Ein Mittelweg wäre eine Regelung, die heute schon für große, gewerbliche Solaranlagen existiert: Die Betreiber vermarkten den Strom an der Strombörse, bekommen allerdings einen Zuschuss, wenn die Preise dort niedrig sind; das ist die sogenannte Marktprämie. Für den Verkauf an der Strombörse verlangen Dienstleister – die sogenannten Direktvermarkter – allerdings beträchtliche Gebühren. Überträgt man dieses Prinzip auf Dachanlagen, müssten Haushalte unter dem Strich auf bis zu 22 Prozent der bislang möglichen Einnahmen verzichten, prognostiziert 1Komma5°.Es gibt nur ein Szenario, in dem der Wegfall der Förderung keinen Nachteil brächte – nämlich, wenn ein Haushalt alle technischen Möglichkeiten nutzt: einen intelligenten Zähler, der den Stromverbrauch zeitgenau misst, ein Steuerungssystem für die großen Stromverbraucher im Haus, ein darauf abgestimmter Batteriespeicher sowie Netzentgelte, die je nach Situation vor Ort unterschiedlich hoch oder niedrig sind. In diesem Fall, der hohe Investitionen voraussetzt, könne man mit Direktvermarktung und Marktprämie sogar 29 Prozent mehr Geld einnehmen als mit der bisherigen Vergütung. Zum Beispiel würden Haushalte dann einspeichern, wenn die Preise an der Strombörse niedrig sind – und erst bei hohen Preisen wieder ins Netz einspeisen. Insgesamt bedeutet das: Allein auf den eigenen Verbrauch zu setzen und überschüssigen Solarstrom einfach ins Netz zu speisen, würde mit dem Wegfall der Förderung deutlich unattraktiver. Richtig lukrativ wären neue PV-Anlagen nur noch, wenn Haushalte auch Strom speichern und die Nutzung über die Zeit optimieren würden.»Frontalangriff auf die Energiewende«Nun ist 1Komma5° bei dem Thema kein neutraler Akteur. Ähnlich wie der Konkurrent Enpal bietet die Firma genau solche Komplettpakete aus Photovoltaik, Batteriespeicher, Wärmepumpen und Wallboxen für Elektroautos an.Obwohl die Branche also vom Wegfall der Förderung profitieren könnte, plädiert 1Komma5°-Mitgründer Jannik Schall dafür, zumindest die Marktprämie für eine Übergangszeit zu erhalten: »Sonst würden Betreiber privater Solaranlagen mit einem Schlag Hunderte Euro weniger pro Jahr bekommen als mit der festen Einspeisevergütung.« Schall fordert auch, dass die Direktvermarktung für Haushalte zunächst günstiger werden müsste. Insgesamt stößt Ministerin Reiche mit ihren Solarplänen auf geteiltes Echo. Manche Wirtschaftsverbände begrüßen, dass auch für erneuerbare Energien endlich die Regeln von Angebot und Nachfrage tonangebend sein sollen.Viele kleine PV-Anlagen würden sich schon heute rechnen, wenn Haushalte viel Strom selbst verbrauchen, zum Beispiel für ihre Wärmepumpe oder Wallbox, heißt es aus Kreisen des Wirtschaftsministeriums: »Wer sich heute eine PV-Anlage für sein Eigenheim kauft, für den lohnt sich diese Investition innerhalb weniger Jahre.« Da brauche es keine Förderung aus Steuergeldern. »Erneuerbare Energien stehen nicht mehr außerhalb des Marktes – sie sind Teil des Marktes«, heißt es in Berlin. Man wolle den Fokus stärker »auf kostengünstigere Freiflächenanlagen« legen denn auf Aufdach-PV. Die Solarbranche hingegen fürchtet, dass die Regierung inmitten einer Öl- und Gaskrise den Ausbau der erneuerbaren Alternativen ausbremsen könnte und spricht von einem »Frontalangriff auf die Energiewende in Deutschland«. Sollte der Bund die Pläne umsetzen, wären Zehntausende Arbeitsplätze in der Solarbranche und das Erreichen der Klimaziele in Gefahr, warnte der Bundesverband Solarwirtschaft. Die Installation neuer PV-Anlagen auf Privatdächern dürfte dann »weitgehend zum Erliegen kommen«.