Erstmals wurde die Geburt eines Pottwals gefilmt. Was die Bilder über den sozialen Zusammenhalt und die Sprache der Tiere verraten.Erstmals ist es gelungen, die Geburt eines Pottwals zu filmen. Ein Team von Wissenschaftlern war gerade zum Testen ihrer Instrumente im Meer vor der Karibikinsel
Dominica unterwegs, als ihnen plötzlich klar wurde, dass sich etwas Ungewöhnliches ereignete.
Giovanni Petri leitet bei der Organisation
CETI, die sich der Erforschung der Walsprache verschrieben hat, das Team für Netzwerkwissenschaften. Am Telefon erzählt er, was genau passiert ist.Herr Petri, eine Pottwalgeburt in der
Karibik – wie bekommt man davon etwas mit?CETIMeine Kollegen
David Gruber und
Shane Gero waren mit unserem Forschungsboot auf dem Wasser, um ein paar neue Sonden zu testen. Über die Unterwassermikrofone hörten sie, dass Pottwale in der Nähe waren: Die Tiere stoßen Klicks aus, wenn sie unter Wasser mit Echoortung jagen. Und wenn sie an der Oberfläche sind, kommunizieren sie miteinander über sogenannte Codas ...... also für eine Familiengruppe spezifische, sich wiederholende Klick-Muster, etwa klick – klick – klick – – – – klick.Exakt. Meine Kollegen näherten sich den Coda-produzierenden Tieren, um ihre neuen Hydrophone auszutesten. Aber dann haben sie schnell bemerkt, dass da etwas Eigenartiges stattfand. Denn normalerweise bleiben Pottwale nur maximal eine Viertelstunde an der Oberfläche, bevor sie wieder für eine Dreiviertelstunde in Tiefen von bis zu 800 Metern abtauchen. Und die Familien sind in der Regel voneinander getrennt. Oft schwimmen nur zwei, drei Tiere gleichzeitig nebeneinander an der Oberfläche, das nächste ist dann vielleicht einen Kilometer entfernt. Aber das war hier nicht der Fall. Hier waren viele Tiere sehr lange gleichzeitig an der Wasseroberfläche. Also haben
David Gruber und
Shane Gero Drohnen aufsteigen lassen, um nachzusehen.Und? Was haben sie gesehen?Sie sahen diese Ansammlung von zehn, elf Pottwalen. Und plötzlich war da eine Menge Blut. Meine Kollegen dachten zunächst an ein Raubtier, also dass die Pottwale oder ein anderes Tier attackiert worden waren. Aber dann wurde ihnen klar, dass hier eine Geburt stattgefunden hatte.Pottwal-Weibchen halten ein Neugeborenes über Wasser, bis es selbständig schwimmen kann.Project CETIWar vorher klar, dass es einen trächtigen Pottwal gab?Nein, das wussten wir nicht. Es war ein absoluter Zufall, eine Überraschung.Waren alle Pottwale, die bei der Geburt zusammengekommen waren, Weibchen?Ja. Die Pottwalfamilien sind matrilinear aufgebaut, sie bestehen also nur aus Weibchen. Die Männchen werden im Grunde genommen als Teenager, also noch in jugendlichem Alter, aus der Gruppe verstoßen. Und meistens leben sie später in der Nähe der Pole. Es gibt ökologische Gründe, warum es für sie keinen Sinn hat, bei den Weibchen zu bleiben. Es gab mal ein Männchen, das bereits aus der Familie ausgeschlossen worden war, aber irgendwie nicht wegschwimmen wollte. Wir verpassten ihm den Namen Alan. Er versuchte weiterhin, mit der Weibchengruppe in Kontakt zu bleiben, aber alle haben sich von ihm weggedreht und sind vor ihm davongeschwommen. Er wurde also tatsächlich allein gelassen.Für Pottwale ist ihre Sprache sehr wichtig – sie können so mit ihren Familienmitgliedern über weite Entfernungen