PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1951„Faustschlag ins Gesicht jeder anständigen deutschen Frau“Stand: 08:56 UhrLesedauer: 5 MinutenHildegard Knef als „
Marina“ in Willy Forsts Film „
Die Sünderin“ von 1951Quelle: picture alliance/Mary Evans/AF Archive/RichterZwei Millionen Deutsche stürmten in den ersten drei Wochen die Kinos, in Erinnerung blieb der Skandal: Der Film des Jahres 1951 startete am 18. Januar – „
Die Sünderin“ mit
Hildegard Knef in der Hauptrolle. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Kaum etwas sagt so viel über den Zustand einer Gesellschaft aus wie die Anatomie eines Skandals. Trotzdem hat kaum je ein Eklat so viel zum Vorschein gebracht wie die Aufregung um Willy Forsts Film „
Die Sünderin“, in dem
Hildegard Knef die Hauptrolle spielte. Im heutigen Zeitalter allgegenwärtiger Pornografie mag der Streifen niedlich wirken, doch 1951 war der Anblick des nackten Rückens der Schauspielerin entschieden zu viel für die Augen des Publikums.Die wohl brillanteste Zusammenfassung lieferte der Filmproduzent
Erich Pommer: „Bei einem Film starten sie Revolutionen, bei Gaskammern nicht.“ Der Satz trifft, weil er auf einen Grundtatbestand der Nachkriegsjahre hinweist: Die Verbissenheit, mit der die Bundesbürger den Nationalsozialismus totschwiegen, verband sich mit einer Sexualmoral, die vorwiegend aus Verboten bestand. Den psychischen Druck auszuhalten, der daraus resultierte, war vielen Menschen nicht gegeben – und jemanden in so einer Lage für einen Tabubruch niederzumachen, dürfte die Seelen einiger Deutscher erheblich entlastet haben.
Hildegard Knef tritt in „
Die Sünderin“ als Prostituierte
Marina auf; ihr Leben besteht aus Verrat, Gewalt und Krankheit. Die Mutter hatte zu Kriegszeiten ihren Stiefvater betrogen und war dafür im
Gestapo-Knast gelandet. Noch dazu wird
Marina von ihrem Stiefbruder verführt, den dann der Stiefvater offenkundig erschlägt. Dann verliebt sich die Hauptdarstellerin in den gescheiterten Maler
Alexander, dessen Hirn ein Tumor befällt: Ihn stellte
Gustav Fröhlich dar.Um an das Geld für eine Operation zu kommen, will
Marina wieder als Hure arbeiten, scheitert, findet jedoch jemanden, der ihren Partner ohne Bezahlung behandelt. Das Ende der Geschichte beschäftigt sich mit Sterbehilfe und Suizid, zwei weiteren Tabuthemen der Zeit: Nach einer Phase der Besserung erblindet
Alexander durch den Hirntumor und wird lebensmüde.
Marina reicht ihm ein Glas mit einer Überdosis des Schlafmittels Veronal, er trinkt es, und auch
Marina bringt sich um.In WELT hatte
Willy Forst persönlich geschrieben, was er mit dem Film ausdrücken wollte: „Unsere Zeit wird meines Erachtens nicht zu Unrecht die ,Ära der Lebensangst‘ genannt. Viele Ihrer Kunstwerke sind Ausgeburten dieser Angst: verdichtete Albträume, apokalyptische Visionen, wie sie Kafka, Orwell, Green, Sartre und Wilder geschrieben haben.“ Und er fuhr fort: „In seinem weitgespannten Bogen, von den höchsten Höhen zu den tiefsten Tiefen, die für ein Menschenleben überhaupt denkbar sind, durch die Offenheit seiner Darlegung und die Rückhaltlosigkeit seines Bekenntnisses spricht dieses Frauenschicksal – so hoffe ich – einen jeden von uns an.“Forst hoffte nicht vergeblich, nur irrte er sich in der Annahme, der „Sünderin“ werde in den Kinosälen Verständnis entgegengebracht. Was nach der Premiere des Films am 18. Januar 1951 losbrach, hätte wohl jeden Menschen überfordert. Dass eine 25-jährige Schauspielerin wie
