Das
Halle" class="entity-link entity-organization" data-entity-id="113664" data-entity-type="organization">Opernhaus
Halle erfindet sich unter dem Intendanten
Walter Sutcliffe neu: Ein weiterer Beleg dafür ist die opulente Aufführung von Franz Schrekers Tour de force „Das Spielwerk und die Prinzessin“.Stellen Sie sich vor, es läutet an Ihrer Haustür. Ein salopp gekleideter Mann mit modisch kurzem Haarschnitt begrüßt Sie: „Ich bin
Walter Sutcliffe, komme von der Oper und wollte Sie gern fragen, wann Sie zuletzt in einer Aufführung waren?“ Sollten Sie dann leichtsinnigerweise antworten: „Vor etwa dreißig Jahren“, wird Ihnen der Mann freudestrahlend entgegnen: „Dann bin ich der Erste, der Sie wieder dorthin bringt – wollen Sie lieber Tanz oder Gesang?“ Sutcliffe ist seit 2021 Intendant des Opernhauses in
Halle, stammt aus
London und leitete zuvor die
Northern Ireland Opera, kennt die deutschen Theaterverhältnisse als freischaffender Regisseur allerdings seit mehr als zwanzig Jahren. „Wir produzieren Oper und wir verkaufen Oper“ – das hat er sich zur Lebensaufgabe gemacht. Aber wie und an wen? An die Gesellschaft. Die soll merken, was sie an ihren Opernhäusern hat, soll glücklich sein, sie mit ihren Steuern unterstützen zu dürfen. Deshalb macht Sutcliffe sogar Hausbesuche, um die Stadtgesellschaft für das „System“ Oper zu begeistern. Dahinter steckt auch seine Erfahrung in England, wo es kein Repertoire-Theater mehr gebe und die Opernhäuser bis auf die
English National Opera und
Covent Garden in
London zusammengeschrumpft seien. Einer solchen Entwicklung in Deutschland müsse entschieden vorgebaut werden, doch dafür reiche es nicht, nur mit Politikern zu sprechen.Besucherzuspruch um zweihundert Prozent gesteigertMan muss auf besondere Art „sichtbar“ werden, auch persönlich. So geht Rutcliffe unmittelbar nach den Aufführungen in
Halle auf die Bühne, um dem Publikum fürs Kommen und dem Ensemble für seine Leistung zu danken. Das Gefühl, im Haus willkommen zu sein, soll das Publikum als „Familie“ binden, und dafür werden auch die Abenddienste geeicht. „Nett zu sein, ist die halbe Miete“, verkündet er, „und alles, was nicht schaden kann – lass uns das machen!“ Etwa die Teilnahme am halleschen Stadtfest, Weihnachtssingen im Eishockey-Stadion der
Saale Bulls oder auch Auftritte mit der gerade ausgezeichneten „Opera Mobile“ in sozialen Einrichtungen, Die Idee hat Rutcliffe aus
Irland importier. Soziale Verantwortung dürfe auch für Sänger keine „Zumutung“ sein. Die Regelmäßigkeit des Opernbesuchs wieder herzustellen nach der Covid-Pause und den unerfreulichen, auch die Öffentlichkeit beschäftigenden Streitereien zwischen seinem Vorgänger Florian Lutz (heute in gleich beunruhigender Funktion in Kassel) und dessen Geschäftsführer sah Rutcliffe als seine erste Aufgabe. Seine Marketing-Aktion „Zwei Tickets für eins“, wobei das zweite für eine spätere Aufführung gedacht war, fand regen Zuspruch. Und stolz vermeldete der Intendant für die Spielzeit 2024/25 eine Rekordzahl an neuen Besuchern, eine Steigerung von zweihundert Prozent gegenüber den Spielzeiten seines Vorgängers. Schon zum Saisonstart wurden die höchsten Einnahmen und Besucherzahlen seit zehn Jahren vermeldet. Ohne Nachweis seiner künstlerischen Integrität und Identität wäre dieser Erfolg sicher ausgeblieben: keine Skandale, keine „Belästigung“ der Stadt und Politik mit Interna. Für Rutcliffe sind das Grundregeln.Ausstattung geht in
