24. März 2026Arbeiter in Deutschland wählen immer öfter die in Teilen rechtsextreme AfD - so bei den aktuellen Landtagswahlen. Dabei ist das Programm der Partei nicht besonders arbeiterfreundlich.https://p.dw.com/p/5AxODWahltriumph in
Rheinland-Pfalz: die AfD verdoppelt ihr Ergebnis auf über 19 ProzentBild: Andreas Arnold/dpa/picture allianceDie Landtagswahl in
Rheinland-Pfalz war ein Erfolg für die Alternative für Deutschland (AfD): Mit 19,5 Prozent der Stimmen konnte sie ihr Ergebnis im Vergleich zur Landtagswahl vor fünf Jahren mehr als verdoppeln, das war noch etwas mehr als kurz zuvor in
Baden-Württemberg. Unter Arbeitern ist sie dabei sogar zur beliebtesten Partei aufgestiegen: 39 Prozent stimmten in
Rheinland-Pfalz für die in Teilen rechtsextreme Partei. Das Ergebnis wird zum Trend in Deutschland: Zuletzt wählten immer mehr Arbeiterinnen und Arbeiter AfD. In ihren Hochburgen in
Ostdeutschland bekommt sie mittlerweile fast die Hälfte der Stimmen der Arbeiter, also der körperlich arbeitenden angestellten Bevölkerung. Sie werden damit ein wichtiger Faktor beim Aufstieg der umstrittenen Partei. Dass so viele Arbeiter die AfD wählen, hat nach der Einschätzung von Experten vor allem einen Grund: die Sorge vor Jobverlust und sozialem Abstieg. "Die AfD unterstützt und befeuert die Sorgen, die es in der Arbeiterschaft gibt", analysiert der Kommunikationsexperte
Frank Brettschneider von der
Universität Hohenheim im Südwestrundfunk (SWR). Die multiplen Krisen durch Kriege, Klimawandel und Künstliche Intelligenz werden zum Stresstest für die demokratische Gesellschaft - das gilt nicht nur in Deutschland.Frustrierte SPD-Parteispitze vor dem Denkmal des sozialdemokratischen Übervaters
Willy Brandt: Er stand für die erfolgreiche Arbeitertradition der ParteiBild: Kay Nietfeld/dpa/picture alliance Arbeiter fühlen sich im Angesicht der Krisen offenbar immer seltener von den etablierten Parteien vertreten. Lange Zeit hatten sie bei den Sozialdemokraten, der SPD, ihr Zuhause. Sie ist eine der weltweit ältesten und traditionsreichsten Arbeiterparteien. Aber die Zeit der Erfolge scheint vorbei. Die SPD befindet sich - mit kurzen Unterbrechungen - seit Jahren im Sinkflug. Eine Wahlanalyse des Meinungsforschungsinstituts
Infratest dimap zur aktuellen Landtagswahl in
Rheinland-Pfalz kommt für die Sozialdemokraten zu einem schlechten Ergebnis. 71 Prozent der Wählerinnen und Wähler bejahen die Aussage: "Die SPD steht heute nicht mehr eindeutig auf der Seite der Arbeitnehmer." Die AfD arbeitet daran, diese Lücke zu füllen. Die Partei bediene erfolgreich Klischees, etwa dass die Funktionäre der anderen Parteien abgehoben seien, sagt
Frank Brettschneider im SWR-Interview. Die AfD sage: "Die da oben haben ja von eurer Lebenswirklichkeit gar keine Ahnung. Wir schon." Brettschneider stellt fest: "Mit der Erzählung kommt sie teilweise durch." Interessanterweise spielen die Themen Wirtschaft und soziale Sicherheit nur eine untergeordnete Rolle bei der Wahlentscheidung der Arbeiter für die AfD: Sie bescheinigen der Partei keine herausragenden Kompetenzen für Wirtschaftspolitik, soziale Gerechtigkeit und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Auch das zeigen die Wahlanalysen von
