Mit dem U-Boot auf den antarktischen Meeresboden: Für manche Kreuzfahrtlinien rechnet sich das nicht mehr. Forscher bedauern dies, denn die Tauchfahrten können Erkenntnisse über submarine Lebensräume liefern.Gischt spritzt uns ins Gesicht, das Zodiac rast über das Meer bei
Cuverville Island, gleich sind wir da. Vor uns schaukelt ein U-Boot in den Wellen. Obendrauf sitzt eine ältere Dame neben dem U-Boot-Piloten, sie brauchte frische Luft. Wir gehen längsseits, Gäste kommen aus dem Gefährt nach oben, kraxeln zu uns ins Boot. Dann sind wir an der Reihe. Zwischen unserem Zodiac und dem U-Boot schwappt eine Menge Meer, es schaukelt gefährlich, ein sehr, sehr großer Schritt – und wir stehen an Deck von
Sub 7.Wir sind von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, waren gewogen worden, tragen keinen Schmuck oder Gegenstände, welche die Plexiglaskugeln zerkratzen könnten. Auch an den Füßen tragen wir weiche schwarze Puschen. „Krrrsch“, machen die Rotoren. Milchsuppenhafte Sicht. Scheinwerfer leuchten in die grün-beige Tiefe. „Psscht“, machen die Propeller. U-Boot-Pilot
Ashley dreht auf der Stelle. Gebanntes Starren. Da ist was. Etwas Hellgelbes. Wir fahren näher ran. Ein Seestern! Darüber wedeln dunkelrote Lappen in der Strömung. Das Ding daneben hat Löcher. Es ist ein mehrere hundert Jahre alter Schwamm. „Psscht“, wir sinken auf 30 Meter. Wer nicht weiß, dass er gerade den antarktischen Meeresboden betrachtet, könnte vielleicht denken, jemand hat vergessen, die Acrylkugeln zu putzen, in denen wir hocken. Aber die war blitzblank poliert, wie alles auf dem Expeditionskreuzfahrtschiff, von dem aus wir gestartet sind. Denn spektakulär sind diese Bilder nur im Kontext: Wir sind möglicherweise die ersten Menschen, die das hier betrachten, hier, knapp vierzig Meter unter Wasser, in der minus drei Grad kalten See des Weddellmeeres zwischen Südgeorgien und Grahamland, am Zipfel des antarktischen Kontinents.Möglicherweise ist die mitunter trübe Sicht in einigen Einsatzgebieten einer der Gründe, warum
Seabourn diese U-Boot-Fahrten Anfang des Jahres eingestellt hat. Offiziell hieß es „mangels Interesse“. Günstig waren sie nie. Ein Tauchgang von 45 Minuten kostete 1000 US-Dollar. „Wir sagten den Gästen stets vorher, dass es nicht bunt wird, doch manche waren trotzdem enttäuscht“, erzählt U-Boot-Pilotin
Cassie Sleeper.Letzte Vorbereitungen für den Tauchgang der Sub 7U-Boat WorxDas
Sub 7, gebaut von der niederländischen Firma
U-Boat Worx, war eines von zwei Fahrzeugen, die das Expeditionskreuzfahrtschiff
Seabourn Pursuit mit an Bord führte. Kostenpunkt: fünf Millionen US-Dollar ohne Extras; acht Millionen mit Schulungen, Zusatzausrüstung, Garantien, digitalen Updates. Ein teurer Spaß, doch diente er auch einem höheren Zweck: Oft durften Wissenschaftler die Reisen begleiten und abtauchen.Entdeckungen in der TiefeDie Verbindung von Tourismus und Wissenschaft ist nichts Neues, sie ist auch umstritten, aber für einen Lift an die Pole gehen auch Forscher Kompromisse ein. Institute und Nichtregierungsorganisationen haben nicht immer die finanziellen Ressourcen, um in dieser Region Daten zu sammeln. So führen auch Regatta-Segler hin und wieder Messgeräte mit sich, um den Kohlendioxidgehalt, die Temperatur, den Salzgehalt im Wasser zu messen. Auf der
Seabourn Pursuit war zuletzt Sue Lockhart zu Gast, die seit dreißig Jahren den antarktischen Meeresboden erforscht. Mehr als 70 Prozent der in dieser Region bisher geschützten submarinen Lebensräume beruhen auf ihren Daten. Sie heißen VMEs, ausgeschrieben: Vulnerable Marine Ecosystems, zu deutsch: gefährdete marine Ökosysteme.Unbekannte Welten: In den Gewässern der Antarktis gibt es noch viel zu entdecken.privat,„Früher sortierten wir auf Trawlern den Beifang. Doch alles, was an Wirbellosen aus 200 Metern Tiefe hochkam, war nahezu unbrauchbar“, erzählt die Biologin. Seit 2018 fährt sie mit U-Booten in die Tiefe, manchmal auch mit Greenpeace, oft so tief, dass es ohne Wärmflasche nicht geht. Mehr als ein Dutzend neue Spezies hat sie bereits entdeckt, ein weißlicher Stachelwurm vor den südlichen Orkney-Inseln wurde sogar nach ihr benannt: Psolus Lockhartae. Das Weddellmeer liegt südlich der antarktischen Konvergenz, ist bis zu 5000 Meter tief und hat eine Fläche von 2,8 Millionen Quadratkilometern. Gerade war das deutsche Forschungsschiff Polarstern zu seiner alljährlichen Tour zwei Monate dort, um