Wetten auf Außerirdische, die Oscars und den Irankrieg – Prognosemärkte wie
Polymarket und
Kalshi machen es möglich. Der
US-Kongress reagiert auf Vorwürfe des Insiderhandels. Untergraben die Plattformen die Demokratie?Die Wahrscheinlichkeit, dass Jesus Christus wiederaufersteht, liegt bei 4 Prozent – die Wahrscheinlichkeit für die Existenz von Außerirdischen sogar bei 17 Prozent. Das suggerieren zumindest Wettquoten auf
Polymarket.Die Plattform ist ein sogenannter Prognosemarktplatz, auf dem Teilnehmer auf alles Mögliche wetten können: zum Beispiel auf den
Bitcoin-Kurs oder was
Elon Musk auf seiner Plattform X postet. Neben Sportwetten sind auf
Polymarket Wetten auf politische Ereignisse, wie zum Beispiel den Irankrieg, besonders beliebt. Sie haben oftmals ein Volumen von mehreren Millionen Dollar. Aber der weltgrößte Prognosemarkt ist in den vergangenen Wochen in Bedrängnis geraten.Verdacht auf Insider-HandelVerschiedene Medien berichteten über auffällig hohe Wetteinsätze, die etwa kurz vor der Entführung des damaligen venezolanischen Staatspräsidenten
Nicolas Maduro oder der Ermordung des ehemaligen iranischen Obersten Führers Ayatollah Ali Chamenei platziert worden waren. „Es wird vermutet, dass es sich hier um Personen handelt, die der US-Regierung nahestehen. Das ist aber natürlich sehr schwer zu beweisen“, sagt
Matthew Motta, Gesundheits- und Politikwissenschaftler an der Boston University. In seiner Forschung hat er sich unter anderem mit den gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgen von Wettmärkten beschäftigt.„Man kann sich Prognosemärkte wie einen Aktienmarkt für politische Ereignisse vorstellen“, erklärt Motta. Eine Wette auf
Polymarket sieht immer ungefähr so aus: „Wird Ereignis X bis Ende März eintreten?“ Nutzer können dann einen Anteil an „Ja“ oder an „Nein“ kaufen. Diese kosten zusammengerechnet immer ungefähr einen Dollar. Jeder gekaufte Anteil bringt dann einen Dollar, wenn die Prognose richtig war.Eine beliebte Wette auf
Polymarket ist aktuell die Frage „Waffenstillstand zwischen USA und
Iran am…?“ Wer glaubt, dass es bis zum 7. April einen Waffenstillstand geben wird, zahlt knapp 9 Cent (Stand: 30. März, 11:54 Uhr). Würde bis zum Stichtag ein Waffenstillstand vereinbart werden, läge der Gewinn pro Anteil bei 91 Cent.Neue Spielregeln für PrognosemärkteIm
US-Kongress gibt es mittlerweile überparteiliche Bemühungen, Wetten auf den Prognosemärkten einzuschränken. Verschiedene Abgeordnete haben seit Januar Gesetzesentwürfe in den Kongress eingebracht, die Wetten auf den Prognosemärkten einschränken sollen. Einer der restriktivsten Vorschläge ist der „Stop Corrupt Bets Act“. Er soll Wetten auf Wahlen, Militär- und Regierungshandlungen, sowie Sportveranstaltungen verbieten. Solche Wetten seien „ein Nährboden für Korruption und untergraben das Vertrauen der Öffentlichkeit“, sagte der Senator Jeff Merkley am Donnerstag in einer Presseerklärung. Der demokratische Senator aus Oregon ist einer der Initiatoren des Gesetzesentwurfs. Andere Vorschläge zielen darauf ab, Entscheidungsträgern und Regierungsbeamten zu verbieten, auf solchen Plattformen zu wetten.Die Prognosemärkte
Polymarket oder der Konkurrent
Kalshi haben mittlerweile auf die verdächtigen Wetten reagiert.
