Die Doku „Die geheimnisvolle Welt der Bienen“ von
National Geographic zeigt, warum die Menschheit ohne die Insekten nicht auskommt. Dabei sind sie nicht nur Blütenbestäuber, sondern Architekten, Problemlöser, Kämpfer, Transportflieger, Kundschafter – und Spielkinder.Die wichtigsten Tiere auf dem Planeten? An Bienen denkt man da vielleicht nicht gleich. Aber in dem Zweiteiler „Die geheimnisvolle Welt der Bienen“ geht der Emmy-preisgekrönte Kameramann
Bertie Gregory diesem Gedanken mit Spezialkameras nach, und unter seiner Linse erscheinen die manchmal nervtötenden Insekten als faszinierende Wesen: Sie sind nicht nur Blütenbestäuber, sondern Architekten, Problemlöser, Kämpfer, Transportflieger, Spielkinder, Kundschafter. Gregory hat bisher für die
BBC,
Netflix und
National Geographic vor allem große Tiere in aller Welt gefilmt, jetzt ist er den Bienen auf der Spur – darunter in den Bergwäldern Japans, im Amazonasdschungel von
Ecuador, im australischen Hinterland und in einem Londoner Entomologenlabor. Er erzählt seine Bienenstory mit unterhaltsamem Enthusiasmus, und überhaupt ist dies eine gut gelaunte, manchmal nerdige Produktion. Mit von der Partie ist der Entomologe und Youtuber
Samuel Ramsey, der hier unter anderem den Spieltrieb der Bienen und ihre Problemlösungsfähigkeiten demonstriert und dabei bisweilen an die Insektenforscher-Cartoons von
Gary Larson erinnert. Den roten Faden indes bildet das Schicksal eines Bienenstocks, der sich über den Frühling und Sommer auf die Wintermonate vorbereiten und die Abwanderung des halben Schwarms auf der Suche nach einer neuen Heimat verkraften muss. Der Zweiteiler ist von der phantastischen Kameraarbeit geprägt, die Markenzeichen von Nat-Geo-Produktionen ist – die filmische Illustration des Bienenlebens ist ein Erlebnis in sich. Sozusagen aus Bienenperspektive zoomt man durch die Flure des Bienenstocks und schaut den Arbeiterinnen dabei zu, wie sie aus Wachs Hunderttausende nahezu identische sechsseitige Kammern bauen – eine mathematisch optimale Flächen- und Materialnutzung. Einige dieser Kammern werden als Nistplätze für Bienenlarven genutzt, andere zur Lagerung von Honig, den die Bienen als Nahrung für die blütenlosen Wintermonate speichern. Aus verwesendem Fleisch wird HonigDer Film steckt außerdem voller erstaunlicher Fakten und Zahlen. An einiges mag man sich aus der Schule erinnern, aber vieles überrascht: Seit 120 Millionen Jahren bestäuben Bienen drei Viertel aller blühenden Pflanzen. Jeder dritte Bissen unserer Nahrung hängt von der Arbeit der Bienen ab, und sie benötigen zwei Millionen Blüten, um ein Pfund Honig zu produzieren. Es gibt mehr als 20.000 Bienenarten, aber nicht alle sammeln Blütenpollen oder arbeiten als Superorganismus zusammen. Manche sind einzelgängerische Nestbauer, manche kultivieren andere Insekten zur Honigerzeugung, manche sind sogar Aasfresser. Im zweiten Teil schlägt das Stück kritische Töne an – etwa über die industrielle Bienenzüchtung. Jahr für Jahr werden in den USA 30 Milliarden Honigbienen mit Lastwagen nach Kalifornien geschafft, um dort binnen weniger Tage gigantische Mandelbaumplantagen zu bestäuben und ein Milliardengeschäft zu befeuern. Zahllose Bienen kommen dabei ums Leben. Ein Züchter aus Oregon beschließt angesichts des Verlusts der Hälfte seiner Bienen bei diesem Masseneinsatz, seine Ländereien in Blumenwiesen zu verwandeln und sich der Honigproduktion zu widmen. Hin und wieder wirkt dieses Stück ein wenig überfüllt, besonders im zweiten Teil, der unter anderem eine seltsam brutale Sequenz um übergriffige australische Bienen und einen Exkurs über Milbenbefall enthält. Lieber hätte man mehr über die Fähigkeit der Aasfresser-Bienen erfahren, verwesendes Fleisch in Honig umzuwandeln, oder über den bisweilen zerstörerischen Konkurrenzkampf zwischen domestizierten und wilden Bienen in Stadtlandschaften, in denen Grünflächen rarer werden. Am Ende dieser filmischen Reise, in deren Verlauf man den kleinen Insekten erstaunlich nahegekommen ist, steht denn auch ein Plädoyer für mehr Wiesen und für nachhaltige Bienenzucht – und eine schlichte Erkenntnis: Wir brauchen sie, die Bienen.