Daten zu sammeln, aber auch um die Forschungsstation Neumayer III auf dem Ekström-Schelfeis mit Nahrungsmitteln und Geräten zu versorgen.Tauchgänge bis 3000 Meter TiefeSeit mehr als 40 Jahren sammelt das Alfred-Wegener-Institut Daten im Weddellmeer. Verfügbar sind sie unter anderem in der Datenbank PANGAEA. Anders als Lockhart nutzen die Wissenschaftler auf der Polarstern Unterwasserkameras; da gibt es dann fast kein Limit, denn die U-Boote, die aktuell im Expeditionskreuzfahrtmarkt eingesetzt sind, tauchen nur bis maximal 300 Meter. U-Boot in Paradise Harbour, AntarktisArezu Weitholz„Einer unserer tiefsten Tauchgänge lag bei etwa 3000 Metern“, erzählt Katharina Teschke, die auf der Polarsternexpedition PS 152 dabei war. Dabei sind die „Ocean Floor Observation Systems“ über ein langes Kabel mit dem Schiff verbunden. Und was sieht man da unten? „Wir haben Garnelen gesehen, kleine Krebstiere, Seegurken, verschiedenste Oktopusse und Eisfische.“ Das Faszinierende, sagt Teschke, sei auch hier der Kontext. „An genau dieser Stelle hat höchstwahrscheinlich vor uns kein Mensch bisher hingeguckt, und nach uns wird das vermutlich nur selten wieder geschehen.“Grundsätzlich sei der Meeresboden der Antarktis in einem weitgehend ungestörten Zustand, sagt die Meeresökologin. Und er sei auch gut geschützt unter der Commission for the Conservation of
Antarctic Marine Living Resources (CCAMLR), der Kommission, die sich um die Bewahrung der lebenden Meeresschätze in der Antarktis kümmert. Doch er ist ein hochsensibler Lebensraum. „Experimente zur Störung des Meeresbodens zeigen, dass sich solche Eingriffe über Jahrzehnte hinweg im Ökosystem bemerkbar machen.Gerade Schwämme können eine lange Zeit brauchen, um wieder ihre ursprüngliche Größe zu erreichen.“ Schwämme sind für die Artenvielfalt wichtig. Sie bilden komplexe Schwammriffe, die Lebensraum, Schutz und Kinderstube für zahlreiche Spezies bieten, darunter Seegurken, Asseln, Schlangensterne, Seelilien und junge Fische. „Trotz ihrer großen ökologischen Rolle wissen wir erstaunlich wenig darüber, wie empfindlich diese uralten Organismen auf Umweltveränderungen reagieren und wie schnell sie wachsen. Einige antarktische Schwämme könnten bereits mehrere Jahrhunderte alt sein.“Wie kleine AliensSchneegestöber. Dunkelheit. Plötzlich leuchten glipschige Stacheln ins Bild. „Schaut mal, die Isopoden, die Asseln, die sehen aus wie kleine Aliens“, erklärte Lockhart noch im vergangenen November den Passagieren auf der
Seabourn Pursuit im großen Auditorium, wo täglich mehrere Vorträge zu allen Bereichen des Lebens und Überlebens in der Antarktis stattfinden. „Und das hier ist mein Liebling“, Lockhart klickte das nächste Filmchen an, „den konnte bisher noch keiner identifizieren.“Das Video, aufgenommen bei
Cuverville Island, zeigte sie auch bei der letzten CCAMLR-Sitzung, die alljährlich im tasmanischen Hobart abgehalten wird. Es wurde von den Delegierten aus Russland und China als „untauglich“ abgelehnt. Man sah die vielleicht letzte große, unerforschte Wildnis dieser Erde: Stachelhäuter, Moostierchen, Hydrozoen. Man sah suppentellergroße Flächen weißlicher Würstchen mit orangefarbenen Tentakeln, dicht an dicht, auf einem zwei Meter langen, grünen Stängel. Sie schwankten unter Wasser wie im Wind. Stachelwürste in Weiß, Glasschwämme. Einen rosa Wurm. „Grundsätzlich finde ich es gut, wenn Privatpersonen oder NGOs Möglichkeiten nutzen, auf Passagierschiffen oder Segelbooten wissenschaftliche Datenerhebungen durchzuführen“, sagt Teschke. Solche Projekte und Initiativen erreichten oft eine große Aufmerksamkeit. „Heutzutage ist es entscheidend, dass die Öffentlichkeit versteht, welche Rolle die Antarktis, die ja so weit von uns weg ist, für uns alle spielt. Warum es so wichtig ist, sie zu erhalten und letztlich auch zu schützen.“Schade also, dass
Seabourn seine Unterwasserfahrten jetzt zum Ende der Antarktissaison auf der Pursuit und der Venture eingestellt hat. Das heißt aber nicht, dass Tauchgänge überhaupt nicht mehr möglich wären.
U-Boat Worx hat auch die Schweizer Reederei Viking mit den sogenannten Submersibles ausgestattet. Und der Ultra-Luxus-Expeditionskreuzfahrtanbieter Scenic Cruises lässt die Neptune I und II zu Wasser – für ein „immersives Erlebnis“ in Mittelmeer, Karibik und den antarktischen Gewässern.Informationen zur Polarstern und dem Alfred-Wegener-Institut unter awi.de, zur Antarktis unter asoc.org.