Halle vor Regie – und es funktioniertDie ästhetische Konsolidierung des Hauses erreichte er mit der verblüffenden Maxime: Ausstattung vor Regie. Also engagierte er für die drei ersten Spielzeiten, noch bevor er einen Regisseur angesprochen hatte, ein Team aus vier international tätigen Ausstattern, die in wechselnden Konstellationen jeweils zwei Produktionen übernahmen – das neue visuelle Design war gefunden.Auch nach der Premiere der Oper „Das Spielwerk und die Prinzessin“ von
Franz Schreker kam Rutcliffe auf die Bühne – um zu gratulieren: Das Staatsorchester
Halle feiert seinen zwanzigsten Geburtstag. Deshalb hatte er seinen Generalmusikdirektor Fabrice Bollon gefragt, welches Werk der sich zu diesem Anlass wünsche, und Bollon schlug als sein Herzensstück die riesig besetzte Schreker-Oper vor, die er schon in seiner letzten Amtszeit in Freiburg produzieren wollte (was dort an den Finanzen scheiterte). 115 Musiker und Musikerinnen umfasst die Staatskapelle, deren Hauptteil nun auf der Hinterbühne sitzt, die Sänger und Sängerinnen quasi umarmt und durch Gazevorhänge von der Vorderbühne getrennt ist. Das Werk,1913 gleichzeitig in Wien und Frankfurt uraufgeführt, war szenisch zuletzt 2003 in Kiel zu sehen (einen Mitschnitt gibt es auf CD).Die „abstrusen Unmöglichkeiten dieses Textbuchs“, die eine Wiener Kritikerin nach der Uraufführung monierte, könne doch ein „bewusst denkender Künstler“ wie Schreker, der das Libretto selbst verfasst hatte, nicht übersehen haben. Damit war das Todesurteil über das Werk so gut wie gesprochen. Und was diese Oper eigentlich ist, lässt sich auch heute noch kaum beschreiben: eine Mischung aus Märchen, Symbolismus, Mysterienspiel, Eros und Tod, Massenhysterie und Feuersbrunst – eigentlich alles, was das Opernherz begehrt, nur in dramaturgisch höchst verschlüsselter Sprache und Abfolge.Wenn vom Licht gesungen wird, blitzt es auch im Orchester aufAber darin kann für die heutigen Bühnenmöglichkeiten auch ein Vorteil liegen, sofern die Regie nicht meint, hier etwas „deuten“ zu müssen. Nele Lindemann – Tochter des Rammstein-Frontmanns Till Lindemann – gastiert in
Halle erstmals mit einer Opernregie und stellt das Stück zusammen mit ihrer Ausstatterin Zana Bosnjak als modernes Märchen auf die Bühne, als videoverspielte, farbige Fantasy zwischen vegetativen Mustern von Moosen und Korallen bis hin zu Silhouetten nächtlicher Hochhauspanoramen. Davor sehen wir meist choreographierte Menschenwesen mit langen Haaren in Phantasiekostümen: einen wandernden Burschen, den Wolf, die Graben-Liese, einen Kastellan und Meister Florian, den Erbauer des Spielwerks. Sie munkeln lange im Dunkeln, bis die Prinzessin mit den Worten auftritt: „Ich will heut’ Abend Lichter sehen.“ Da blitzt es auch im Orchester hell auf.Die Prinzessin ist im Geiste eine Schwester der Salome von Richard Strauss, die vielen Komponisten jener Zeit im Kopf herum spukte: Sie ist „schön“, „krank“ und beschreibt ihren gerade verstorbenen, aber am Ende wieder auferstehenden Liebsten, einen Geiger, ähnlich biblisch wie Salome ihren Johannes – eine somnambule Figur, die bei der hohen Sopranistin Franziska Krötenheerdt eine (horror)filmreife Umsetzung findet. Über Schrekers Musik lässt sich schwärmen: ein Orchesterrausch, im Raunen ebenso wie in den sich auftürmenden, glitzernden Orchesterwogen. Sie beschwört die Glocken Parsifals und die Flöte Debussys, ist Traum, Ekstase und Totentanz zugleich. Ein Jahr nach ihrer Uraufführung bricht der Erste Weltkrieg aus.