Im Schneetreiben steht die 16-jährige
Carlotta auf dem Truppenübungsplatz in
Grafenwöhr und beobachtet die
Panzerhaubitze 2000 beim scharfen Schuss. Es ist kalt und sehr laut, wenn die Geschosse losfeuern,
Carlotta muss sich Stöpsel in die Ohren stecken. Für die Schülerin ist es kein Tag wie jeder andere: Während ihre Freunde in
Köln im warmen Klassenzimmer sitzen, hat sie sich allein mit dem Zug auf den Weg nach
Bayern gemacht. In der Kaserne des Panzerartilleriebataillons 375 in
Weiden hat sie eine Stube bezogen und eine Uniform bekommen, in der sie nun in der Winterkälte im Gelände steht, zusammen mit zwei Dutzend anderen jungen Männern und Frauen. Realitätscheck bei der Panzerartillerie: Die 16-jährige
Carlotta aus KölnBild: Nina Werkhäuser/DW Um die jungen Leute kümmert sich eine ganze Riege von Betreuern: Die
Bundeswehr scheut keine Mühen, um neues Personal zu gewinnen. Auch
Carlotta will hier sehen, ob die
Bundeswehr wirklich etwas für sie ist. Dafür nimmt sie an den Discovery Days teil - einer Art Kurzpraktikum bei der Truppe, Frühsport und Kameradschaftsabende inklusive. Die Schülerin kann sich gut vorstellen, später zur Armee zu gehen. "Für drei oder vier Jahre für den Anfang, und wenn es mir gefällt, für acht Jahre", erzählt sie der DW. Von einer Wehrpflicht hält sie indes wenig: "Man sollte nichts aufzwingen. Wenn man freiwillig geht, ist es viel besser, als gezwungen zu werden, weil dann ist die Motivation auch weg." Genauso sieht es auch
SPD-Verteidigungsminister
Boris Pistorius: Mit dem neuen Wehrdienst will er mehr junge Menschen dazu motivieren, freiwillig zur
Bundeswehr zu gehen. Ein Lockmittel ist die bessere Bezahlung: Ab Anfang 2026 erhalten Neueinsteiger ansehnliche 2600 Euro brutto. Mindestens sechs Monate müssen sie dafür Wehrdienst leisten. Wer sich für mindestens zwölf Monate verpflichtet, für den ist außerdem ein Zuschuss zum PKW- oder LKW-Führerschein drin. Der neue Wehrdienst, den der
Bundestag am Freitag (05.12.2025) beschlossen hat, ist also eine Art Attraktivitätsoffensive, mit der Pistorius vor allem eines vermeiden möchte: eine rasche Rückkehr zur Wehrpflicht, die die Sozialdemokraten entschieden ablehnen. Der Wehrdienst bleibe freiwillig, "wenn alles so gut läuft, wie wir uns das versprechen", betonte Pistorius in der Bundestags-Debatte. 20.000 freiwillig Wehrdienstleistende will Verteidigungsminister
Boris Pistorius im Jahr 2026 gewinnen, 2027 sollen es bereits 23.000 seinBild: Christophe Gateau/dpa/picture alliance Doch wird es ohne eine Wehrpflicht gelingen, die Lücken beim Personal zu schließen? Während die
SPD darauf hofft, sind Politiker aus den konservativen Unionsparteien CDU und CSU skeptisch. Sie würden lieber zur Wehrpflicht zurückkehren, die bis 2011 in Deutschland galt. 80.000 neue Soldatinnen und Soldaten will die
Bundeswehr bis 2035 rekrutieren. In welchen Schritten, ist im neuen Gesetz genau festgeschrieben. Die Fortschritte muss das Verteidigungsministerium halbjährlich dem
Bundestag mitteilen. Angesichts der Bedrohung durch Russland soll die Truppe von derzeit knapp 182.000 Soldatinnen und Soldaten auf 260.000 wachsen - so Deutschlands Zusage an die NATO. Hinzu kommen 200.000 Reservistinnen und Reservisten. Erst favorisiert, dann wieder verworfen: das Losverfahren Der Streit über den künftigen Wehrdienst hat die Regierungskoalition monatelang entzweit. Unter den kontrovers diskutierten Modellen war auch ein Losverfahren. Der Vorschlag, dass per Los bestimmt werden sollte, wer zur
