PfadnavigationHomePolitikAuslandStrategiewechselDeutschland wird zum Dealmaker – Die neue militärische Stärke in AsienStand: 15:10 UhrLesedauer: 6 MinutenVerteidigungsminister
Boris Pistorius (M.) mit Soldaten der 7th Brigade im australischen BrisbaneQuelle: Peter Kneffel/dpaDeutschland spielte bisher militärisch keine Rolle im
Indopazifik. Aber jetzt hat Verteidigungsminister Pistorius auf seiner Reise durch
Japan,
Singapur und
Australien konkrete Rüstungsdeals abgeschlossen. Es geht um mehr als Milliardengeschäfte.Es war ein ungewöhnlich konkretes Ergebnis für einen Staatsbesuch. Am Dienstag unterzeichneten ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) und Singapurs staatlicher Rüstungskonzern
ST Engineering im Beisein des deutschen Verteidigungsministers
Boris Pistorius einen Vertrag: In
Singapur soll ein dauerhafter Wartungs-Hub für U-Boote aus deutscher Herstellung entstehen. Der Moment ist symptomatisch für das, was diese Reise des Verteidigungsministers von früheren unterscheidet. Auf seinen Besuchen in
Japan,
Singapur und
Australien schließt Pistorius konkrete Rüstungsdeals ab. Es ist der Beginn einer neuen Phase –
Deutschland verankert seine Rüstungsindustrie dauerhaft im
Indopazifik. Bei früheren Besuchen deutscher Minister in der Region ging es mehr um Symbolpolitik.
Deutschland schickte in den vergangenen Jahren immer mal wieder eine Fregatte in die Region oder nahm an gemeinsamen Militärübungen teil. Es ging darum, Flagge zu zeigen. Jetzt werden Geschäfte gemacht.Lesen Sie auchDas Abkommen mit
ST Engineering zielt nicht nur auf die gemeinsame Instandhaltung der vier U-Boote vom Typ 218SG, die
Singapur bei TKMS bestellt hat, sowie zweier weiterer, im vergangenen Jahr georderter Boote. Der Hub soll bewusst auch Drittländer anziehen. „Egal wer Allied Navy ist, dem wird geholfen – ob
Deutschland,
Singapur,
Norwegen oder anderen like-minded Partnern“, sagte Pistorius in
Singapur.Das zeigt auch ein Detail, das bislang kaum öffentlich bekannt ist:
Kanada, das die Bestellung zwölf neuer konventioneller U-Boote entweder bei TKMS oder beim südkoreanischen Anbieter
Hanwha Ocean plant, hat bereits Interesse an einem solchen Wartungsstandort in
Singapur signalisiert. Das Abkommen ist damit zugleich ein strategisches Verkaufsargument im laufenden Wettbewerb um ein milliardenschweres Rüstungsprogramm.Das Verhältnis zwischen
Deutschland und
Singapur ist enger, als es öffentlich wahrgenommen wird.
Singapur betreibt eine große Flotte von Leopard-2-Kampfpanzern, deren Besatzungen in
Deutschland ausgebildet werden. Seit 2020 ist ein deutscher Verbindungsoffizier am Information Fusion Center stationiert, dem maritimen Lagezentrum für Südostasien. Lesen Sie auchUnd Pistorius zeigte sich erfreut, dass
Singapur über den Kauf von P-8-Poseidon-Seefernaufklärern nachdenkt: „Gerne wollen wir unsere Erfahrungen weitergeben und
Singapur bei der Einführung unterstützen.“Ja-Ian Chong, Politikwissenschaftler an der National University of Singapore, ordnet Deutschlands Rolle im Vergleich zu den USA oder
Australien nüchtern ein:
Deutschland ermögliche
Singapur eine Diversifizierung seiner Rüstungsbeschaffung und bringe komplementäre Fähigkeiten mit. „
Singapur nutzt bereits Systeme, die mit
Deutschland entwickelt wurden oder von dort stammen“, sagt Chong. „Der Cyberbereich der Bundeswehr ist zudem ein natürlicher Partner für den Digital and Intelligence Service der Singapore Armed Forces.“Chong verweist auch auf die wirtschaftliche Dimension der Kooperation: Singapurs Handel mit Gütern und Dienstleistungen übersteigt das Dreifache des Bruttoinlandsprodukts. Freie Seehandelswege sind für ein solches Land keine abstrakte Forderung, sondern eine existenzielle Notwendigkeit. Lesen Sie auchPistorius hatte die Straße von Hormus explizit als Referenzpunkt für gemeinsame Interessen angeführt. „Freiheit der Schifffahrt und maritimer Zugang sind für einen offenen Handelsknotenpunkt wie
Singapur von entscheidender Bedeutung“, sagt Chong. „
Deutschland und
Singapur haben beide ein Interesse daran – das schafft Raum für Kooperation.“Im japanischen Yokosuka hatte Pistorius am vergangenen Wochenende den nächsten Schritt in der Militärkooperation mit
Japan angestoßen: ein sogenanntes Reciprocal Access Agreement, das dauerhaft erleichterten Truppenaustausch ermöglichen soll – weg von punktuellen Übungen, hin zu systematischer Präsenz. Im Oktober sollen rund 100 deutsche Sanitätskräfte an der japanischen Übung „Keen Sword“ teilnehmen.