kommunizieren. Zudem scheint die Sprache eine Art Kultur darzustellen. Jede Familie bildet eine Lautgemeinschaft, Experten nennen sie Vocal-Clans, also etwa Stimm-Gruppen. Haben die anwesenden Weibchen dem Neugeborenen die Codas des Clans beigebracht?Das wüssten wir gerne, aber die Auswertungen hierzu sind schwierig. Weil es ein spontanes Ereignis war, hatten wir nicht besonders viele Mikrofone im Wasser. Die Wale haben unübliche Laute von sich gegeben. Sie schienen sehr aufgeregt. Sie haben mehr Codas verwendet als normalerweise üblich. Es ist aber schwierig, die einzelnen Laute einzelnen Tieren zuzuordnen, es ist wie auf einer Cocktailparty. Wir sehen, dass ihre Kommunikation anders war als normal, aber wer was sagt, wissen wir nicht.Nahaufnahme des NeugeborenenProject CETISie wollen gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern von
CETI die Sprache der Wale entschlüsseln, manche träumen sogar davon, dank Künstlicher Intelligenz irgendwann mit Walen reden zu können. Dazu zeichnen Sie Klicks und Codas mit Hydrophonen auf und versuchen, sie mit Bewegungsdaten und Drohnenvideos einem Verhalten zuzuordnen.Ja, plakativ formuliert wollen wir ChatGPT für Wale schaffen. Das ist die Idee. Aber es gibt natürlich ethische Bedenken, Wale einfach so anzusprechen. Derzeit fokussieren wir uns eher darauf, ihnen zuzuhören und sie zu verstehen. Denn die spannende Frage ist ja, warum sie überhaupt ein so kompliziertes Kommunikationssystem, also eine Sprache, ausgebildet haben.Eine Hypothese geht davon aus, dass das etwas mit dem Erziehungssystem zu tun hat, oder?Genau. Und vor diesem Hintergrund ist diese Geburt wirklich spannend. Denn diese Wale, die wir beobachtet haben, leben im selben Gewässer vor
Dominica. Sie sind einander aber vielleicht noch nie begegnet, haben einander nie gesehen. Sie können einander aber hören, sie wissen, wer zu ihrem Vocal-Clan gehört. Und diese Pottwale sind nun also zusammengekommen, um einem Weibchen bei der Geburt zu helfen. Und sie sind eine lange Zeit alle beieinandergeblieben.Ihre Kollegen haben sie über Stunden hinweg dort beobachtet. Auf dem Video sieht man, wie die Pottwale das Jungtier gemeinsam an der Wasseroberfläche halten.Ja, das ist in diesem Fall überlebenswichtig für das Neugeborene, denn bei der Geburt ist die Rückenflosse noch eingeklappt, das Tier ist also manövrierunfähig. Es würde auch nicht an der Wasseroberfläche schwimmen. Das ist ein großer Unterschied etwa zu Elefanten: Da kommen auch mehrere Weibchen bei einer Geburt zusammen, aber ob sie da sind oder nicht, ist für das Überleben des Neugeborenen nicht wichtig. Bei Pottwalen steigt die Überlebenschance durch die Anwesenheit der anderen. Auch, weil sie das Kleine schützen – wegen des Blutes und des Aufruhrs kamen nämlich auch Fraser-Delphine und Grindwale. Es ist nicht klar, was sie da wollten, aber sie haben, mit welcher Absicht auch immer, die Lage gecheckt. Und unsere Hypothese ist, dass man für eine solche soziale Leistung Kommunikation braucht. Denn es kostet jeden einzelnen Wal ja eine enorme Energie, an der Wasseroberfläche zu bleiben, nur um das Jungtier über eine so lange Zeit an der Wasseroberfläche zu halten. Die Geburt des Pottwals hilft uns zu verstehen, warum Pottwale ein Kommunikationssystem entwickelt haben.