Der Japaner
Kaishu Sano zählt in der Rückrunde dieser Saison zu den stärksten Bundesligaspielern. Auch im Europapokal zeigt er seine Klasse. Wird er die Mainzer im Sommer verlassen?Wenn seine Spieler ein Tor schießen, zuckt
Urs Fischer kurz mit einer Faust. Fertig. Mehr Gefühlsausbruch ist nicht. Normalerweise. Am Donnerstagabend aber war es anders. Da stieß der Trainer des
FSV Mainz 05 beide Arme in die Höhe, schleuderte beide Fäuste drei-, viermal durch die Luft und ging in lang anhaltenden Applaus über.Auslöser dieser geradezu vulkanisch anmutenden Explosion war Kaishu Sanos Treffer im Conference-League-Spiel gegen
Racing Straßburg. Der Mainzer Sechser hatte einen Zweikampf kurz vor der Mittellinie gewonnen, einen Doppelpass mit seinem japanischen Landsmann
Sota Kawasaki gespielt und das folgende Solo über die halblinke Bahn mit einem Rechtsschuss in den entfernten oberen Torwinkel abgeschlossen.Dass ein Gegenspieler die Kugel leicht abfälschte, tat der Schönheit dieser Aktion keinen Abbruch. „Ein tolles Tor“, kommentierte sein Trainer die Szene aus der elften Minute, „man sieht Kaishus Entschlossenheit, dass er in die lange Ecke treffen wollte.“ Und dann fügte er lächelnd an: „Ich entschuldige mich nicht dafür, dass ich zu euphorisch gejubelt habe …“
Stefan Posch legte mit einer ebenfalls sehenswerten Direktabnahme nach einer Ecke von
Paul Nebel acht Minuten später das 2:0 nach, und dabei blieb es bis zum Ende dieses Viertelfinal-Hinspiels. Dass sie damit die Tür zum Halbfinale weit aufgestoßen hätten, wie es in solchen Fällen gerne heißt, davon wollten aber weder Fischer noch seine Spieler etwas hören. „Unsere Ausgangslage für nächste Woche ist nicht schlecht, aber es ist noch nichts gewonnen“, sagte der Trainer. „Das wird ein ganz schweres Rückspiel.“
Danny da Costa assistierte ihm. „Ein 2:0 ist immer ein gefährliches Ergebnis, weil man sich ein bisschen in Sicherheit wiegt und es sehr schnell kippen kann“, gab der Innenverteidiger zu bedenken. „Deshalb hätte uns ein drittes Tor gutgetan.“ Das hätte auch Fischer gerne genommen, „aber ich weiß nicht, ob wir damit den Sack vorzeitig zugemacht hätten“.Sehenswert zum 2:0: Posch (Mitte) und Sano (rechts) freuen sich über den Heimsieg.ReutersAn Gelegenheiten, den Sieg in die Höhe zu schrauben, mangelte es den Mainzern weder in der ersten noch in der zweiten Halbzeit, wenngleich sie nach der Pause für eine Viertelstunde die bis dahin ausgeübte totale Kontrolle verloren. Das Lattenkreuz verhinderte den Anschlusstreffer der Franzosen durch Valentin Barco, den besten Kicker einer insgesamt spielstarken, aber an diesem Abend gegen die wuchtigeren Mainzer wenig durchschlagskräftigen Mannschaft.„Da hätte ein tolles Spiel kippen können“, räumte
Urs Fischer ein, derweil sein Gegenüber Gary O’Neil aus solchen Situationen die Überzeugung zog, die „Kings of transition“, die Könige des Umschaltspiels, zu Hause bezwingen zu können und in die Vorschlussrunde einzuziehen.Auf Mainzer Seite schwärmten hinterher alle von
Kaishu Sano. Und das nicht nur wegen seines ersten Treffers im Wettbewerb. „Kaishu ist in den letzten Wochen enorm viel gelobt worden, und das völlig zu Recht“, sagte
Danny da Costa. „Er hat mit dem Ball immer eine Lösung im Kopf, haut sich in jeden Zweikampf, gewinnt unheimlich viele Bälle und treibt das Spiel an. Schön, dass er sich mit dem Tor für den Aufwand belohnt, den er immer betreibt.“
Stefan Posch sieht einen persönlichen Gewinn in der Zusammenarbeit mit dem Japaner. „Für mich als Innenverteidiger ist es noch mal schöner, wenn ein solcher Mann vor dir spielt und wie ein Staubsauger alle Bälle schluckt.“ Inzwischen, ergänzte
Paul Nebel, sei Sano, lange Zeit einer der am meisten unterschätzten Spieler, auch nach vorne brandgefährlich.Dabei sei der 25-Jährige in seiner zweiten Bundesligasaison keineswegs auf dem Weg zum genialen Solitär, der irgendwann abheben wird. „Er ist ein ruhiger, bodenständiger Typ“, beschrieb ihn
Paul Nebel. „Egal, ob er ein Tor schießt oder nicht, er performt immer gleich. Er tut dieser Mannschaft so gut.“ Und
Danny da Costa: „Ich hoffe, ich habe noch einige Zeit meine Freude an ihm als Mitspieler.“In diesen Worten schwang mit, was viele Mainzer Fans befürchten: dass Sano nächste Saison das Trikot eines anderen Klubs tragen wird. Ein Verkauf des vielleicht besten Sechsers der Liga dürfte den 05ern eine höhere zweistellige Millionensumme aufs Konto spülen, würde aber eine große Lücke im Mittelfeld reißen. „Jeder, der heute im Stadion war, konnte sehen, was das für ein herausragender Spieler ist“, betonte Sportdirektor Niko Bungert, als wollte er Sanos Kostspieligkeit allen potentiellen Interessenten noch einmal deutlich vor Augen führen.Sano selbst sagte übrigens: nichts. Er verbrachte die Zeit, in der andere in der Mixed Zone redeten, bei der Dopingkontrolle. Womöglich holt er die Gespräche an diesem Sonntagabend (19.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur
Bundesliga und auf DAZN) nach, im Anschluss ans Bundesligaspiel gegen den SC Freiburg.