Es sieht aus wie abstrakte Kunst. Oder wie eine dieser Aufnahmen von einem fernen Sternennebel, irgendwo in der Tiefe des Weltalls. Wenn es für das neue Institute of Human Biology (Institut für Humanbiologie, IHB) auf dem
Roche-Campus in
Basel nicht bereits ein Farbkonzept des Künstlers Rémy Zaugg gäbe, man hätte für die Gestaltung der Innenräume auch diese Bilder nehmen können. Obwohl sie keine Kunst sein wollen, sondern stark vergrößerte Aufnahmen von Gewebeproben, an denen die Wissenschaftler hier arbeiten.Keine Kunst, sondern Nierenzellen. Saba Rezakhani and Irineja Cubela/
Roche’s Institute of Human BiologyDas neue Institut gilt als Vorzeigeprojekt von
Roche und der Schweizer Pharmaindustrie. Mit Methoden aus der Bioinformatik und mithilfe von künstlicher Intelligenz soll hier die Entwicklung neuer Medikamente beschleunigt werden. Bis zu 250 Forschende können im IHB arbeiten. Es ist Teil einer Investition von 1,4 Milliarden Schweizer Franken, umgerechnet etwa 1,5 Milliarden Euro, des
Roche-Konzerns in seine Schweizer Standorte. Beim Gang über das große Firmengelände am Rhein kommt man bereits an der Baugrube für das nächste Laborgebäude vorbei. Das Unternehmen wurde vor 130 Jahren in
Basel gegründet und ist heute einer der größten Konzerne der Schweiz.Das Haus 92 am
Roche-Standort in
Basel ist für das neue Institut renoviert worden. RocheNormalerweise wären die Einweihung eines solchen Instituts außerhalb der Pharmabranche keine große Besonderheit und die Investitionen für einen großen Konzern selbstverständlich. Nur ist ja so gut wie gar nichts mehr selbstverständlich, seitdem US-Präsident
Donald Trump die Hersteller von Medikamenten ins Visier genommen hat – und mit ihnen den Standort Schweiz. So lässt sich vermutlich erklären, warum die für das Innere zuständige Schweizer Bundesrätin
Elisabeth Baume-Schneider (SP) sich dort zeigte, neben
Roche-Chef
Thomas Schinecker. Die Industrie ist mehr denn je auf politische Rückendeckung angewiesen.Schließlich hat Trump im vergangenen Jahr einen Brief an mehrere große Pharmakonzerne verschickt, darunter das britisch-schwedische Unternehmen
Astra Zeneca, Merck aus Deutschland,
Pfizer aus den USA, Novo Nordisk aus Dänemark und die amerikanische
Roche-Tochter Genentech sowie
Novartis, das andere große Pharma-Unternehmen aus
Basel. Trump verlangt von ihnen, die Preise für Medikamente in den USA zu senken, und zwar auf ein Niveau, das nicht höher liegt als in anderen, mit den USA vergleichbaren Ländern, darunter Deutschland und die Schweiz. Und wie so oft droht er mit Zöllen. Die Schweizer Vorzeigeindustrie hat das hart getroffen, macht sie doch einen großen Teil ihres Geschäfts in den USA. Tatsächlich offenbart der Konflikt mit den USA aber noch etwas ganz anderes: Die Branche kämpft mit strukturellen Problemen, die sie teils selbst verursacht hat. Und sie muss sich darauf einstellen, dass sich auch auf dem heimischen Markt die Rahmenbedingungen verschlechtern könnten. Nach Ansicht mancher aus der Pharmaindustrie haben sie das teilweise schon.Schweizer Pharma-Unternehmen haben inzwischen auf die Forderungen Trumps reagiert. Sie sichern Investitionen in Milliardenhöhe in den USA zu. Bis 2029 möchte nun allein
Roche dort 50 Milliarden Dollar (knapp 40 Milliarden Franken) in Produktion, Infrastruktur sowie Forschung und Entwicklung investieren. Dabei steckte der Konzern bereits 2016 bis 2025 gut 64 Milliarden Schweizer Franken in US-Projekte, das meiste davon in Forschung und Entwicklung. Diese gigantischen Beträge werfen natürlich die Frage auf, ob das angemessen ist und ob dafür vielleicht an anderer Stelle, also in Europa und Asien, gespart werden muss.Erste Hinweise darauf liefert ein Blick in die Zahlen. Anfang des Jahres stellte
Roche die Jahreszahlen für 2025 vor, und die zeigen, dass Investitionen und Umsätze des Unternehmens in den verschiedenen Weltregionen teilweise sehr weit auseinanderliegen. Während der Konzern in der Schweiz zuletzt 41 Milliarden Franken investiert hat, macht er dort nur etwa ein Prozent seiner Umsätze. Zum Vergleich: In den USA sind es 48 Prozent. Konzernchef Schinecker drückt es so aus: „50 Prozent aller Mitarbeiter hier am Standort werden darüber bezahlt, dass wir in den USA das Geld verdienen.