Meisterhaft saniert: Das Konzerthaus am Kieler Schloss, ein Bau der Nachkriegsmoderne, strahlt nun hell in die Umgebung, die ihrerseits neue Konturen gewonnen hat.
Deutschland ist voller Museen und Konzerthäuser aus den bauwütigen Sechzigerjahren. Und in vielen Fällen sieht man ihnen ihr Alter an; sie müssen saniert und womöglich sogar für die Anforderungen der Gegenwart hergerichtet werden. Beides erleichtert eine neue Wertschätzung für diesen Teil des Bauerbes. Das Büro gmp von Gerkan, Marg und Partner hat sich schon mit der überaus gelungenen Sanierung des Kulturpalasts in Dresden hervorgetan, und jetzt hat es auch das Konzerthaus am Kieler Schloss wachgeküsst.In diesem Fall waren sie gut beraten, sich mit einem örtlichen Architekten zusammenzuschließen, der
Kiel nicht nur bestens kennt, sondern im Umfeld des Gebäudes selbst gebaut hat:
Björn Bergfeld vom Büro
BBP Architekten blickt sogar von seinem Schreibtisch aus auf das Konzerthaus. Als „konzeptionelle Fortschreibung der Kulturbauten der Nachkriegsmoderne“ bezeichnet Bergfeld den Ansatz der beiden Büros, der sich als guter Kompass bei der Umgestaltung erwies, die ebenso kraft- wie respektvoll geraten ist.Das Foyer mit Galerie, flächig beleuchtet durch die äußere Wand des OrchestersaalsMarcus BredtDas 1965 fertiggestellte Konzerthaus wurde von den Architekten Sprotte & Neve entworfen und nach seiner Fertigstellung für die „Klarheit und formale Zurückhaltung seiner Architektur“ gelobt – ganz nach dem Geschmack der damaligen Zeit, in Norddeutschland zumal. Der siebeneckige, von einem rechteckigen Natursteinbau mit Glasfront eingefasste Saal bildet gemeinsam mit dem Schloss das Kulturzentrum im Norden der Altstadt. Hier hat das Philharmonische Orchester der Stadt seine Heimat.Nach dem Motto „Hochkultur für jedermann“Die Architektur stand auch für ein gebautes Gesellschaftsbild: „Hochkultur für jedermann“ lautete des sozialdemokratisch geprägte Ideal, das hier seinen baulichen Ausdruck fand: nicht pompös, sondern in schlichter Eleganz gleichsam klassenlos präsentiert sich der Bau, in dem zugleich eine intime räumliche Beziehung zwischen Orchester und Publikum hergestellt wird.Der Saal mit seinem mittigen, schwellenlosen Orchesterpodium ohne Proszenium ist von gestaffelten flachen Sitzterrassen in Rot, Weiß und Gold umgeben und wirkt mit seiner Weinbergarchitektur nicht zufällig wie ein kleiner Scharoun: Einer der beiden Architekten,
Herbert Sprotte, hatte als junger Mann beim Meister in Berlin gearbeitet, dessen Entwurf für die Berliner Philharmonie zur gleichen Zeit entstand. Die Kieler Entwerfer ließen sich damals auch von der skandinavischen Moderne inspirieren, insbesondere von Arne Jacobsen.Bergfeld und gmp haben bei ihrer Sanierung des Konzerthauses auch einige wenige wohlüberlegte Änderungen an der ursprünglichen Konzeption vorgenommen: Die Lage von Bar und Garderoben wurden getauscht, einen später ungeschickt hinzugefügten Fahrstuhl in das Foyer verlegt und das Förde-Foyer um eine schwarze Piano-Bar ergänzt, von der aus der Blick auf das Wasser geht, dem der Bau den Rücken zuwendet.Verwandtschaft mit Scharouns Philharmonie in Berlin: der sanierte OrchestersaalMarcus BredtDa Theater-Architektur hinsichtlich ihrer wesentlichen Nutzung Nacht-Architektur ist, war für ihn die Illumination der Räume in Dämmerung und Dunkelheit besonders wichtig: Wie eine Schatzkiste glänzt die äußere Saalwand nun dank einer flächigen LED-Beleuchtung. Das gleißend weiße Licht fällt flächig durch Mineralwerkstoff-Paneele hindurch, die so dünn geschnitten wurden, dass sie einen strahlenden Kontrast zu den Einbauten aus Schwarzstahl bilden. Der Saalcorpus wird also nicht angestrahlt, sondern glüht gleichsam.Die Akustik des Saals haben die Architekten durch zwölf höhenverstellbare Segel über der Bühne optimiert. Die beste Raumakustik nützt schließlich nichts, wenn zwar die Zuhörer das Orchester gut hören, die Musiker sich selbst und einander dagegen nicht. Die schallreflektierenden Flächen dienen auf raffinierte Art zugleich Akustik, Beleuchtung und Bühnentechnik.Auch an den Städtebau wurde bei der Sanierung gedacht. Anstelle des 1944 fast völlig ausgebrannten Schlosses war ein schlichter Backsteinbau errichtet worden, der die Dimensionen seines Vorgängers aufgriff. Einziges Überbleibsel des historischen Schlosskomplexes ist der Rantzau-Bau von 1697, den Domenico Pelli, ein Schüler Vaubans, entworfen hatte.An seinen Proportionen und Materialien orientieren sich die Neubauten des 2019 fertiggestellten „Schlossquartiers“, das Bergfeld mit Partnern auf einer schnöden Nachkriegsbrache plante. Die Wohn- und Geschäftsbauten mit ihren nahezu klassischen Fassaden nehmen den historischen Stadtgrundriss auf, der zuvor undefinierte Schlossplatz hat wieder Konturen bekommen. Auch das Konzerthaus als Zeugnis der Nachkriegsmoderne profitiert von dieser Rahmung, der Solist strahlt im Ensemble umso heller.