In der vierten Woche des US-israelischen Kriegs gegen den
Iran fliegen noch immer iranische Raketen auf
Israel und die Golfstaaten, obwohl US-Präsident
Donald Trump und Israels Premier Benjamin Netanjahu behaupten, die iranischen Raketenbestände deutlich dezimiert zu haben. Bereits in einem Social-Media-Beitrag des Weißen Hauses vom 14. März hieß es, die "ballistischen Raketenkapazitäten des
Iran" seien "funktional zerstört". Doch zehn Tage später zeigt der
Iran mit einer Reihe von Angriffen, dass er noch immer über genug Raketen verfügt, um mehrere Ziele in seiner Nachbarschaft ins Visier nehmen zu können. "Die Raketenabschusskapazität wurde geschwächt, aber nicht vollständig ausgeschaltet. Und das ist von Bedeutung", sagt
Burcu Ozcelik, Nahost-Sicherheitsanalystin beim Londoner
Royal United Services Institute (RUSI), gegenüber der DW.
Kelly Grieco vom US-amerikanischen
Stimson Center schrieb derweil auf X, dass die Angriffe auf militärische Abschussvorrichtungen und Lagerbestände im
Iran nur eine geringere Wirkung gezeigt hätten - und das auch aufgrund eines "operativen Kurswechsels" des Regimes. "In den ersten Tagen des Krieges feuerte der
Iran über 500 ballistische Raketen und 2000 Drohnen ab. Trefferquote: unter fünf Prozent. […] Das meiste davon wurde abgewehrt", schrieb die Sicherheitsexpertin. "Die Abschussraten sanken in den folgenden zwei Wochen um mehr als 90 Prozent. Es geschah etwas Unerwartetes: Die Trefferquote begann zu steigen. Der
Iran feuerte weniger, traf aber häufiger." Wie viele andere Aspekte dieses Krieges bleibt auch das tatsächliche Ausmaß der verbleibenden militärischen Stärke des
Iran schwer einzuschätzen. Was wissen wir also genau? Schon vor Beginn des Krieges gab es keine offiziellen Zahlen über die iranischen Raketenbestände, denn der
Iran war, wie
Burcu Ozcelik es formuliert, "bei der Darstellung seiner Fähigkeiten nicht sehr offen." Das israelische Militär schätzte die Zahl ballistischer Raketen vor dem Krieg auf etwa 2500, während einige unabhängige Experten von bis zu 6000 ausgingen. So oder so verfügte der
Iran vor dem Krieg laut der Direktorin der US-Nachrichtendienste über das größte und vielfältigste Arsenal im Nahen Osten. Das "
Center for Strategic and International Studies" (CSIS) gab an, dass dazu ballistische Raketen vom Typ Sedschil, Ghadr und Khorramshahr mit einer Reichweite von 2000 Kilometern, sowie die Typen Emad (1700 km), Shahab-3 (1300 km) und Hoveyzeh (1350 km) gehörten. Jüngste iranische Angriffsversuche auf den fast 4000 Kilometer entfernt liegenden britisch-amerikanischen Militärstützpunkt Diego Garcia im Indischen Ozean deuten jedoch darauf hin, dass das Land über Raketen mit einer größeren Reichweite verfügt als bisher angenommen. Ballistische Raketen sind nicht nur verheerende Waffen an sich, sondern können potentiell auch als Trägersysteme für Atomwaffen dienen, auch wenn Teheran jegliche Absicht bestreitet, Atombomben bauen zu wollen. Inwieweit wirkt sich der Krieg auf die Raketenbestände des
Iran aus? Natürlich hat der Abschuss vieler dieser Raketen in den vergangenen Wochen und auch schon während des Konflikts mit
Israel im Jahr 2025 die Bestände verringert. Auch die Angriffe der USA und Israels auf Waffenproduktionsstätten haben Folgen. Doch niemand außerhalb des iranischen inneren Kreises weiß, wie groß dieser Rückgang tatsächlich ist. "Wir beobachten, dass die IRGC [Islamische Revolutionsgarde] weiterhin Angriffe startet und de facto die Straße von Hormus, den wichtigsten Druckpunkt des iranischen Regimes, gesperrt hat. Es ist unwahrscheinlich, dass das iranische Programm für ballistische Raketen im Laufe dieser Phase der Operation durch die Vereinigten Staaten und