Deutschland plant zudem, im kommenden Jahr mit Seefernaufklärern und einem Seebataillon im
Indopazifik präsent zu sein und im Jahr darauf erneut an RIMPAC teilzunehmen, der größten Marineübung der Welt.Lesen Sie auchAuch in Canberra wurde die militärische Zusammenarbeit ausgebaut. Bei seinem Treffen mit Australiens Verteidigungsminister Richard Marles vereinbarte Pistorius mehrere Schritte, die die militärische Zusammenarbeit strukturell vertiefen sollen. Im Zentrum steht ein sogenanntes Status of Forces Agreement (SOFA), das Einsätze und Stationierungen deutscher und australischer Truppen im jeweils anderen Land rechtlich erleichtern soll. „Wir verfolgen ein Abkommen, das es unseren Streitkräften deutlich einfacher machen wird, im jeweils anderen Land zu operieren“, sagte Marles.Für Pistorius ist das mehr als eine Formalität. Wie bei
Japan geht es um eine strategische Verschiebung, mit dem Ziel dauerhafter Präsenz und Interoperabilität. Die zunehmende Verzahnung der Sicherheitslagen in Europa und im
Indopazifik sei dabei der zentrale Treiber. Zweiter Schwerpunkt: Weltraum„In einer Welt mit weniger Verlässlichkeit, weniger Ehrlichkeit und weniger Vorhersehbarkeit ist es umso wichtiger, dass gleichgesinnte Partner wie
Australien und
Deutschland enger zusammenarbeiten“, sagte Pistorius.Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf dem Weltraum. Beide Länder unterzeichneten eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit bei der Überwachung von Aktivitäten im All. Hintergrund ist die wachsende Bedrohung durch Russland und China. Lesen Sie auchHinzu kommt ein weiterer, strategisch heikler Punkt: die Suche nach neuen Technologien für die Bundeswehr. Pistorius kündigte an, den australischen Markt für Laserwaffen genau zu prüfen. Diese könnten künftig eine zentrale Rolle in der Drohnenabwehr spielen. „Wir sondieren den gesamten Markt, um die beste Lösung für unsere Streitkräfte zu finden“, sagte er.Die Reise von Pistorius ist nicht isoliert zu verstehen. Ende Februar besuchte Bundeskanzler Friedrich Merz China. Außenminister Johann Wadephul hatte die Reise mit einem Peking-Besuch im Dezember 2025 vorbereitet und war selbst Anfang Februar unter anderem in
Singapur und
Australien. Innerhalb von weniger als zwei Monaten haben Außenminister, Kanzler und Verteidigungsminister dieselbe Region bereist.Kann
Deutschland glaubwürdig beide Spuren gleichzeitig fahren – Engagement mit Peking und Vertiefung der Kooperationen mit Chinas Nachbarn? Politikwissenschaftler Chong sieht das pragmatisch: „
Singapur ist aus Pekings Sicht keine unmittelbare Herausforderung, daher ist eine öffentliche Missbilligung des Pistorius-Besuchs unwahrscheinlich.“ Länder wie
Singapur und
Deutschland, die gemeinsame Interessen und ein gewisses Streben nach strategischer Autonomie teilten, hätten guten Grund zur Zusammenarbeit.Lesen Sie auchChong warnt aber, das Mantra der Neutralität und Nicht-Einmischung, das viele südostasiatische Staaten pflegen, könnte unter Druck geraten. „Offizielle in Peking haben die Ausweitung von Kooperationen zwischen US-Verbündeten und Partnern bereits als ‚Eindämmung, Einkreisung und Unterdrückung‘ bezeichnet“, sagt Chong. „Die Frage für
Singapur und
Deutschland ist, wie sie gemeinsam dazu beitragen können, Frieden zu erhalten und Konflikte zu verhindern“, sagt Chong, „zu einer Zeit, in der Gewalt weltweit häufiger wird.“Die Unberechenbarkeit der Trump-Administration zwingt Berlin zudem zur Diversifizierung seiner Sicherheitsarchitektur. Neue Partner im
Indopazifik zu finden, ist kein Misstrauensvotum gegen die USA, aber es ist eine Absicherung. Die Indo-Pazifik-Leitlinien aus dem Jahr 2020 formulierten den Anspruch – Pistorius’ Reise ist der erste ernst zu nehmende Versuch, ihn industriepolitisch zu unterfüttern.
Deutschland sucht im
Indopazifik nicht mehr nur Verbündete, sondern Lieferketten, Rüstungspartner und strategische Anker jenseits der USA. Und jenseits Chinas.