Backyard Ultra heißt der Lauftrend, bei dem die Runden kurz sind und die Renndauer unbegrenzt. In
Frankfurt rannten einige Teilnehmer einen Tag und eine Nacht hindurch – und waren noch nicht müde.Am Samstagmorgen tupfen sich die Läufer Glitzer auf die Wangen, als lägen nicht brennende Muskeln und Schlafentzug vor ihnen, sondern ein entspanntes Sommerfest im Frankfurter Niddapark. Doch Schuhe und Startnummern verraten sofort, dass es das nicht ist. Gepolsterte Sohlen leuchten in Neonorange, Grasgrün und Pink. Auf dem Rasen des Frankfurter Sportvereins
Blau-Gelb stehen Pavillons und Zelte, darin sieht man Campingstühle, Isomatten, Sonnencreme und Blasenpflaster. Wo sonst Bälle über den Platz rollen, richten sich 145 Menschen auf mehrere Stunden, manche sogar auf mehrere Tage Ausnahmezustand ein.Eine halbe Stunde vor dem Beginn des Wettkampfs mit dem Titel „Last Rabbit Standing Backyard Ultra“ sind die Startnummern verteilt. An ihnen hängen Transponder, die bei jeder Runde melden, ob der Läufer rechtzeitig vor Ablauf von 60 Minuten wieder über die Ziellinie gekommen ist. Die Regeln sind schnell erklärt: 6,7 Kilometer werden pro Runde gelaufen. Zu jeder vollen Stunde wird wieder gestartet. Wer länger läuft oder nicht rechtzeitig an der Startlinie steht, scheidet aus. Alle anderen dürfen wieder los. Sieger wird nicht, wer am schnellsten läuft, sondern wer die meisten Runden durchhält.Mittendrin zwei Läufer aus
Thüringen,
Jessica Pikarski und
Andreas Twrznik, beide 47 Jahre alt, beide in roten Superhelden-Kostümen samt Perücke und Masken. Sie seien bei bis zu 30 Volksläufen pro Jahr dabei, erzählen sie. Für das beste Kostüm des Laufs winkt diesmal ein eigener Preis. Jeder „Finisher“ erhält eine Holzmedaille, und der letzte noch laufende „Hase“ gewinnt einen Pokal, ebenfalls aus Holz. Pikarski und Twrznik haben sich 16 Runden vorgenommen. Das wäre ihr neuer Rekord.Emil EichingerExtremsport mit KultstatusJeder Teilnehmer hat hier seine eigene Marke im Kopf. Manche wollen bis zum Mittag durchhalten. Andere insgesamt die Marathondistanz schaffen. Einzelne Extremsportler peilen mehr als 100 Kilometer an. Das Format selbst genießt in den
Vereinigten Staaten schon seit Jahren Kultstatus. Erfunden hat es der Amerikaner
Gary Cantrell, von dort aus verbreitete sich der „Backyard Ultra“ in viele Länder.Auch in
Deutschland finden die außergewöhnlichen Rennen eine wachsende Anhängerschaft. Spätestens seit der frühere Fußballweltmeister
André Schürrle und Ultraläufer Kim Gottwald 2025 eine eigene Variante lancierten, erhält das Format immer mehr Aufmerksamkeit. Gottwald gewann damals selbst nach 66 Stunden und 448 Kilometern.Die erste Runde beim „Last Rabbit Standing Backyard Ultra“ in
Frankfurt beendet der 21 Jahre alte Jan Meerwald nach nur 30 Minuten mit einem Lächeln im Gesicht. Er hat sich erst wenige Tage vor dem Lauf angemeldet und sieht ihn als weitere Trainingseinheit für einen anstehenden Marathon. Die kommenden Runden wolle er dennoch etwas langsamer angehen. „Die Strecke ist schon ganz schön lang“, sagt er.Übertrifft alle seine Rekorde: Marvin Röcher fuhr 14 Runden durch den Park.Emil EichingerMarvin Röcher hat sich vorgenommen, seinen eigenen Rekord zu knacken. Dabei läuft er nicht mit, er fährt mit dem Rollstuhl. Vor dem Rennen habe er die Organisatoren kontaktiert und gefragt, ob er teilnehmen könne. Die Strecke sei flach und geeignet. „Für mich gelten dieselben Regeln wie für alle anderen“, sagt Röcher. Vor drei Wochen hat der Siegener die Strecke schon einmal getestet und sieben Stunden durchgehalten. Nach der ersten Runde kommt er in exakt 45 Minuten zurück. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Er wird sein Ziel verdoppeln. Auch der Regen, der am frühen Abend einsetzt, hält ihn nicht ab, seine 14. Runde zu vollenden.„Die Community steht im Vordergrund“Unter den Läufern sind auch die Freundinnen Jana Bauer und Desirée Vieten, die das Format in den vergangenen Wochen im Training erprobt haben. „Bis jetzt glaube ich an die sieben Runden“, sagt Jana Bauer nach der ersten Runde und lacht. „Das Schönste unterwegs ist: Wir unterhalten und motivieren uns gegenseitig, es fühlt sich kaum wie ein Wettkampf an.