“ Trumps Forderung, mehr in den USA zu investieren, klingt angesichts des Ungleichgewichts also gar nicht so falsch.Der Schweizer Branchenverband Interpharma warnt angesichts des internationalen Drucks, die Schweiz stehe als Pharmastandort vor einem Umbruch. „Geopolitische Entwicklungen und neue internationale Spielregeln stellen die Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft und Attraktivität des Landes auf eine harte Probe“, heißt es dort. Pharma-Unternehmen müssten in den USA und China „massiv in den Bereichen Forschung und Produktion investieren, um sich Zutritt zu diesen Schlüsselmärkten zu sichern“. Schon zuvor hatte der Verband gewarnt, Investoren könnten wegen „unsicherer regulatorischer Rahmenbedingungen und langwieriger Zulassungsprozesse“ immer mehr Geld von der Schweiz ins Ausland verlagern.Auch in der Schweiz musste die Industrie zuletzt Niederlagen hinnehmen: Nach einer Volksabstimmung vor zwei Jahren wurde die OECD-Mindeststeuer eingeführt. International tätige Unternehmen mit einem Umsatz von 750 Millionen Euro und mehr müssen demnach auf ihren Gewinn nun mindestens 15 Prozent Steuern bezahlen, das sind je nach Kanton ein paar Prozent mehr als zuvor – zum Ärger der Pharmaindustrie. Severin Schwan, Präsident des
Roche-Verwaltungsrats, schimpfte kürzlich in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung: „Wir zahlen in der Schweiz mehr Steuern, als wir Umsatz haben.“Trotzdem läuft es für
Roche noch immer gut. Im vergangenen Jahr machte der Konzern fast 13,8 Milliarden Franken Reingewinn und konnte seine Umsätze auf 61,5 Milliarden Franken steigern. Zugleich stiegen die Steuern um 1,9 Prozentpunkte, und für 2026 wird ein weiterer Anstieg erwartet. „Die Pharmaindustrie gehört zu den größten Steuerzahlern in diesem Land“, betont Konzernchef Schinecker.Sicher ist: Die Pharmaindustrie ist entscheidend für die Schweizer Wirtschaft. Etwa 40 Prozent des Wirtschaftswachstums kommen laut Schinecker aus der Pharmaindustrie. Man sichere etwa 50 000 Arbeitsplätze sowie weitere 250 000 in anderen, benachbarten Sektoren. Pharmaprodukte machen demnach 41 Prozent der Schweizer Exporte aus, und die Branche stehe für etwa zehn Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung. Schlecht geht es der Branche, vor allem im Vergleich mit anderen Sektoren, nun nicht wirklich.Dennoch werden die Jobs auch hier eher weniger als mehr. Viele Pharma-Unternehmen, darunter
Novartis, haben angekündigt, Hunderte Jobs abzubauen, auch in der Schweiz.
Roche-Chef
Thomas Schinecker fordert wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen in der Schweiz. RocheSchinecker weist in seiner Eröffnungsrede für das neue Institut auf die Erfolge und immensen Fortschritte in der medizinischen Forschung der vergangenen 100 Jahre hin. „Dass wir eines Tages Tumore molekular charakterisieren, genetische Ursachen von Krankheiten entschlüsseln können und eben Therapien gezielt auf einzelne Patientinnen und Patienten zuschneiden können, das war damals kaum vorstellbar“, sagt er. „Dieser Fortschritt ist kein Zufall.“ Die vielen Milliarden, die in die Forschung investiert würden, seien auch immer ein Risiko, denn oft scheitern Entwicklungen auch. „Tatsächlich erreicht nur etwa eins von zehn Medikamenten am Ende die Patientinnen und Patienten“, sagt der Konzernchef. „Allein in der Schweiz fließen jedes Jahr rund 3,5 Milliarden Franken in die Forschung. Das ist mehr als das Vierfache unseres Umsatzes in diesem Land.“ Er fordert wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen, damit das so bleiben kann.Die Schweizer Bundesrätin
Elisabeth Baume-Schneider sieht die Pharmaindustrie vor großen Herausforderungen. Bundeskanzlei/Béatrice DevènesMan sähe die aktuellen Herausforderungen durch die USA, China und andere Mächte, sagte Bundesrätin Baume-Schneide bei der Eröffnung. Die Bundesrätin lobt das neue Institut als Bekenntnis zur Schweiz und zu
Basel sowie zu den vielen internationalen Mitarbeitern. „Diese internationale Offenheit ist kein Zufall. Sie ist Teil dessen, was die Schweiz ausmacht.“ Nun ist es so, und das sprechen sowohl die Bundesrätin als auch der CEO an, dass nicht nur der Druck aus den USA und die Steuern ein Problem sind. Auch in der Schweiz steht eine wichtige Volksabstimmung an, die den Standort Schweiz grundlegend verändern könnte. Die rechtspopulistische SVP will darüber abstimmen lassen, die Bevölkerung der Schweiz nicht über zehn Millionen Einwohner steigen zu lassen. Derzeit leben neun Millionen Menschen in der Schweiz. Hat das Anliegen Erfolg, könnte es für
Roche schwieriger werden, internationale Fachkräfte anzulocken, wie Schinecker betont.Bundesrätin Baume-Schneider sieht noch einen anderen Punkt, der direkt die Bevölkerung in der Schweiz und den anderen europäischen Ländern betrifft: nämlich Medikamentenpreise, die möglicherweise bald steigen könnten. „Bezahlbarkeit und Zugang müssen Teil der Innovation sein“, sagt sie. „Nur wenn die Bevölkerung spürt, dass Forschung und Fortschritt allen zugutekommen und finanziell tragbar sind, bleibt der gesellschaftliche Rückhalt bestehen.“ Schon in diesem Sommer wird sich an der Urne zeigen, ob die Schweizer Pharmaindustrie auf den Rückhalt in der Bevölkerung zählen kann.