In den Stunden nach dem Beginn der Angriffe der USA und Israels gegen den
Iran am 28. Februar verengte sich der Flugverkehr auf den normalerweise stark frequentierten Ost-West-Routen auf einen schmalen Flugkorridor über dem Südkaukasus. Diese Entwicklung in der Luft spiegelt einen Trend wider, der am Boden schon seit längerem zu beobachten ist. In den vergangenen Jahren ist die Region zu einem wichtigen Bindeglied geworden. Denn die "Transkaspische Internationale Transportroute", auch bekannt als "Mittlerer Korridor" verbindet Europa über Zentralasien und den Südkaukasus mit
China - unter Umgehung Irans und Russlands. Der
Iran-Krieg hat die Bedeutung des Mittleren Korridors nun noch stärker in den Mittelpunkt gerückt. Mit der Blockade der Straße von Hormus, durch die etwa 20 Prozent des weltweit gehandelten Öls und Flüssiggases (LNG) transportiert werden, stört der
Iran die globale Energieversorgung. "Für die Region birgt die Krise auch Chancen", sagt
Richard Giragosian, Direktor des Regional Studies Center im armenischen Jerewan. "Der Mittlere Korridor ist jetzt die einzig verbleibende Route, der einzige gangbare Weg für Handel und Transport." Zentrales Verbindungsstück des Mittleren Korridors Darüber hinaus wird auch eine wichtige Schifffahrtsroute durch die Meerenge von Bab el-Mandeb und das Rote Meer, über die zwölf Prozent des weltweiten Handels abgewickelt werden, immer wieder von der mit dem
Iran unterstützten Huthi-Miliz im Jemen unterbrochen. Eine alternative Route, für die das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika umrundet werden muss, verlängert die Reise von Asien nach Europa um mehr als zehn Tage. Über den Mittleren Korridor, die geografisch kürzeste Verbindung zwischen Europa und
China, sollen Waren aus
China sowie kritische Mineralien und Energieerzeugnisse aus Zentralasien nach Europa transportiert werden. Sowohl die EU als auch
China haben bereits Milliarden für den Ausbau von Häfen, Bahnstrecken und Straßen entlang der Route zugesagt. Durch die Straße von Hormus wird etwa ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls und Flüssiggases transportiertBild: Altaf Qadri/AP Photo/picture allianceDas Frachtaufkommen entlang des Korridors hat sich seit 2022, dem Jahr, in dem Russland in die
Ukraine einmarschierte, vervierfacht. Obwohl über die Route bislang nur ein Bruchteil des Handelsvolumens zwischen Europa und Asien transportiert wird, geht die Weltbank davon aus, dass bis 2030 ein Volumen von elf Millionen Tonnen erreicht werden könnte. Doch auch ohne den aktuellen Konflikt ist davon auszugehen, dass der Korridor sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird. "Mittel- bis langfristig wird sich der Südkaukasus mit dem Mittleren Korridor neben den Seerouten zu einer der Hauptrouten entwickeln, die die EU und
China verbinden", sagt Kornely Kakachia, Politikprofessor in Tiflis. Eine solche Entwicklung würde die Rolle von Georgien, Aserbaidschan und Armenien als wichtige Transitstaaten stärken. Das energiereiche Aserbaidschan könnte auch kurzfristig vom
Iran-Krieg profitieren. Höhere Ölpreise würden dem Land hohe Exportgewinne bescheren, die sich Experten zufolge auf monatlich bis zu zwischen 500 und 600 Millionen US-Dollar zusätzlich belaufen könnten. Hikmet Hajiyev, leitender außenpolitischer Berater des Präsidenten Ilham Aliyev, erklärte gegenüber Euronews, Aserbaidschan würde seine Erdgaslieferungen erhöhen, um die Ausfälle aus der Golfregion während des
Iran-Kriegs auszugleichen. Gegenwärtig bezieht Europa etwa vier Prozent seines Erdgases aus Aserbaidschan, also etwa 12,8 Milliarden Kubikmeter. Bis 2027 sollen es 20 Milliarden Kubikmeter werden. Doch der Krieg hat auch nachteilige Auswirkungen auf die Wirtschaft. "Damit der Mittlere Korridor erfolgreich sein kann, müssen von
China bis zur Europäischen Union und im gesamten Südkaukasus stabile Verhältnisse herrschen", sagt Kakachia. Im Konflikt mit dem
Iran verhalten sich Georgien, Aserbaidschan und Armenien neutral. Doch Vertreter des iranischen Regimes kritisieren Aserbaidschan schon seit langem für seine engen wirtschaftlichen Beziehungen mit
Israel. Im Jahr 2025 bezog
