Am Morgen des 3. Januar nahmen US-Spezialkräfte den venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro in seiner Residenz in
Caracas gefangen. Venezuelas Regierung, allen voran Vizepräsidentin Delcy Rodriguez, verurteilte die Aktion als Entführung und kündigte Widerstand gegen die USA an. Doch der Ton änderte sich schnell. Bereits einen Tag später zeigte US-Präsident
Donald Trump sich überzeugt, Rodriguez sei "im Grunde bereit, alles zu tun, was wir für notwendig halten, um
Venezuela wieder groß zu machen." Und tatsächlich lud die Interimspräsidentin die US-Regierung noch am selben Tag ein, "gemeinsam an einer Agenda der Zusammenarbeit zu arbeiten". Kurz darauf präsentierte US-Außenminister
Marco Rubio einen 3-Phasen-Plan für diese Zusammenarbeit. Nach 100 Tagen im Amt scheint die Interimspräsidentin Phase 1 - das Machtvakuum - zu füllen, das Maduros Wegfall hinterließ. Sie selbst legte - mit Zustimmung von Militär und Oberstem Gericht - am 5. Januar ihren Amtseid vor der Nationalversammlung ab. Dieser steht seit einiger Zeit ihr Bruder
Jorge Rodriguez vor.Delcy Rodriguez empfing im Februar 2026 Energieminister Chris Wright - es war der erste Staatsbesuch eines US-Ministers seit 2001 in VenezuelaBild: Julio Urribarri/Anadolu Agency/IMAGO Mindestens zwölf Spitzenpositionen besetzte Rodriguez binnen weniger Wochen neu. Die prominenteste: Im März musste Außenminister
Vladimir Padrino Lopez - wohl auch wegen des Debakels bei der Gefangennahme des Präsidenten - gehen. An seine Stelle trat der ehemalige Chef des gefürchteten Geheimdienstes
SEBIN Gustavo González López, den Rodriguez bereits Anfang Januar zum Chef ihrer Leibgarde gemacht hatte. Ein Machtkampf blieb bisher aus, die Regierung Rodriguez wirkt konsolidiert. Trotz zahlreicher Dementi aus
Caracas hält sich die Regierung dort weitgehend an Rubios Drehbuch. Und auch der Ton gegenüber Washington hat sich geändert.Öl: Das eigentliche Interesse der USA an VenezuelaTo view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video In einem Interview mit der spanischen Zeitung "El Pais" sagte Parlamentspräsident und Präsidentinnenbruder
Jorge Rodriguez Anfang April, man arbeite sehr professionell mit der US-Regierung zusammen. Zwar beteuerte er, man erhalte keine konkreten Vorgaben aus Washington. Doch allein dass die Sozialistische Einheitspartei Venezuelas (PSUV) die Zusammenarbeit mit den "US-Imperialisten" lobt, ist mindestens so bemerkenswert wie der plötzliche Reformeifer. Über mehr als ein Jahrzehnt war es der PSUV-Regierung unter Nicolas Maduro nicht gelungen, die Inflation auf ein erträgliches Maß zu bringen, geschweige denn die venezolanische Wirtschaft auf einen angemessenen Wachstumskurs zu bringen. Nun hat Delcy Rodriguez binnen Wochen ausländischen Privatinvestoren den Zugang zum venezolanischen Ölsektor geebnet. Damit hat sie nicht nur im eigenen Land Hoffnungen geweckt, dass sich Venezuelas Wirtschaft stabilisieren könnte. Auch die US-Ratingagentur Moody's sieht das Land bereits auf einem "Stabilisierungspfad". Ende März warb Rodriguez auf einer Investorenkonferenz in Miami per Videobotschaft um ausländisches Kapital für Investitionen in zentrale Sektoren wie Öl, Bau, Banken und Versicherungen sowie das produzierende Gewerbe.US-Unternehmen haben die Ölproduktion in
Venezuela bereits auf eine Million Barrel pro Tag gesteigert, bis es wieder drei Millionen Barrel werden wie Anfang des Jahrhunderts könnte es Jahre dauern, sagen ExpertenBild: Chico Sanchez/dpa/picture alliance So schockierend der Angriff der USA auf Venezuelas Souveränität für viele Menschen im Land gewesen sein mag, größere Proteste dagegen gab es nicht. Viele seien sogar froh, dass Maduro weg ist, berichtet Juan Forero, Leiter des Südamerika-Büros des "Wall Street Journals" (WSJ), dem US-Magazin Americas Quarterly, der das Land im Februar besuchte: "Sie waren zuversichtlich, dass sich die Dinge zum Guten wenden würden und dass die Wirtschaft wieder in Gang kommen würde.""4 Jahre ohne Lohnerhöhung" und "Hungerrente" prangern diese Demonstranten im März 2026 in
