exklusiv Afghanistans islamistische Machthaber
Taliban-Mitglied leitet afghanische Botschaft in
Berlin Stand: 21.03.2026 • 09:34 Uhr Ein Mitglied der
Taliban ist nach
ARD-Recherchen zum Chef der afghanischen Botschaft in
Berlin ernannt worden - ohne, dass dies der Bundesregierung mitgeteilt wurde. Deutschland ist damit der erste EU-Staat, in dem die Islamisten faktisch eine Botschaft leiten. Man könnte sagen, Nebrasul H. hat schnell Karriere gemacht. Als einer von zwei einfachen Konsularbeamten war das Mitglied der
Taliban vergangenen Juli nach
Berlin gekommen - mit Zustimmung der Bundesregierung. Seine Aufgabe: Er sollte dabei helfen, Abschiebungen nach
Afghanistan vorzubereiten und Bundesinnenminister
Alexander Dobrindt damit ermöglichen, seine neue Migrationspolitik durchzusetzen. Doch Nebrasul H. kam offenbar auch mit einem besonderen Auftrag seiner Dienstherren in
Kabul: Er sollte die Leitung der afghanischen Botschaft in
Berlin übernehmen, und das hat er inzwischen auch getan. Er ist damit eine Art
Taliban-"Botschafter". Der erste in einem EU-Staat. Auch wenn die Bundesregierung davon bislang nichts weiß und dem folglich nicht zustimmen konnte. Dem
ARD-Studio Neu-Delhi, das auch für die
ARD-Berichterstattung aus
Afghanistan zuständig ist, liegen vertrauliche Dokumente vor, aus denen hervorgeht hervor, dass Nebrasul H. als sogenannter Geschäftsträger handelt und unterschreibt - innerhalb der Botschaft und im Kontakt mit dem Außenministerium in
Kabul. Ein Geschäftsträger leitet eine Botschaft, wenn der Botschafter abwesend ist oder es gerade keinen gibt - wie in diesem Fall. Der bisherige Geschäftsträger, Abdul P., ist nur noch das Gesicht nach außen, praktisch ein Strohmann. P. wurde den
ARD-Recherchen zufolge bereits Anfang Januar entmachtet und degradiert. Er hatte zwar als Geschäftsträger schon seit anderthalb Jahren mit den
Taliban zusammengearbeitet. Dennoch habe er ihnen als nicht vertrauenswürdig genug gegolten, heißt es aus Diplomatenkreisen. Schließlich ist er ein von der vorigen Regierung entsandter Diplomat und kein Mitglied der radikalislamistischen Gruppe. Brisant ist, dass dieser Wechsel an der Spitze der Mission der Bundesregierung bislang nicht mitgeteilt wurde - mit voller Absicht. Der diplomatische Status von P. solle bis zum 20. März aufrechterhalten werden "und die Mitteilung über die Beendigung seines Dienstes ist bis dahin dem Gastland (also Deutschland, d. Red.) nicht zu übermitteln", heißt es in einem Schreiben des afghanischen Außenministeriums an die Botschaft in
Berlin vom Dezember 2025. Sprich: Nach außen hin taten die
Taliban noch so, als habe sich nichts geändert. Sie mussten wissen, dass die Deutschen einem Talib als Chef der Botschaft wohl kaum zugestimmt hätten. Das Auswärtige Amt wurde fast drei Monate lang darüber im Unklaren gelassen, wer die Botschaft Afghanistans in
Berlin leitet. Und tatsächlich: Sowohl auf der Webseite des afghanischen Außenministeriums als auch auf der des Auswärtigen Amtes steht noch der bisherige Geschäftsträger Abdul P. Dabei wollte das Außenministerium P. ursprünglich nach
Afghanistan zurückberufen. Doch der Diplomat konnte die
Taliban überzeugen, dass er in
Berlin noch gebraucht werde - aufgrund seiner Erfahrung, aber eben auch als Strohmann gegenüber den Deutschen. Eine Idee, die den
Taliban offenbar gefiel. Der neue Geschäftsträger Nebrasul H. meldete nach
Kabul, die Zusammenarbeit mit seinem Vorgänger verlaufe gut. Abdul P. solle doch einfach weiterbeschäftigt werden - "in der 5. Gehaltsklasse als lokaler Mitarbeiter". Und
Kabul stimmte zu: "Um von seiner Erfahrung Nutzen zu ziehen", heißt es in einem vertraulichen Schreiben des Ministeriums, könne er "gegen eine Vergütung von 2.500 Euro" vorerst in der Botschaft bleiben. Um den Schein gegenüber den Deutschen zu wahren, durfte nach Angaben aus Diplomatenkreisen der nun zur Ortskraft degradierte Abdul P. seither sogar weiter in der Botschafterresidenz im vornehmen Berliner Stadtteil Zehlendorf wohnen und ein Auto mit Diplomatenkennzeichen fahren. Eine
ARD-Anfrage an die afghanische Botschaft in
Berlin hierzu blieb unbeantwortet. Die Bundesregierung hatte von alledem nichts mitbekommen. Noch am Donnerstag teilte eine Sprecherin der
ARD mit, dem Auswärtigen Amt seien "keine personellen Veränderungen an den afghanischen Auslandsvertretungen in Deutschland" bekanntgegeben worden. Dass nun ein Angehöriger der
Taliban in der Botschaft das Sagen hat, dürfte der Bundesregierung allerdings alles andere als recht sein. Politisch heikel ist es ohnehin, denn Deutschland erkennt die
Taliban nicht als legitime Regierung Afghanistans an. Auch hatten Regierungssprecher in den vergangenen Monaten immer wieder betont, dass die Bundesregierung ein Interesse daran habe, "dass die afghanischen Vertretungen (…) von Personen geleitet werden, die bereits vor der Machtübernahme durch die
Taliban akkreditiert wurden." Dass die
Taliban nicht nur das tun, was die Bundesregierung von ihnen erwartet, hätte in
Berlin schon früher klar sein können. So hatte der zweite im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommene Konsularbeamte, Mustafa H., Anfang Oktober praktisch im Handstreich die Leitung des afghanischen Generalkonsulats in Bonn übernommen. Von deren Webseite grüßte er zunächst als Generalkonsul. Eine Provokation, denn auch er war vom Auswärtigen Amt nie als solcher anerkannt worden.