Es war ein knappes Rennen erwartet worden in
Rheinland-Pfalz. Doch erstaunlich früh am Sonntagabend standen ein Sieger und ein Gewinner fest. Sieger ist die
CDU. Besonders deutlich gewonnen aber hat die
AfD. Zwar weiß die Alternative für Deutschland, dass auch ihr sehr gutes Ergebnis in
Rheinland-Pfalz nicht zu Ministerämtern führen wird. Aber sie konnte ihr Resultat von 2021 mehr als verdoppeln. Unmittelbare Folgen für die bundespolitische Situation der
AfD hat das Resultat zwar nicht. Aber die Hoffnung der schwarz-roten Koalition in
Berlin, man könne die Zustimmung der Wähler zur
AfD allein durch das Bremsen der Migrationsströme verringern, wurde wieder einmal enttäuscht.Die
CDU in
Rheinland-Pfalz konnte ihr Ergebnis zwar bei Weitem nicht verdoppeln. Aber je weiter Nachmittag und Abend voranschritten, desto deutlicher zeichnete sich ein kräftiger Zugewinn gegenüber den nicht ganz 28 Prozent bei der vorigen Wahl ab. Schon vor Schließung der Wahllokale durften sie in
Berlin hoffen, in
Rheinland-Pfalz vor der
SPD zu landen.Die
CDU steht vor einer schwierigen zweiten JahreshälfteCDU-Generalsekretär
Carsten Linnemann konnte sich schon wenige Minuten nach 18 Uhr freuen, auch wenn er zunächst noch vorsichtig war und sagte, man müsse doch noch die erste, sogar die zweite Hochrechnung abwarten. Dann aber ein „Chapeau!“ für ein „starkes“ Ergebnis, das Linnemann den Parteifreunden in
Rheinland-Pfalz zurief.Auf dem Weg zu den ersten beiden Landtagswahlen in diesem Jahr hatten sie an der
CDU-Spitze in
Berlin immer wieder dasselbe Bild gemalt. Man sei zuversichtlich, bald in
Stuttgart und in
Mainz den Ministerpräsidenten stellen zu können. Schwierig werde erst die zweite Hälfte des Wahljahrs, vor allem mit den Wahlgängen in
Sachsen-Anhalt und
Mecklenburg-Vorpommern, wo die
AfD besonders stark ist, aber auch in
Berlin, wo der Posten des Regierenden Bürgermeisters verloren zu gehen droht.In
Baden-Württemberg scheiterten die Christdemokraten trotz Zuwächsen im Rennen um den Einzug in die Villa Reitzenstein knapp. In
Mainz lief es dann besser.Mit zwei Szenarien war man in der Union auf die Wahl an diesem Sonntag zugegangen. Beide fußend auf vollem Einsatz im Wahlkampf und Siegeswille, noch mal mehr nach der knappen Niederlage im Südwesten vor zwei Wochen. Szenario Nummer eins schob das Bedürfnis der Partei in den Vordergrund, mal wieder einen Erfolg feiern zu können. Sie brauche das, hieß die Devise. Ein gutes Landtagswahlergebnis werde auch die Umfragen im Bund beflügeln.Die
SPD hat noch PulsSzenario Nummer zwei baute für den Fall vor, dass die
SPD am Ende vorne liegen und Alexander Schweitzer seinen Posten als Ministerpräsident behaupten würde. Immerhin, so hatte man sich Tage vor der Wahl in der Unionsspitze in
Berlin beruhigt, würde es wohl nicht zu einer krachenden Niederlage kommen. Beide Möglichkeiten hatten immer eines fest im Blick: den unbedingten Wunsch, endlich große Reformen im Bund beschließen zu können, und das mithilfe einer
SPD, die hoffentlich nicht zu geschwächt durch die beiden Wahlen ist.Die Bedeutung der Wahl in
Rheinland-Pfalz hätte für die Bundes-
SPD kaum größer sein können. Nach der Nahtoderfahrung bei der Wahl in
Baden-Württemberg hoffte man auf die Diagnose: Die
SPD hat noch Puls. Und tatsächlich erreicht die
SPD an diesem Sonntag noch Ergebnisse wie kaum irgendwo sonst in Deutschland: deutlich mehr als 20 Prozent. Aber früh ist klar: Es wird nicht reichen, um weiterhin den Ministerpräsidenten zu stellen.
SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf nannte das am Sonntagabend einen „herben Rückschlag“. Er lobte den Wahlkampf in
Rheinland-Pfalz – und sah Verantwortung bei der Bundespartei, die seit Monaten in den Umfragen wie einbetoniert ist bei etwa 15 Prozent. Dieser Linie folgte etwas später auch der
SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil: nicht Schweitzer und die Genossen in
Mainz trügen die Schuld, sondern die „Bundesebene“, sagte auch er. Und: „Ich weiß, dass es bei diesem Ergebnis Personaldebatten geben wird.“Eine Niederlage für KlingbeilGerade Klingbeil hatte sehr auf einen Sieg von Alexander Schweitzer gehofft. Er sieht in ihm einen Verbündeten für eine pragmatische Politik der Mitte. Und auch Schweitzer hatte nicht geglaubt, sich im Wahlkampf derart von der Mutterpartei abgrenzen zu müssen, wie es der Grüne Cem Özdemir in
Baden-Württemberg getan hatte, um zu punkten.Was also tun? „Wir müssen endlich in die Offensive kommen“, sagte Klüssendorf etwas nebulös. Man müsse nun die Flucht nach vorne wagen und Reformen anstoßen. Klingbeil wurde nicht viel konkreter. Die
SPD müsse für die arbeitende Mitte einstehen. „Es gibt nicht eine Richtung bei Reformen“, sagte der Parteivorsitzende. Der Sozialstaat müsse „auf Vordermann gebracht werden“. Er wolle ein „großes, gerechtes Reformpaket“, insbesondere eine „spürbare Entlastung bei der Einkommenssteuerreform“.Klüssendorf hatte da schon festgestellt, dass eine Personaldiskussion, etwa über Klingbeil, derzeit „niemanden weiterbringt“. Doch die Niederlage von Schweitzer wird von vielen eben auch als Niederlage Klingbeils gesehen. Und diese Schwächung kommt für den ohnehin angeschlagenen Parteivorsitzenden zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die Spitzen der Koalition – Merz, CSU-Chef Markus Söder, Klingbeil und seine Ko-Vorsitzende Bärbel Bas – haben sich darauf geeinigt, in den Monaten bis zu den Landtagswahlen im Herbst ein großes Reformprogramm auf den Weg zu bringen: Steuern, Rente, Gesundheitssystem. Sie sind Teil von Klingbeils Plan, die
SPD als Reformkraft der Mitte zu etablieren.Hat Klingbeil nun noch die Kraft und die Prokura, diese Reformen, die in Teilen seiner Partei umstritten sind, durchzusetzen? Der linke Parteiflügel könnte sich bestärkt fühlen in seinem Misstrauen gegen Klingbeils Kurs. Regelmäßig hört man inzwischen, Parteivorsitz und Finanzministeramt seien eine zu große Belastung und auch inhaltlich nicht miteinander zu vereinbaren. Die Frage wird sein, ob sich jemand öffentlich aus der Deckung wagt und Klingbeil offen infrage stellt. Sicher ist: Der
SPD stehen langwierige Debatten bevor.Zwischendurch war durch
Berlin auch das Gespenst einer rot-grün-roten Koalition in
Rheinland-Pfalz gegeistert für den Fall, dass die
SPD knapp auf Platz zwei landet und trotzdem versuchte, eine Koalition ohne die
CDU zu schmieden. Das Gespenst verzog sich am Sonntagabend von ganz allein. Zwar konnten die Grünen ihr Ergebnis von 2021 etwa halten, für die Linkspartei aber gab es am Abend keine Hoffnungen mehr auf einen Einzug in den Landtag. Der bisher in
Mainz mitregierenden FDP erging es ebenso: Sie ist raus aus dem Landtag.