Caracas an. Immer mehr Menschen waren unter Präsident Maduro in Armut geratenBild: Javier Campos/NurPhoto/picture alliance Und genau das ist, was für die meisten zählt. Seit 2017 herrscht in
Venezuela Hyperinflation. Im vergangenen Jahr lag die Rate bei rund 500 Prozent - das bedeutet, 100 Bolivar vom Januarlohn 2025 waren bei Maduros Sturz nur noch 20 Bolivar wert. Je nach Messung lebten im letzten Jahr 50 bis 80 Prozent der Haushalte in Armut. In einer Umfrage des US-Instituts Gallup Mitte 2025 gaben 64 Prozent der Befragten an, dass die wirtschaftlichen Probleme des Landes ihre größte Sorge seien. Weniger als ein Viertel so viele, 14 Prozent, sahen die politische Situation selbst als Problem Nummer 1 an. Nur einem Prozent war die Sicherheitslage am wichtigsten - in einem Land mit einer der höchsten Mordraten der Welt. Darum weiß auch die Regierung: "Das wichtigste ist jetzt die Wirtschaft", betonte Kongressvorsitzender und Präsidentinnenbruder
Jorge Rodriguez Anfang April im Interview mit "El Pais". Demokratische Wahlen? Die stünden irgendwann an, aber wann und in welcher Form, lasse sich jetzt noch nicht sagen. Auch die Repression geht weiter: Nach Zählung der Organisation "Foro Penal" wurden seit Januar zwar rund 500 politische Gefangene freigelassen. Doch etwa ebenso viele sitzen weiterhin in Haft. "Die bisherigen Reformen sind nicht unbedingt auf Öffnung und Demokratisierung ausgerichtet, sondern eher darauf, die Interimsregierung auf unbestimmte Zeit an der Macht zu halten", sagt Victor M. Mijares, Politologe von der Universidad de los Andes.Die venezolanische Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin Maria Corina Machado wirbt international um eine Demokratisierung ihres Heimatlandes - hier in Santiago de ChileBild: Tobias Käufer/DW Momentan hätte die PSUV wohl wenig Chancen, Neuwahlen zu gewinnen. Ihr letzter Wahlsieg Mitte 2024 war höchst umstritten. Nach Auszählung der Opposition gewann ihr Kandidat mit großer Mehrheit. Eine spürbare Erholung der Wirtschaft könnte das allerdings verändern. Die Regierung von Delcy Rodriguez spiele daher auf Zeit, meint WSJ-Korrespondent Forero. Auch in der Hoffnung, dass die Vereinigten Staaten - spätestens unter einem neuen Präsidenten - das Interesse an einer Demokratisierung Venezuelas verlieren könnten. Immer hin haben die USA berits ihr Wohlwollen mit Sanktionserleichterungen signalisiert. Der Politologe Mijares glaubt nicht, dass diese Rechnung aufgeht. Zum einen nähmen einige Akteure in der US-Regierung den Kampf gegen den Sozialismus in Lateinamerika sehr ernst - allen voran Außenminister Rubio als Sohn von Exilkubanern.US-Außenminister
Marco Rubio (l.) hat mindestens so große Ambitionen wie US-Präsident
Donald Trump (r.),
Venezuela zu demokratisieren, sagt Politologe MijaresBild: Kevin Lamarque/REUTERS Weiterer Druck kommt laut Mijares aus der US-Wirtschaft, insbesondere der Ölindustrie, die auf Rechtsstaatlichkeit in
Venezuela poche. Und für Trump sei die Demokratisierung Venezuelas eine Art Blaupause für einen "langsamen, aber weniger kostspieligen Regimewechsel". Auf der anderen Seite, sagt Mijares, stehe die venezolanische Regierung vor einem Dilemma: "Rodríguez müsste für den benötigten Kapitalzufluss rechtliche Rahmenbedingungen schaffen, die sie als Übergangsregierung faktisch gar nicht bieten kann."