Bundeswehr gehen muss, hat vor allem junge Menschen empört: Eine Auswahl, die möglicherweise über Leben und Tod entscheidet, dürfe nicht nach dem Zufallsprinzip getroffen werden. Ganz generell fühlt sich die junge Generation bei der Diskussion über den Wehrdienst übergangen. Wer den Fragebogen nicht ausfüllt, dem droht ein Bußgeld Das neue "Wehrdienst-Modernisierungsgesetz" ist nun ein Kompromiss: Vorerst bleibt der Wehrdienst freiwillig. Gleichzeitig kommen auf alle 18-jährigen Männer neue Verpflichtungen zu: Sie erhalten ab Anfang 2026 einen Fragebogen, den sie ausfüllen müssen. Gefragt wird nach der Bereitschaft, Dienst in der
Bundeswehr zu leisten, nach der körperlichen Fitness und der Ausbildung. Für Frauen ist die Beantwortung der Fragen freiwillig, da sie qua Verfassung nicht zum Wehrdienst verpflichtet werden können. 2011 wurde die Musterung abgeschafft, ab Mitte 2027 ist sie wieder obligatorisch für alle jungen Männer - hier ein Archivbild aus dem Jahr 2007 Bild: Thomas Schulze/ZB/picture-alliance Ab Mitte 2027 geht es noch einen Schritt weiter: Dann wird die Musterung für alle Männer ab dem Jahrgang 2008 obligatorisch. Auf der Basis dieser Tauglichkeitsprüfung soll im Konfliktfall entschieden werden, wer eingezogen werden könnte. Mit der Musterung wird zwar schon 2026 begonnen, doch erst Mitte 2027 hat die
Bundeswehr ausreichende Kapazitäten aufgebaut, um ganze Jahrgänge zu mustern. Vor allem die verpflichtende Musterung ist umstritten: Kritiker sehen darin einen ersten Schritt hin zur Wehrpflicht. Sie befürchten außerdem, dass das Losverfahren wieder auf den Tisch kommt, wenn sich nicht genügend Freiwillige melden. Dann könnte eine sogenannte Bedarfswehrpflicht beschlossen werden, bei dem je nach dem Bedarf der
Bundeswehr ein Teil der jungen Männer eines Jahrgangs eingezogen wird. Die Entscheidung, ob die Wehrpflicht ganz oder teilweise wieder eingesetzt wird, liegt beim
Bundestag. Demonstration gegen den neuen Wehrdienst vor einem Kölner GymnasiumBild: Rolf Vennenbernd/dpa/picture alliance Am Tag der Verabschiedung des Gesetzes gingen Schülerinnen und Schüler in vielen deutschen Städten auf die Straße: "Wir wollen nicht ein halbes Jahr unseres Lebens in Kasernen eingesperrt sein, zu Drill und Gehorsam erzogen werden und töten lernen", schrieben die Organisatoren des "Schulstreiks gegen die Wehrpflicht" in ihrem Aufruf zu bundesweiten Kundgebungen. "Wir fühlen uns als Generation vernachlässigt und wir sehen es als Generation dann nicht ein, für die Bundesregierung in den Schützengraben zu springen", sagte Leo Reinemann, Schüler und Mitorganisator des Schulstreiks in Koblenz, dem Sender SWR. Noch aber wird niemand zum Militärdienst verpflichtet - die
Bundeswehr setzt vorerst auf freiwillige Bewerber. Unverändert gilt auch das Recht, dass jeder den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen verweigern kann. Davon machen immer mehr Deutsche Gebrauch: Bis Ende Oktober gingen beim zuständigen Bundesamt mehr als 3.000 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung ein - von Ungedienten, Soldaten und Reservisten. Die Zahl der Kriegsdienstverweigerer ist damit auf einen neuen Höchststand gestiegen, seit die Wehrpflicht im Jahr 2011 ausgesetzt wurde.