Hildegard Knef, die zuvor einige Jahre ohne Engagement in den USA zugebracht hatte, den Angriffen wenig entgegenzusetzen hatte, kann niemanden verwundern.Mit am freundlichsten war noch die „Westfälische Rundschau“: „Der Film ist künstlerisch belanglos und in der Wirkung verderblich, ja er ist geradezu ein Schulbeispiel für jene Einstellung, bei der sich Gewinnsucht hinter gespielter Ernsthaftigkeit verbirgt“, urteilte das Blatt. Härter gingen jene Politiker vor, die Flugblätter verteilten, auf denen von einem „Faustschlag ins Gesicht jeder anständigen deutschen Frau“ die Rede war, von einer „Gefährdung des Ehrbarkeitsgefühls unseres Volkes“ oder davon, dass der Film die „elementarsten Regeln des menschlichen Anstandes“ verhöhne.Kardinal Josef Frings widmete als Erzbischof von Köln der „Sünderin“ gar eine eigene Predigt und rief darin zur Selbsthilfe auf. Die katholische Jugend demonstrierte. In München ließen Unbekannte weiße Mäuse in einen Kinosaal, weil sie Panik bei einer Vorstellung auslösen wollten. Wie sich dieses Leben als Aussätzige anfühlte, hat
Hildegard Knef in ihren Memoiren „Der geschenkte Gaul“ beschrieben.Lesen Sie auchAnfänglich habe sie sich über die vielen Plakate mit ihrem Namen zwischen den Trümmern gefreut, das sei jedoch nur von kurzer Dauer gewesen: „Ohnmächtige und Halbzertrampelte waren an jeder zweiten Theaterkasse vorzufinden. Wo immer ich hinkam, brüllte es: ,
Die Sünderin‘. Rannte ich, hieß es: ,Jetzt macht sie auf Kind‘. Ging ich langsam: ,Da schleicht sie vampig‘. Lachte ich: ,Die hat Nerven‘. Lachte ich nicht: ,Die Reue kommt zu spät‘. Sie pöbelten und spuckten, und der Film wanderte von Richtertisch zu Richtertisch.“Hinzuzufügen ist, dass der eingangs zitierte Produzent
Erich Pommer die Darstellerin vor der Rolle gewarnt hatte: „Man wird Sie abstempeln, und Sie werden in eine falsche Richtung gedrängt. Die Presse ist gegen Sie. Man wird Sie angreifen.“ Der Mann wusste, wovon er sprach, hatte er doch Marlene Dietrich 1930 mit dem Film „Der blaue Engel“ zu Weltruhm verholfen, den sie ohne ihre lasziven Posen niemals erlangt hätte.Zwei Millionen Deutsche stürmten in den ersten drei Wochen die Kinos, in denen „
Die Sünderin“ gezeigt wurde. Wenn er nicht so traurig wäre, könnte man über den Widerspruch lachen, dass ein Werk einen solchen Erfolg feierte, das doch alle ablehnten.
Hildegard Knef half das nichts, sie war für die nächsten Jahre in Deutschland aus dem Geschäft gedrängt und begann eine Karriere als Musical-Star am New Yorker Broadway.Der Text, den Forst in WELT veröffentlichte, endete auf die Worte: „Jeder von uns wird da und dort einen kleinen Teil seines eigenen Lebens wiedererkennen, sei es auch nur eine vage Ähnlichkeit oder ein kurzer Augenblick der Besinnung.“ Das war 1951 noch unmöglich.
Hildegard Knef aber ist zum Symbol der Bundesrepublik geworden: Als die Bundeswehrkapelle 2021 zu Angela Merkels Abschied vom Bundeskanzleramt im Großen Zapfenstreich ihr „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ spielte, war das ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich die Zeiten seit der Premiere von „
Die Sünderin“ grundlegend geändert haben.Dass ein nackter Rücken ein Skandal sein soll, konnte Philip Cassier als Kind der Siebziger schon nicht mehr begreifen. Trotzdem hat er Hildegard Knefs Autobiografie „Der geschenkte Gaul“ verschlungen. Der Band gehört für ihn zum Besten, was das Genre zu bieten hat.