Israel 46,4 Prozent seines Öls über die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline (BTC-Pipeline) aus Aserbaidschan. Der Großteil der militärischen Ausrüstung Aserbaidschans wiederum stammt aus
Israel. "
Iran hat die immer enger werdenden Beziehungen Aserbaidschans mit
Israel immer als Bedrohung gesehen", erläutert Mahammad Mammadov von der Denkschmiede Topchubashov Center in Aserbaidschans Hauptstadt Baku. "Andererseits sind auch die Beziehungen zwischen Aserbaidschan und dem
Iran in den vergangenen Jahren enger geworden. Beide Seiten haben versucht, die verschiedenen Bereiche voneinander zu trennen." Die Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern konzentriert sich hauptsächlich auf die Einrichtung eines Handelskorridors zwischen dem
Iran und Russland. Doch als am 5. März vier iranische Drohnen in einem Flughafen in der aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan einschlugen, wurde dieses Gleichgewicht empfindlich gestört. Aserbaidschans Präsident Aliyev bezeichnete den Angriff als "terroristischen Akt", während andere aserbaidschanische Regierungsvertreter mit Vergeltungsschlägen drohten und das Land den Warenverkehr aus dem
Iran vorübergehend einstellte. Durch ein direktes Telefonat zwischen den Staatschefs beider Länder konnte der Konflikt schließlich entschärft werden, doch obwohl sich "die Beziehungen wieder normalisiert haben, hat der Vorfall für große Unsicherheit gesorgt", so Mammadov. Regierungsvertreter Aserbaidschans sprechen außerdem von Sabotageversuchen durch die Islamische Revolutionsgarde des
Iran (IRGC). Zu den Zielen sollen auch die BTC-Pipeline und die israelische Botschaft in Aserbaidschan gezählt haben. Ein länger anhaltender Konflikt könnte auch ein Vorzeigeprojekt der Infrastruktur des Mittleren Korridors gefährden, die Einrichtung eines weiteren Korridors mit dem Namen "Trump-Route für internationalen Frieden und Wohlstand" oder "Trump Route for International Peace and Prosperity" (TRIPP). Endlich Frieden im Südkaukasus?To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 videoDie Einrichtung dieses Korridors wurde im vergangenen August als Teil eines von US-Präsident Donald Trump vermittelten Friedensplans zwischen Armenien und Aserbaidschan vereinbart. Er sieht einen 43 Kilometer langen Straßen- und Schienenkorridor durch Armenien vor, der Aserbaidschan mit seiner Exklave Nachitschewan und der Türkei verbindet. Über Jahrzehnte hinweg war die Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan wegen des Konflikts um Berg-Karabach geschlossen. TRIPP würde durch die Öffnung dieser Grenze einen neuen Logistikkorridor schaffen, der parallel zu den bestehenden Routen durch Aserbaidschan und Georgien verläuft. Die Vereinigten Staaten sehen TRIPP als Lieferweg für kritische Mineralien und unterstützen das Projekt, das von einem von den USA geführten Konsortium gebaut und betrieben werden soll, nachdrücklich. Der Korridor soll jedoch entlang der Grenze Armeniens mit dem
Iran verlaufen und so wird die US-amerikanische Beteiligung von Teheran argwöhnisch beäugt. Im vergangenen Sommer ging ein Berater des ehemaligen Obersten Führers Ali Chamenei so weit, die Route als künftiges "Grab der Söldner von Donald Trump" zu bezeichnen. Solche Aussagen sollten jedoch nicht überbewertet werden, meint Giragosian. "Aus militärischer Sicht" gäbe es noch keine Ziele. Mit dem Bau von TRIPP soll erst in der zweiten Jahreshälfte 2026 begonnen werden. Der Südkaukasus habe letztlich ein großes Interesse daran, den Frieden und die Sicherheit in der gesamten Region zu wahren, sagt Kakachia. Das Interesse daran ist nicht zuletzt in Aserbaidschan groß. "Aserbaidschan ist nicht daran interessiert, dass der
Iran zusammenbricht oder dass der Krieg länger anhält, denn das würde mehr Unsicherheit und Missverständnisse bedeuten", betont Kakachia. Ein Zusammenbruch des Regimes würde die "Büchse der Pandora öffnen". Wirtschaftliche Instabilität und Flüchtlingsströme aus einem Land, in dem mehr als 20 Millionen ethnische Aseris leben, könnten die Folge sein. Das günstigste Szenario für Baku sei ein geschwächter
Iran, der weiterhin von einem theokratischen Regime geführt wird, argumentiert Mammadov. Solange Teheran als Paria gilt, bliebe Aserbaidschan seine geopolitische und wirtschaftliche Rolle als stabile Verbindung zwischen Ost und West erhalten.