Polymarket hat am 23. März die Regeln gegen Insider-Handel in seinen Geschäftsbedingungen angepasst. Nutzer dürfen in Zukunft nicht mit gestohlenen vertraulichen Informationen und illegalen Tipps wetten. Auch Personen, die das Ergebnis der Wette beeinflussen können, sind ausgeschlossen. Unklar bleibt allerdings, wie die Plattform feststellen will, welche Wetten von Insiderhandel betroffen sind oder ob Wetteilnehmer über Insiderwissen verfügt haben, bleibt unklar. Auf eine entsprechende Anfrage der F.A.Z. antwortete
Polymarket nicht.Auch Hauptkonkurrent
Kalshi erklärte in einem Blog-Post, die eigenen Regeln verschärft zu haben. Politiker, die für öffentliche Ämter kandidieren, sind in Zukunft von Wetten auf der Plattform ausgeschlossen. Gleiches gilt für Athleten, die nicht mehr auf Sportereignisse wetten dürfen.Insider-Handel, gefährliche Wetten und Nähe zur Trump-RegierungDie neuen Regeln sind nötig geworden, weil unregulierte Wetten auf Prognosemärkten eine Gefahr für demokratische Prozesse darstellen können. Regierungsbeamte und andere Entscheidungsträger haben oft sensible Informationen über bevorstehende Ereignisse – oder können sie direkt beeinflussen. Wissen, das auf Prognosemärkten sehr viel Geld bringen kann. „Das birgt die Gefahr von Insiderhandel auf Prognosemärkten. Die Personen, die weltpolitische Ereignisse beeinflussen können, bekommen die Möglichkeit, aus diesen Ereignissen Profit zu schlagen“, sagt Motta.Besonders heikel wird es, wenn Nutzer auf Prognosemärkten auf Ereignisse mit einem verheerenden Zerstörungspotential wetten können – zum Beispiel auf die Explosion einer Atombombe. Bis Anfang März waren auf
Polymarket Wetten genau darauf möglich. Mittlerweile ist die Wette zwar von der Seite verschwunden, aber eine archivierte Version zeigt, dass sie ein Volumen von mehr als 600.000 Dollar hatte.Darüber hinaus fallen die Prognosemärkte
Polymarket und
Kalshi immer wieder durch ihre Nähe zur US-Regierung auf. Im August 2025 stieg Donald Trump Jr. mit seiner Risikokapitalgesellschaft 1789 Capital bei
Polymarket ein. Außerdem wurde der Sohn des US-Präsidenten dort Teil des Beratergremiums. Im Januar 2025 wurde er ebenfalls strategischer Berater bei
Kalshi. Kurz darauf durften
Polymarket und
Kalshi wieder in den USA operieren. Seit 2022 hatte
Polymarket den Zugriff für US-Bürger blockiert, nachdem die US-Terminbörsenaufsicht CFTC es mit einer Strafe in Höhe von 1,4 Millionen Dollar belegt hatte.Die Vorhersagekraft der PrognosemärktePrognosemärkte wie
Polymarket und Konkurrent
Kalshi erhielten 2024 das erste Mal größere Beachtung. Damals sagten ihre Quoten den Vorsprung von Donald Trump im Präsidentschaftswahlkampf teils deutlicher vorher als die Prognosen der großen Umfrage-Institute.An die Vorhersagekraft von Prognosemärkten glaubt auch
Polymarket-Gründer Shayne Coplan. In einem Interview mit der US-Sendung 60 Minutes im Dezember 2025 nannte er die Plattform die akkurateste Vorhersagetechnologie, die die Menschheit aktuell habe. Aber ist das wirklich so?„Prognosemärkte liefern Informationen, die wir nicht so leicht von anderen Metriken wie Wahlumfragen oder Aktienmärkten lernen können. Sie liefern eine Form von Weisheit der Vielen, um herauszufinden, für wie wahrscheinlich die breite Masse ein Ereignis hält“, sagt Motta.WahlmanipulationPolymarket-Konkurrent
Kalshi hat am 2. Dezember 2025 eine Partnerschaft mit dem US-Nachrichtensender CNN bekannt gegeben. In der Folge begann der Sender, Wettquoten von