“Genau auf dieses Gefühl setzt auch Organisatorin Jette Anders, 40 Jahre, Wahlfrankfurterin, selbst seit Jahren Ultraläuferin. Im vergangenen Jahr gewann sie zwei „Backyard Ultras“. Bei ihrer Veranstaltung lege sie zwar auch Wert auf Leistung, „aber bei uns steht noch ein bisschen mehr die Community im Vordergrund“. Zum langen Laufen sei sie selbst durch einen Freund gekommen, der ihr von seinen Ultraläufen erzählt und Bücher empfohlen habe. „Weil es da viel ums Mentale geht. Die körperliche Kraft ist natürlich wichtig. Aber irgendwann ist es der Kopf, der nicht mehr will.“Laufpause: Im Niddapark haben die Teilnehmer sich Zelte aufgebaut.Emil EichingerJeder müsse seine eigene Methode finden, sagt Anders. Manche versuchten bewusst, Zeit auf der Strecke zu lassen, um im Camp nicht zu lange stillzusitzen. Andere wollten möglichst früh zurück sein, um sich kurz hinzulegen. „Bei vierzig Stunden oder mehr ist es am Ende der Schlafmangel, der einen zerstört.“ Sie selbst schreibe sich vor jedem Lauf mentale Strategien auf. Außerdem hälfen Babypuder gegen feuchte Füße und Augentropfen bei Müdigkeit. Für ein Rennen bringe sie in der Regel vier oder fünf Paar Schuhe mit.Zum Laufen zieht es Anders in den TaunusAnders selbst läuft am liebsten im Taunus. Jedes Wochenende treibt es sie hinaus in die Natur, gemeinsam mit ihrem Mann und Mitorganisator Christian Lins verbindet sie auch ihre Urlaube regelmäßig mit Läufen. Gerade im Ultrasport gehe es nicht nur darum, schnell zu sein. „Es geht um das Durchhalten“, sagt Anders. Bei einem „Backyard Ultra“ könne sich Schnelligkeit sogar nachteilig auswirken. Wer nach einer halben Stunde wieder im Camp stehe, werde schneller müde und müsse den Körper noch einmal überreden. Sich erneut zu motivieren und an den Start zu gehen, sei dann besonders hart.Nur nicht zu schnell: Start zur zweiten Runde des "Last Standing Backyard Ultra"Emil EichingerZwei Läufer haben sich mit ihren Frauen für die Nacht eingerichtet. Für jede Runde liegt ein frisches Shirt bereit, im Nebenzelt ist eine mobile Toilette untergebracht. Meist bleiben nur wenige Minuten. Uwe Richlik, Jahrgang 1967, trägt die Startnummer 111. Gegen ein Uhr morgens überquert er nach 107 Kilometern die Ziellinie, stolz, aber sichtlich entkräftet. Seine Frau Barbara wartet in der Dunkelheit und erkennt ihn an seinem Laufstil. Sie hält ihm schon die warme Daunenjacke hin, bevor er ganz angekommen ist.Die letzte Frau im Wettbewerb ist Desirée Sauren, 51 Jahre alt, aus Düren. Sie beendet ihren Lauf nach fast 18 Stunden ohne nennenswerte Pausen. Ihren schönsten Moment erlebte sie gleich in der ersten Runde, als sie sich mit einer Mitstreiterin einen Riegel teilen konnte, erzählt sie.Der eigene Rekord von Jette Anders, der Organisatorin von „Last Rabbit Standing Backyard Ultra“, liegt bei 188 Kilometern in rund 32 Runden und Stunden. Und der Name der Veranstaltung? Eine private Anekdote. „Wenn mein Mann auf mich wartet, klopft er mit dem Fuß, so wie Klopfer aus Bambi“, sagt sie und lacht. So habe er seinen Spitznamen bekommen und der Lauf den seinen. „Und natürlich ist es auch unterhaltsam, wenn an einem Wochenende Sportler im Hasenkostüm durch den Niddapark joggen.“Begonnen haben die meisten Teilnehmer das Rennen am Samstagmorgen mit einem Lachen. Die Muskeln waren nicht müde und die Füße nicht wund. Doch der Lauf frisst Kraft, und irgendwann frisst er auch die Unbeschwertheit. Manche gehen dabei bis zur vollständigen körperlichen und mentalen Erschöpfung. Um ein Uhr nachts ist die Musik aus, es nieselt leicht, und nur noch 16 Sportler sind im Rennen. Die Mienen wirken angestrengt, einige Zelte sind wieder abgebaut. Am Sonntagmittag um zwölf Uhr laufen von 145 Starten immer noch sieben, am späteren Nachmittag sind es noch zwei. Über 180 Kilometer liegen hinter ihnen. Und die Uhr läuft weiter.