Früher sprang man irgendwo herunter und hoffte, dass es gut ging. Heute betritt das Kind seine Flugzone durch eine Öffnung mit Reißverschluss. Das hat etwas Rührendes. Eine Glosse.Meine aktuellen Impressionen liegen deutlich näher. In der Nachbarschaft. Hier gibt es kaum noch einen Garten, der ohne massives Trampolin auskommt, dem Kinderbelustigungsgerät Nummer eins in urbanen Vorgärten.Neulich stand in Nachbars Garten plötzlich wieder eines. Über Nacht aufgerichtet, ein Ostergeschenk offenbar, eines mit jener Mischung aus Fürsorge, Ehrgeiz und logistischer Entschlossenheit, die Eltern heute entwickeln, wenn sie ihrem Nachwuchs eine schöne Kindheit samt rosiger Zukunft bauen wollen. Früher stellte man einen hölzernen Sandkasten in den Garten. Heute errichtet man eine Anlage, die entfernt an eine Außenstelle der
Ultimate Fighting Championship (UFC) erinnert. Stichwort
Mixed Martial Arts (MMA). Das Gartentrampolin besteht aus einer runden Sprungfläche und einem gepolsterten Rand. Es thront auf einem etwa ein Meter hohen Metallgestell. Rund um die Sprungfläche ist an mehreren meterhohen Stangen ein engmaschiges Sicherheitsnetz befestigt. Das Ganze sieht aus wie ein Käfig. Man schaut darauf und denkt: Würde mich nicht wundern, wenn gleich einer mit Anzug und Fliege, sprich
Bruce Buffer von der UFC, völlig von Sinnen ins Mikrofon brüllte: „IT’S TIME!!!“.Doch in Nachbars Garten geht es nicht um brachialen Kampfsport, sofern man bei MMA überhaupt von Sport reden will. Hier geht es um ausgelassenes Hüpfen. Und wie es sich gehört, liegt der normgerechten Aufbauanleitung eine detaillierte Gebrauchsanweisung bei, die mir unser Nachbar freundlicherweise zeigte. Darin steht: Nicht bei Nässe springen. Keine Salti. Nur eine Person. Immer das Netz schließen. Kein Essen, kein Trinken, keine Schuhe, kein Taschenmesser, keine Zigaretten. Mit einem Wort: Hochsicherheitsbereich.Bloß keine Messer und KippenDa muss man natürlich sagen: Es ist beruhigend, wenn alles so eindeutig geregelt ist. Man möchte ja tatsächlich nicht, dass die eigenen Kinder mit einem Messer in der Hand und einer Kippe im Mund hoch hinaus wollen. Sollen ja nicht Rapper werden oder Schlimmeres.Früher? Früher sprang man irgendwo herunter und hoffte, dass es gut ging. Vom Mäuerchen, vom Garagendach, von allem, was geeignet schien, die Schwerkraft herauszufordern. Heute betritt das Kind seine Flugzone durch eine Öffnung mit Reißverschluss. Das hat etwas Rührendes. Abenteuer, bitte hier entlang.Was noch auffällt, wenn ich mich in der Nachbarschaft umschaue: Gartentrampoline stehen selten allein. Sie gehören als Milieu-Möbel offenbar zu einer bestimmten Gartenökonomie. Sie stehen gewöhnlich nicht weit entfernt von einem Hochbeet, in dem ambitionierte Cocktailtomaten ihrer Reife entgegensehen. Und meist stehen sie auch nicht allzu weit weg vom E-SUV, der im familieneigenen Nachhaltigkeitsfuhrpark direkt neben dem Lastenrad am Ladekabel hängt. Das ergibt ein schönes Ensemble.Es sagt: Hier wird an der Zukunft gearbeitet. Und hier wächst etwas heran. Im Beet Basilikum, auf dem Trampolin die Kinder.