Infratest dimap. Viel wichtiger scheinen den Wählern die Asyl- und Flüchtlingspolitik und die Kriminalitätsbekämpfung zu sein. Es sind die beherrschenden Themen in den Wahlkämpfen der AfD. Immer wieder verknüpft die AfD Themen wie Wohlstand und bezahlbare Mieten mit Migrationsthemen. Sie erklärt Einwanderer zu einer Bedrohung für den Lebensstandard der Deutschen und appelliert damit an die Abstiegsängste der Menschen.Wie viel Zuwanderung braucht Deutschland?To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video Dabei betrachten Ökonomen und wirtschaftswissenschaftliche Studien Einwanderung ganz im Gegenteil als wichtigen Beitrag für den Erhalt der deutschen Wohlstandsgesellschaft. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, DIW, kommt in einer Analyse aus dem Jahr 2025 zu dem Ergebnis, dass mehr Migration ein enormes Potential dafür darstelle, dass die deutsche Wirtschaft kräftig wächst. Das AfD-Paradox: Programmatik gegen die eigenen Wähler Was also bietet die AfD der verunsicherten deutschen Arbeiterschaft in ihren Wahlprogrammen? Wenig. Das meint zumindest der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, DIW, Marcel Fratzscher. In einer Analyse zieht er schon 2023 das Fazit: Die Hauptleidtragenden der AfD-Politik wären ihre eigenen Wähler. Die Partei stehe für eine "extrem neoliberale Wirtschafts- und Finanzpolitik", so Fratzscher, die vor allem Entlastungen für Spitzenverdiener plane und die Rolle des Staates beschneiden wolle: "In der Kategorie Sozialpolitik wünscht sich keine Partei im Bundestag stärkere Einschnitte bei den Sozialleistungen als die AfD", analysiert Fratzscher. Gleichzeitig sucht die Partei die Nähe zu den Arbeitern in Deutschland. Sie unterstützt den Aufbau der AfD-freundlichen Gewerkschaft "Zentrum". Die versucht seit Jahren, in den Betriebsräten der großen deutschen Automobilkonzerne Fuß zu fassen. Die Betriebsräte sind in Deutschland von erheblicher Bedeutung. Sie vertreten die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Ihre Stimmen haben in den öffentlichen Debatten erhebliches Gewicht. "Zentrum" will sich als rechte Alternative zur traditionell eher linken Industriegewerkschaft IG Metall profilieren. Auch wenn die Wahlerfolge der AfD es anders vermuten lassen: Die Anstrengungen hatten bislang nur mäßigen Erfolg. Zwar konnte "Zentrum" in einzelnen Autofabriken von Mercedes oder VW in die Betriebsräte einziehen. Aber bei den laufenden Betriebsratswahlen in Deutschland blieben nennenswerte Erfolge bislang aus. Großer Gewinner bleibt die IG Metall.Warnstreik der IG Metall in Zwickau: Gewerkschaften sind ein erheblicher Machtfaktor in DeutschlandBild: Hendrik Schmidt/dpa/picture alliance Im Wettbewerb um die Wählerstimmen der Arbeiter fordert der Soziologe Klaus Dörr vor allem die politische Linke auf, sich wieder stärker mit der Realität der Arbeiterschaft zu identifizieren: "Ich glaube, dass der Anteil der Arbeiter, die man zurückholen kann, gar nicht so klein ist", äußert Dörr in einem Interview mit der Berliner "tageszeitung". Die demokratischen Parteien müssten sich auf die Themen der Arbeitnehmer einlassen. Zur Realität gehöre, dass sich in Deutschland immer weniger Arbeiter mit ihren Unternehmen identifizieren, auch in den traditionsreichen Großkonzernen wie VW und Mercedes. "Womit man sich aber überall identifiziert, ist etwa Heimat", analysiert Dörr in der taz. Er fordert: Linke Parteien sollten den Heimatbegriff von der AfD zurückerobern.