Nach etwa einer Stunde erklimmt ein Mann mit Bibi-Netanjahu-Maske in orangefarbener Häftlingskleidung den kleinen Hügel auf dem Habima-Platz in
Tel Aviv. Da wogt das Getümmel zwischen Demonstranten und Polizei schon eine ganze Weile. Der Platz ist an diesem Samstagabend voll, es ist die erste große Antikriegsdemonstration seit dem Angriff Israels und der USA auf
Iran Ende Februar. Im ganzen Land, in 22 Städten sind Menschen zusammengekommen, in
Jerusalem, in
Haifa, im Norden Israels, wo die Menschen von
Iran und der libanesischen Hisbollah beschossen werden und sich von der Regierung im Stich gelassen fühlen. Aber nirgends so zahlreich wie in
Tel Aviv.Demonstranten in orangefarbener Häftlingskleidung in
Tel Aviv. Tyrone Siu/REUTERSDie jüdisch-arabische Organisation „
Standing Together“ hatte zu der Demonstration aufgerufen. Genehmigt worden war sie nicht. Wegen des Krieges sind Großveranstaltungen untersagt. Auf dem Habima-Platz appelliert die Polizei mit Lautsprechern an die Protestierenden, sich zu zerstreuen, nach Hause zu gehen, zu ihrer eigenen Sicherheit. Alle bleiben. Die Beamten telefonieren, beraten sich, wirken etwas überrascht, als hätten sie mit dieser Menge, mit bis zu 1000 Menschen nicht gerechnet.Hätte man damit rechnen können? Die Zustimmung zum Krieg gegen
Iran ist in
Israel immer noch überwältigend groß. 78 Prozent der jüdischen Israelis befürworten den Krieg weiterhin, so hat die jüngste Umfrage des
Israeli Democracy Institute ergeben. Das ist viel, aber nicht mehr die 93 Prozent aus den ersten Märztagen. Die Zahl derjenigen, die den Krieg nicht nur ganz generell, sondern „sehr stark“ unterstützen, ist von 74 Prozent auf 50 Prozent gesunken. Nach einem Monat mit andauernden Luftalarmen ist der Alltag mühsam geworden, Schulen, Universitäten, viele Unternehmen sind geschlossen, die Preise steigen. Das Portal
Ynet berichtet, dass in
Tel Aviv die Mieten für moderne Wohnungen mit Schutzraum explodieren, weil die Bewohner alter Gebäude die langen Wege zum nächsten Bunker leid sind.Die Polizei versucht, den Platz zu räumenDie palästinensisch-arabischen Israelis haben von Anfang an nicht viel von diesem Krieg gehalten. Netanjahu führe ihn vor allem aus „persönlichen“ oder „politischen“ Motiven, gaben die meisten in der Umfrage des
Israeli Democracy Institute an, nicht um der israelischen Sicherheit willen. So ähnlich sieht das auf dem Habima-Platz auch die blauhaarige Filmstudentin Dina Frank, 22: „Es heißt doch jedes Mal, dass es nur um unsere Sicherheit geht“, sagt sie: „Ich komme mir vor wie in Orwells ‚1984‘. Da werden auch ununterbrochen Kriege geführt, um eine Diktatur an der Macht zu halten.“ Aber ist die Bedrohung nicht real? Die Raketen aus
Iran, neuerdings auch die Angriffe der jemenitischen Huthi, die
Israel in der Nacht zu Sonntag bereits zum zweiten Mal bombardiert haben? Schon, sagt Frank: „Aber Netanjahu will vor allem von seinem eigenen Versagen ablenken und vom Korruptionsverfahren gegen ihn.“Israelische Polizisten versuchen die Demonstranten dazu zu bringen, die Proteste zu beenden. ILIA YEFIMOVICH/AFPAuf Anregung seines Waffenbruders Donald Trump hat Israels Premier inzwischen ein Gnadengesuch gestellt, die Entscheidung liegt nun bei Präsident Isaac Herzog. Und das, findet Bernardo Subah, 67, ist nur einer von vielen Skandalen. Das Sicherheitsversagen, das zum Hamas-Massaker am 7. Oktober führte, die umstrittene Justizreform, die nun doch schrittweise durchgesetzt werden könnte, der Krieg in Gaza – „Wir haben so unglaublich viele Menschen getötet“ –, das Land bewege sich in die ganz falsche Richtung. Er sei in Uruguay geboren, habe 20 Jahre lang in den USA gelebt, sei vor zehn Jahren nach
Israel gekommen: „Wir Juden denken immer, dass wir hier leben sollten, dass dies unsere Heimat ist, ein sicherer Ort. So dachte ich auch. Aber ich habe mich getäuscht. Und das ist sehr traurig.“Ein Demonstrant mit einer durchgestrichenen US-Fahne wird von der Polizei abgeführt. Tyrone Siu/REUTERSDie Polizei versucht jetzt, den Platz zu räumen, nimmt den Veranstaltern den Lautsprecher ab, schubst den arabischen Knesset-Abgeordneten Ayman Odeh herum, trägt Demonstranten fort. „Schande, Schande“, skandiert die Menge. Und: „Verbrecher!“ Einige schwenken Schilder, auf denen Netanjahu mit goldener Krone zu sehen ist und die Aufschrift „No King“, wie in den USA. Andere fordern zum Widerstand gegen den „israelischen Terror in Palästina,
Iran und Libanon“ auf. Or Sivan, 30, sieht die Gefahr ohnehin nicht in
Iran, sondern in Dimona, wo Israels Nuklearforschungszentrum liegt, und formuliert die Situation so: „Ein Land, das nie zugegeben hat, dass es die Atombombe besitzt“ –
Israel –, „und ein Land, das die Atombombe bereits angewendet hat“ – USA –, „haben ein Land angegriffen, das die Bombe durch eine Fatwa verbietet.“ Hier und dort sieht man die Farben der iranischen Flagge.In einer Gesellschaft, die seit Jahren nach rechts rückt, auch und vor allem die Jungen, sind solche Analysen naturgemäß Minderheitenmeinungen. Auch an diesem Samstag erreichen alle Antikriegsdemonstrationen in allen Städten Israels zusammen nicht annähernd die Dimension der Massenproteste gegen die Justizreformen vor drei Jahren. Aber es sind mehr als am vergangenen Wochenende. Und es sind nicht nur die Linken gekommen, sondern, wenn auch vereinzelt, Angehörige der politischen Mitte wie ein ehemaliger Kampfpilot der israelischen Armee. Im Herbst sind Wahlen. Dass der Premier die militärische Auseinandersetzung mit
Iran als Vorwand nutzen könnte, um sie abzusagen, ist eine der Sorgen auf dem Habima-Platz.Nach zwei Stunden haben Polizei und Grenztruppen den Protest aufgelöst. In
Haifa und
Tel Aviv wurden 21 Demonstranten festgenommen, melden israelische Medien. Der Bibi-Darsteller in Häftlingskleidung war nicht darunter – die Bilder hätten missverstanden werden können.