13. April 2026Viktor Orbans Partei
Fidesz wurde in der Wahl geradezu hinweggefegt. Es ist auch ein Schlag für Putin, Trump und die Populisten. Der Wahlsieger
Peter Magyar verspricht einen Systemwandel und geht auf
Fidesz-Wähler zu.https://p.dw.com/p/5C4wNPeter Magyar spricht nach seinem Wahlsieg am Sonntagabend (12.04.2026) in
Budapest vor Anhängern seiner Tisza-ParteiBild: Attila Husejnow/SOPA Images/IMAGODas Ende des Orban-Systems wird als Erstes in einer unscheinbaren Facebook-Mitteilung bekannt gegeben - es ist ein kurzer Satz auf dunkelblauem Grund: "Gerade hat der Herr Ministerpräsident telefonisch zu unserem Sieg gratuliert." Diese Mitteilung postet Ungarns Oppositionsführer
Peter Magyar am Sonntagabend um 21:11 Uhr. Da ist nach dem Ende der ungarischen Parlamentswahl zwar erst rund die Hälfte der Stimmen ausgezählt. Doch die gewaltige Niederlage der Orban-Partei
Fidesz und der historische Wahlsieg der oppositionellen Tisza-Partei zeichnen sich in diesem Moment schon ab. Trotz einer übermächtigen Ausgangsposition nach 16 Jahren an der Macht wird
Fidesz regelrecht hinweggefegt. Tisza erhält eine so große Zwei-Drittel-Mehrheit wie noch keine Partei vor ihr seit dem Ende der kommunistischen Diktatur in Ungarn 1989/90 - bei einer historisch hohen Wahlbeteiligung von fast 80 Prozent. Es ist wohl auch diesem erdrückenden Ergebnis geschuldet, dass am Sonntag (12.04.2026) nur zehn Minuten nach Magyars Facebook-Mitteilung geschieht, was viele in Ungarn nach 16 Jahren autokratischer Orban-Herrschaft nicht für möglich gehalten hätten: Der Noch-Premier gesteht um 21:20 Uhr in einer kurzen Rede vor wenigen hundert Anhängern seine Niederlage ein. Seine Partei werde künftig in der Opposition arbeiten, sagt
Viktor Orban - nicht jedoch ohne zu betonen: "Wir geben niemals auf. Niemals, niemals, niemals und niemals." Kurz darauf füllen sich am späten Sonntagabend in
Budapest, aber auch in anderen Städten des Landes die Straßen mit jubelnden Menschen, vor allem mit vielen jüngeren. Ausgelassen feiern zehntausende das Ende des Orban-Regimes. Es sind Szenen, wie sie seit 1989/90 nicht mehr zu sehen waren. Die größten unabhängigen Nachrichten-Portale schreiben vom "Ende der Willkürherrschaft" und vom "Sturz der Orban-Ordnung" oder titeln einfach nur: "Es ist zu Ende."Nach Bekanntgabe der ersten Wahlergebnisse feiern Anhänger der Tisza-Partei in
Budapest am Sonntagabend den Sturz des Orban-Regimes und den Wahlsieg Peter MagyarsBild: Bernadett Szabo/REUTERS Währenddessen hält
Peter Magyar vor tausenden Anhängern eine 40-minütige Siegesrede. Es ist eine Rede mit vielen emotionalen Sätzen, vielen großen Versprechen, aber ohne Triumphalismus oder Rachsucht, auch eine Rede mit geschickten Ankündigungen und versöhnlichen Tönen gegenüber den Orban-Wählern. "Ab heute lebt das Land wieder", ruft Magyar. "Wir haben eine historische Vollmacht erhalten, ein funktionierendes und menschliches Ungarn zu bauen. Wir werden jede Minute und jeden Augenblick dafür arbeiten, dieses Vertrauen zu verdienen." Als er sagt, dass Ungarn wieder ein europäisches Land und von Neuem ein starker Partner in der NATO und der EU sein wolle, ertönen in der Menge Sprechchöre: "Russen nach Hause!", später "Europa! Europa!". Magyar fordert die wichtigsten Staatsbeamten, darunter den Staatspräsidenten, den Generalstaatsanwalt und die beiden ranghöchsten Justizbeamten, zum Rücktritt auf und verspricht, dass man das System der Machtkontrolle und Ausgleichsmechanismen wieder herstellen werde. Zugleich spricht er die
Fidesz-Wählerinnen und -Wähler an: "Ich werde auch euer Ministerpräsident sein und dafür sorgen, dass wir uns gegenseitig akzeptieren können, auch wenn wir anderer Meinung sind." Viele ungarische Politologen geizten in ersten Analysen am späten Sonntagabend nicht mit Superlativen. Der Wahlforscher Robert Laszlo vom Institut Political Capital etwa sprach im Portal Telex von einer "neuen Zeitrechnung" und davon, dass mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit von Tisza der "Abriss des Orban-Regimes" beginnen könne. Der Politologe Daniel Rona sagte über den Grund der Niederlage: "Orban muss in den Spiegel schauen." Tatsächlich ist das Wahlergebnis nur zu verstehen, wenn man sich die jahrelange Arroganz, die Selbstherrlichkeit und den Machtmissbrauch der Orban-Ordnung vor Augen hält. Orban hatte Staat und Verwaltung von illoyalen Beamten gesäubert, Justiz und den größten Teil der Medien unter seine Kontrolle gebracht - aber dennoch ständig behauptet, Ungarn sei das freieste Land Europas. Er hatte ein zutiefst korruptes System errichtet, verkündete aber, niemand verteidige die nationalen Interessen besser als er.
