Sportdirektor
Ole Book soll in Dortmund eine Transferstrategie entwickeln. Holt er einen Spieler zurück, für den nur der BVB die Geheimformel zu kennen scheint? Der Wechsel wäre nicht ohne Risiko.Verlockungen lauern an vielen Stellen des unübersichtlichen Transfermarktes, wo Künstliche Intelligenz mehr und mehr mit dem menschlichen Verstand kooperiert und konkurriert. Exklusive Entdeckungen gelingen den meisten Klubs immer seltener, was auch für
Borussia Dortmund gilt, wo seit ein paar Tagen der aus Elversberg zum BVB gewechselte
Ole Book für die Kaderplanung zuständig ist.Eigentlich wurde Book als Mann vorgestellt, der „neue Impulse und neue Ideen“ einbringen werde, wie
Lars Ricken, der Geschäftsführer Sport, bei der Vorstellung des neuen Sportdirektors sagte. In der Fußballrealität sieht sich Book aber erstmal mit einem uralten Dortmunder Transferthema konfrontiert: Wie schon so oft wird über
Jadon Sancho diskutiert, den die Dortmunder 2021 für 85 Millionen Euro zu
Manchester United verkauft haben, der per Leihe 2024 schon einmal zum BVB zurückkehrte und der nun im Sommer ablösefrei den Verein wechseln darf.In England lief es nicht rund für SanchoDas macht Sancho automatisch interessant für Book und Ricken. Denn der Flügelspieler ist zwar kein unentdecktes Juwel, dessen Fähigkeiten nur die Dortmunder kennen. Aber es scheint, als wisse man nur beim BVB, wie dieser Sancho richtig ans Laufen kommt.Der Flügelspieler avancierte in Dortmund zwischen 2017 und 2021 zu einem der aufregendsten Außenstürmer der Welt und zum englischen Nationalspieler. Anschließend konnte er dieses Versprechen jedoch weder in Manchester noch beim
FC Chelsea oder bei
Aston Villa einlösen. Nur während seiner kurzen Leihe nach Dortmund vor zwei Jahren war er für einige Wochen wieder beinahe der Alte.Nun hat Ricken in einem Interview mit der „Sport-Bild“ eine Welle neuer Jadon-Sancho-Spekulationen ausgelöst. „Wir beschäftigen uns derzeit mit sehr vielen Spielern und durchleuchten sie. Wir prüfen, ob sie uns besser machen können. Das machen wir auch bei Jadon“, erzählte der Geschäftsführer, dessen Klub an diesem Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) gegen
Leverkusen spielt. Unter Nostalgikern weckten diese Worte Sehnsüchte nach dem kleinen Dribbler. Progressive Kräfte hingegen fragen sich: Was soll das denn?Ricken fordert nämlich auch „Schnelligkeit“, „Mut“ und „Aggressivität“ auf dem Transfermarkt. Mit einer abermaligen Rückholaktion würde stattdessen ein Mechanismus erhalten bleiben, der noch nie viel zu einer nachhaltigen Weiterentwicklung beigetragen hat. Unter Hans-Joachim Watzke, Rickens Vorgänger als Geschäftsführer Sport, ist das Instrument der Rückholaktion immer wieder zum Einsatz gekommen. Der BVB holte in der jüngeren Vergangenheit Shinji Kagawa, Mario Götze, Mats Hummels, Nuri Şahin und eben Sancho zurück. Mit durchwachsenem Erfolg.„Jeder Klub sucht nach guten Spielern“Jetzt sind Kehl und Watzke weg und Book begann seine Arbeit im Revier explizit mit dem Auftrag, eine neue Transferstrategie zu entwickeln. „Wir wollen den nächsten Schritt gehen. Dafür muss man hier und da eine Neujustierung vornehmen und bereit sein, alte Zöpfe abzuschneiden“, sagte Carsten Cramer, der Watzke als Klubchef beerbte, in einem Interview mit der „WAZ“. Sie wollen wieder innovativer werden, das klingt nicht nach einem dritten Versuch mit Sancho.Allerdings ist Trainer Niko Kovač durchaus interessiert, jedenfalls sagte er gegenüber Sky auf die Frage nach Sancho: „Jeder Klub sucht nach guten Spielern. Nach technisch gut ausgebildeten Spielern, nach Spielern, die nicht nur mit dem Ball etwas können, sondern auch ohne den Ball. Spieler, die letzten Endes der Mannschaft und dem Klub weiterhelfen. Deswegen haben wir wirklich ein Auge auf viele Spieler, die ich jetzt hier nicht thematisieren möchte.“Dabei ist schwer absehbar, wie Sancho mit Kovač klarkäme. Der Trainer verlangt Disziplin in der Defensive und hat sich schon öfter mit Spielern gerieben, deren Eigensinn besonders viel Aufmerksamkeit band. Dass Sancho in Dortmund besser funktionierte als bei
Manchester United, dem
FC Chelsea und nun
Aston Villa, liegt auch daran, dass er beim BVB unter Trainern spielte, die nachsichtig waren und reichlich Energie in die Zusammenarbeit mit Sancho steckten. Das lässt sich mit Kovač möglicherweise wiederholen – eventuell aber auch nicht.Von Book war bislang nichts zu Sancho zu erfahren, aber dass der mittlerweile 26 Jahre alte Engländer ablösefrei ist, macht ihn schon interessant für einen Klub, der wenig Geld für Ablösen zur Verfügung hat, bei dem aber durch die Abgänge von Julian Brandt, Niklas Süle und Pascal Groß größere Summen für Gehälter frei werden.An der Personalie Sancho wird sich also zeigen, wie sehr die Dortmunder unter Book ihre Transferstrategie anpassen und ob auch spielerisch neue Ideen umgesetzt werden. Denn Sancho ist zwar noch in einem guten Fußballeralter, dass er sich in der Premier League bisher nicht zu einem prägenden Spieler entwickeln konnte, liegt aber auch daran, dass er eher ein filigraner Angreifer ist und keiner, der sich mit physischer Wucht oder langen Hochgeschwindigkeitsläufen durchsetzt.Wenn die Dortmunder dem Trend zum robusten Profi folgen, ist Sancho deshalb eher keine passende Ergänzung. Aber vielleicht lassen sie sich ja doch hinreißen von dieser Chance, hinter der sich ein seltenes Alleinstellungsmerkmal verbirgt: Kein anderer Verein kennt die Geheimformel, mit der Sancho dauerhaft gut in Form gebracht werden kann. Bekannt ist aber auch, dass kein einziger Spieler, den der BVB seit 2012 zurückgeholt hat, in seiner zweiten oder dritten Phase in diesem Verein besser wurde als in seiner ersten Zeit.