Israel vollständig zerschlagen wird", konstatiert
Burcu Ozcelik vom RUSI.Drohnenkrieg im
Iran To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video Es gibt kaum überprüfbare Informationen darüber, wie viele Waffenanlagen die USA und
Israel beschädigt oder zerstört haben, auch wenn Israels Premier Benjamin Netanjahu letzte Woche erklärte, dass die Raketen- und Drohnenkapazitäten des
Iran durch solche Angriffe "massiv geschwächt" worden seien. Matthew Powell, britischer Luftwaffenexperte der Universität Portsmouth, erklärte gegenüber der DW: "Schätzungen von Anfang Februar gingen von etwa 80.000 Schahed-Drohnen aus." Es sei jedoch schwierig festzustellen, wie viele davon im laufenden Krieg bereits eingesetzt worden seien. "Drohnen sind für die militärische Stärke des
Iran von enormer Bedeutung", so Powell. "Die vergleichsweise geringen Kosten dieser Waffen ermöglichen es Teheran, militärische Macht und einen größeren politischen Einfluss in der gesamten Region auszuüben. Insbesondere mit Drohnen vom Typ Schahed 136 kann der
Iran wichtige Infrastruktur in gegnerischen Ländern angreifen, weil sie schwerer zu zerstören sind als größere ballistische Raketen." Die USA geben täglich etwa eine Milliarde US-Dollar (rund 860 Millionen Euro) für den Krieg im
Iran aus, und Powell merkt an, dass "die Waffensysteme, die zur Zerstörung dieser Drohnen erforderlich sind, deutlich teurer sind als die Drohnen selbst."Die immensen Kosten des
Iran-KriegesTo view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video Kann der
Iran seine Raketen- und Drohnenbestände wieder auffüllen? Ein weiterer Vorteil der Drohnenkriegsführung besteht für den
Iran darin, dass diese Drohnen relativ rasch zu ersetzen sind - zumindest unter normalen Umständen. "Die geschätzte Kapazität liegt unter Friedensbedingungen bei etwa 10.000 Shahed-Drohnen pro Monat", so Powell. Allerdings seien die Auswirkungen des Krieges auf diese Zahl derzeit nicht bekannt. Während Drohnen relativ einfach zu ersetzen sind, ist dies bei Raketen wesentlich komplizierter. Letzte Woche sagte General Ali Mohammad Naeini von den Islamischen Revolutionsgarden der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA, das Land produziere "sogar unter Kriegsbedingungen" Raketen, was "erstaunlich" sei. Es gebe "keine besonderen Probleme bei der Bevorratung". Kurz nach dieser Erklärung wurde Naeini Berichten zufolge bei einem Luftangriff getötet. Es bleibt aber fraglich, ob der
Iran tatsächlich schnell genug für ausreichend Nachschub sorgen kann. Alex Plitsas, ein ehemaliger Pentagon-Beamter, sagte im kanadischen Sender CBC, der
Iran habe zu Beginn des Krieges etwa 300 Raketen pro Monat bauen können. Jetzt gehe er von 40 pro Monat aus.Durch eine iranische Rakete zerstörtes Wohnhaus in Tel AvivBild: Erik Marmor/Getty Images Zwar gaben USA und
Israel an, für die Raketenproduktion relevante oberirdische Ziele getroffen zu haben. Es soll aber noch mindestens fünf unterirdische Produktionsstätten in verschiedenen iranischen Provinzen geben, etwa in Kermanshah und Semnan sowie in der Nähe des Persischen Golfes. Den USA und
Israel gehe es vor allem um die langfristige Neutralisierung der iranischen Bedrohung, sagt
Burcu Ozcelik vom RUSI: "Die Fähigkeit des Regimes zu schwächen, sein Raketenprogramm nach Kriegsende wieder aufzubauen und neu zu strukturieren - ich denke, das ist derzeit das Ziel, und das war es auch seit Beginn dieses Krieges."