Viktor Orban gesteht am Sonntagabend (12.04.2026) in
Budapest vor Anhängern seine Niederlage bei der Wahl ein. Neben und hinter ihm führende Mitglieder der
Fidesz-ParteiBild: Attila Kisbenedek/AFP Unter
Viktor Orban galten bereits ab 2010, nach dem ersten Zwei-Drittel-Wahlsieg des
Fidesz, alle Kritiker als Verräter und Feinde der Nation. Ungarn lebte 16 Jahre lang in einer Dauer-Hasskampagne, die sich mit haarsträubenden Anschuldigungen gegen die Ukraine zuletzt ins Absurd-Groteske steigerte. Zugleich biederte sich Orban beim russischen Diktator Wladimir Putin und bei anderen Autokraten jahrelang an. Nicht wenige ungarische Beobachter waren lange Zeit der Ansicht, dass es nicht mehr möglich sei, Orban auf friedliche Weise abzuwählen. Dass das scheinbar Unmögliche nun dennoch geschah und eine demokratische Oppositionspartei dabei auch noch eine historische Zwei-Drittel-Mehrheit erhielt, ist vielen Umständen zu verdanken: dem tiefen Wunsch einer großen Mehrheit, nicht mehr im Orban-System leben zu wollen, einem krass verzerrten Wahlrecht, das sich nun gegen Orban selbst wandte, einem talentierten und charismatischen politischen Anführer und dem Rückzug fast aller anderen Oppositionsparteien von der Wahl. Auch die immer offenere Unterstützung Russlands und der USA für Orban dürfte sich zuletzt gegen den autokratischen Premier gewandt haben. Sowohl für Putin als auch für US-Präsident Donald Trump ist die Wahlniederlage Orbans auch ein schwerer persönlicher Schlag, denn beide hatten Orban offen - und im Falle Russlands auch mit verdeckten Mitteln - unterstützt."Konzert zum Abriss des Systems" auf dem Budapester Heldenplatz am 10.04.2026, zu dem sich zehntausende Menschen versammelt habenBild: Ferenc Isza/AFP Ob Orbans Niederlage das Ende des populistischen Rechtskonservatismus und Rechtsextremismus in Europa einläutet, ist schwer zu beurteilen. Ein prominenter Propagandist des Orban-Regimes äußerte sich am Sonntagabend jedenfalls pessimistisch: Ungarn sei die "Bastion der Patrioten" gewesen, nun sei sie gefallen und damit "auf lange Zeit die Hoffnung verloren, ein Europa der starken Nationalstaaten aufzubauen". Umgekehrt erhielt der Wahlsieger
Peter Magyar bereits am späten Sonntagabend Glückwünsche von zahlreichen Regierungen Europas, verbunden wohl auch mit der Hoffnung, dass die Zeit der Vetos, der Dauerblockade und der Hetze vorbei ist und wieder mehr Normalität in der EU einkehrt. Wie schnell und erfolgreich der Systemwandel in Ungarn verlaufen kann, ist noch längst nicht absehbar. Der Publizist und Chefredakteur der Wochenzeitung HVG, Marton Gergely, äußerte jedenfalls die Hoffnung, dass
Peter Magyar seine überwältigende Parlamentsmehrheit nicht missbrauchen werde. Jetzt sei es an dem Wahlsieger, zu beweisen, dass er die Demokratie wieder aufbaue, obwohl er es, "so Gergely, "gemessen an den Zahlen, nicht nötig hätte".