit des französischen Boxverbands FFB stattfindet. Zwar gehört FFB ebenfalls zu World Boxing, allerdings gelten die strengen Geschlechtsregeln mit SRY-Nachweis bislang nur für den Amateurbereich und nicht für Profikämpfe. Khelif hat seit den Olympischen Spielen keinen Wettkampf mehr bestritten. Anfang des Jahres gab sie unter anderem der französischen Sportzeitung L'Équipe und dem US-amerikanischen TV-Sender CNN Interviews. Darin erklärte die 26‑Jährige, ihre körperlichen Besonderheiten seien natürlich. "Ich habe weibliche Hormone", sagte sie und erklärte, dass sie sich bereits einer Hormonbehandlung unterzogen habe, um ihren Testosteronspiegel für Wettkämpfe zu senken. "Für das Qualifikationsturnier für die Spiele in
Paris, das in Dakar stattfand, habe ich meinen Testosteronspiegel auf null gesenkt", so Khelif gegenüber L'Équipe. Sie habe vor, in
Los Angeles ihren Olympiasieg zu verteidigen und ihre medizinischen Unterlagen an World Boxing übermittelt - bislang ohne Rückmeldung. Die Deutsche Welle hat Khelif über ihren Promoter und ihre PR‑Agentur um eine Stellungnahme gebeten - auch diese Anfrage blieb bisher unbeantwortet. "Wenn sie wirklich zu 100 Prozent weiblich ist, kann sie im Frauensport antreten", sagt
Julia Igel. "Wenn nicht, sollte sie aufhören, so laut darüber zu sein." Igel mit mehr Profi-Erfahrung und voller Zuversicht Im Gegensatz zu ihrer Gegnerin hat die Deutsche bereits sieben Profikämpfe bestritten: fünf Siege, davon vier durch K.o., und zwei Niederlagen. Zuletzt verlor sie in
Los Angeles nach Punkten gegen die Amerikanerin Stephanie Simon. Für die ehemalige Kickboxerin ist das Duell gegen Khelif mit Abstand der größte Kampf ihrer Karriere. Der Druck, glaubt sie, laste vor allem auf der Algerierin. "Im Boxsport ist man nicht sonderlich glücklich darüber, sie im Frauen‑Profiboxen zu sehen", sagt Igel. "Genau das werden wir nutzen. Ich glaube, wir haben die Welt auf unserer Seite." Und obwohl ihre Gegnerin womöglich über eine höhere Schlagkraft verfügt und einen Größenvorteil von acht Zentimetern besitzt, zeigt sich Igel überzeugt. "Ich habe alles", sagt sie. "Ich habe die Technik, die Schlagkraft, die Präzision. Und ich habe etwas in mir, das - wenn ich es freisetze - egal macht, wer mir gegenübersteht."