Kalshi unter Nachrichtensegmenten einzublenden. Zuschauer könnten so den Eindruck gewinnen, dass sich politische Ereignisse vorhersagen lassen, wie zum Beispiel das Wetter. Die Aussagekraft der Quoten ist aber begrenzt: „Es handelt sich um die Wahrscheinlichkeit, mit der die Leute denken, dass ein Ereignis eintritt und nicht um die Wahrscheinlichkeit, dass es wirklich eintritt“, sagt Motta. Die Aussagekraft der Quoten ist unter Experten umstritten, da sie von dem Vorwissen der Wetter abhängt.Wettmärkte könnten so aber zu einem Werkzeug für Wahlmanipulation werden, wie Motta erklärt: „Stellen wir uns Kandidaten bei einer großen Wahl vor. Diese Kandidaten liegen in den Umfragen abgeschlagen auf dem letzten Platz und haben nicht genügend finanzielle Mittel, um große Wahlkampfveranstaltungen zu finanzieren. Jetzt könnten diese Kandidaten auf
Polymarket auf ihren Wahlsieg wetten und die eigenen Chancen größer aussehen lassen, als sie wirklich sind.“Ein Raketeneinschlag in Beit ShemeshAußerdem bieten die Plattformen für ihre Nutzer Anreize, sich aktiv in das Geschehen einzumischen - zu Gunsten der eigenen Gewinnchance. „Prognosemärkte, die Wetten auf Katastrophen, Krieg und Attentate erlauben, schaffen Anreize für Nutzer, das Leben von Personen in Entscheidungspositionen zu bedrohen“, sagt Motta.Wie das aussehen kann, zeigt der Fall des Times of Israel-Journalisten Emanuel Fabian: Am Dienstag, den 10. März schlug in Beit Shemesh, einem Ort nahe der Hauptstadt Jerusalem, eine ballistische Rakete aus dem
Iran ein. Fabian berichtete darüber. Ein von ihm veröffentlichtes Video auf der Kurznachrichtenplattform X zeigt den Einschlag in einem kleinen Waldstück, Verletzte gab es nicht.Was dann passierte wunderte Fabian, wie er in einem Artikel auf der Website der Times of Israel schreibt. Der Journalist erhielt E-Mails, in denen er aufgefordert wurde, seinen Bericht zu korrigieren – es seien lediglich die Überreste einer abgefangenen Rakete eingeschlagen.Morddrohungen wegen Wetten auf PolymarketDie E-Mails stehen in Zusammenhang mit einer Wette auf
Polymarket, wie er später herausfand. Im Laufe der nächsten Tage wurde der Ton rauer – ein Wetteilnehmer versuchte, einen Kollegen von Fabian zu bestechen, damit dieser ihn dazu bewegt, seine Berichterstattung zu ändern. Auch Fabian bekam Geld angeboten - als er eine Morddrohung erhielt, wendete er sich schließlich an die lokale Polizei. Die ermittelt nun.
Polymarket hat die Einschüchterungsversuche in einem Post auf X verurteilt, laut eigener Aussage die Accounts gesperrt und angekündigt, Informationen über die Inhaber der Accounts an die zuständigen Behörden weiterzuleiten. Auf eine Nachfrage der F.A.Z., ob das bereits geschehen ist, hat
Polymarket nicht geantwortet.Drohungen und versuchte Einflussnahme kenne man bereits aus dem Sport, nun greife das Phänomen aber auch auf die Politik und demokratische Institutionen über, sagt Motta. Beides sei schlimm, allerdings sei das Zerstörungspotential in der Politik ungleich höher. Daher sei es seine Meinung nach „besser, dieses Kapitel zu schließen.“In Deutschland verbotenIn Deutschland sind nur Wetten auf Sportereignisse und Pferderennen erlaubt. Gesellschaftswetten, etwa auf politische Ereignisse sind dagegen verboten, die Teilnahme an ihnen ist strafbar. Nach Einschätzung der der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder stellen Prognosemärkte illegale Glücksspielangebote dar, teilt eine Sprecherin auf eine Anfrage der F.A.Z. mit. Wer daran teilnimmt, dem droht eine Geldstrafe oder sogar eine Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten. Aufgrund der hohen Manipulationsgefahr warnt die GGL sogar ausdrücklich vor Wetten auf
Polymarket.
Polymarket blocke außerdem Transaktionen von Nutzern mit einer Deutschen IP-Adresse. Auch gegen Versuche, dieses sogenannte Geoblocking mit Hilfe von Virtuellen Privaten Netzwerken (VPN) zu umgehen, gehe die GGL vor, heißt es weiter. Bei einem VPN stellen Nutzer mit dem eigenen Computer eine Verbindung zu einem Server her, der überall auf der Welt stehen kann. So lassen sich in der Theorie Maßnahmen wie Geoblocking umgehen.Auf die anstehenden Landtagswahlen in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt können Nutzer auf
Polymarket trotzdem wetten.