Aus dem Kriegen am Golf und im Nachbarland
Libanon konnte sich
Syrien bislang weitgehend heraushalten. Die Zweifel, ob der Islamist al-Scharaa im Präsidentenpalast das Land in eine bessere Zukunft führt, bleiben jedoch. "Wir wollten immer wie
Dubai werden - jetzt wird es in
Dubai so wie bei uns" - im Netz kursieren zahlreiche Sprüche von Syrern, die das widerspiegeln, was sie als verkehrte Welt wahrnehmen: Die meisten arabischen Staaten erleben Zerstörung, sind vom
Iran-Krieg direkt betroffen.
Syrien liegt geographisch mittendrin, bleibt jedoch weitgehend unbeteiligt. Als
Israel nach dem Beschuss durch die
Hisbollah begonnen hat, libanesische Städte und Dörfer zu bombardieren, wurde
Syrien sogar zum Zufluchtsort. "Wir haben den Grenzposten mit Medikamenten für Erste Hilfe ausgestattet", sagt ein syrischer Grenzbeamter. "Außerdem haben wir angekündigt, dass der Grenzübergang 24 Stunden am Tag ohne Unterbrechung geöffnet sein wird, um die Einreiseverfahren zu beschleunigen." Die meisten derjenigen, die über die Grenze kommen, sind Syrer. Geflohen, als ihr Land im Bürgerkrieg versank. Jetzt kehren sie zurück. Zwischenzeitlich machten Gerüchte die Runde, dass syrische Truppen in den Krieg im
Libanon eingreifen könnten, um gegen die
Hisbollah zu kämpfen. Übergangspräsident
Ahmed al-Scharaa wies solche Überlegungen zurück. "Wir versuchen,
Syrien so weit wie möglich aus jedem Konflikt herauszuhalten, der die alten Schmerzen und Wunden wieder aufreißen könnte, damit das Land seinen Weg der Entwicklung und des Aufbaus fortsetzen kann", so al-Scharaa. Noch Spuren von Jahrzehnten mit Diktatur und Bürgerkrieg Nur weil es in den Nachbarländern aktuell noch schlimmer ist, sind die alten Wunden in
Syrien längst nicht verschwunden. Die Spuren von mehr als 50 Jahren Diktatur und mehr als einem Jahrzehnt Bürgerkrieg prägen das Land noch immer. Städte liegen weiterhin in Trümmern, die Beziehungen zwischen Bevölkerungsgruppen sind vergiftet. Im Januar hatte es heftige Gefechte zwischen Regierungstruppen und den von
Kurden dominierten
SDF-Milizen gegeben. Politisch haben sich beide Seiten auf eine Zusammenarbeit geeinigt - die Spannungen aber bleiben. So kam es am kurdischen Neujahrsfest Nowruz vor rund einer Woche in mehreren syrischen Orten zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen
Kurden und Arabern. Auch andere Ereignisse der letzten Wochen haben bei Angehörigen der Minderheiten in
Syrien Ängste geschürt, dass die Übergangsregierung von al-Scharaa das Land umgestalten will und dabei auf islamistische Wertvorstellungen setzt. In Latakia wurden Frauen im Staatsdienst angewiesen, sich nicht mehr zu schminken, in der Hauptstadt Damaskus soll der Verkauf von Alkohol eingeschränkt werden. Am Wochenende griffen zudem Islamisten die Geschäfte von Christen im Ort Sukajlabijah in der Nähe von Hama an.
Syrien als friedlicher Ort - nur die halbe Wahrheit? Übergangspräsident al-Sharaa beharrt dennoch darauf, dass
Syrien ein friedlicher Ort geworden sei: Das Land habe sich gewandelt von einem Schauplatz des Konflikts hin zu einem Akteur, der auf Stabilität, Sicherheit und Nachhaltigkeit setze. Mit Blick auf die wiederkehrenden Wellen der Gewalt im eigenen Land ist das höchstens die halbe Wahrheit. Und auch der
Iran-Krieg und seine Folgen könnten
Syrien noch teuer zu stehen kommen. Beim Wiederaufbau Landes setzt al-Scharaas Regierung stark auf Gelder aus den arabischen Golfstaaten. Ob die nach den Angriffen Irans noch so üppig fließen werden, ist ungewiss. In Deutschland spricht der syrische Übergangspräsident nicht nur mit Kanzler Friedrich Merz - auch ein Treffen mit hochrangigen Wirtschaftsvertretern ist geplant.