PfadnavigationHomeRegionalesHamburgWolfspolitikNach Angriff in
Hamburg – Wie geht es mit dem
Wolf jetzt weiter?Stand: 15:48 UhrLesedauer: 5 MinutenEin Europäischer
Wolf (Canis lupus lupus) im Wisentgehege im niedersächsischen SpringeQuelle: Julian Stratenschulte/dpaDer Angriff in
Hamburg markiert eine Zäsur im Umgang mit dem
Wolf in
Deutschland: Erstmals seit seiner Rückkehr wurde ein Mensch verletzt. Nun wird kontrovers darüber debattiert, ob das Tier dauerhaft überwacht, freigelassen oder getötet werden soll.Erstmals seit der Rückkehr des Wolfs nach
Deutschland verletzt ein Tier einen Menschen. Nach dem Vorfall in
Hamburg stellt sich die Frage: Was soll mit dem Tier passieren? Ein Überblick über die diskutierten Optionen.Wie ist der Zustand des Wolfs?Der
Wolf, der eine Frau in
Hamburg verletzt hat, ist in eine Wildtierauffangstation bei
Sachsenhagen im niedersächsischen Landkreis
Schaumburg gebracht worden. Das teilte die Hamburger Umweltbehörde mit, die nach eigenen Angaben weiterhin für den
Wolf zuständig ist. „Zum langfristigen Verbleib des Tieres laufen Gespräche“, erklärte ein Sprecher der Behörde. Lesen Sie auchDer
Wolf war nach dem Vorfall mehrere Kilometer durch die Stadt bis in die Binnenalster geflüchtet. Funkstreifenbesatzungen entdeckten ihn schwimmend im Wasser und sicherten ihn mit einer Schlinge am Jungfernstieg, wie ein Polizeisprecher sagte. Das Einfangen habe mehr als eine Stunde gedauert. Der
Wolf habe oberflächliche Verletzungen und Wunden, teilte die Umweltbehörde weiter mit. Er sei tiermedizinisch behandelt worden. Er wurde auch auf Tollwut getestet, die Auswertung laufe noch. Eine Tollwuterkrankung sei aber unwahrscheinlich. Seit 2008 gälten Wölfe in
Deutschland als tollwutfrei.Was spricht für eine Tötung des Wolfs? Der Journalist, Jäger und Wolfsexperte
Eckhard Fuhr sprach sich im Interview des Fernsehsenders
RTL dafür aus, das Tier zu töten. „Ein dauerndes Leben in Gefangenschaft in einem Tierpark kann man diesem
Wolf nicht zumuten“, sagte er. Die Alternative – das Tier wieder freizulassen – hält Fuhr für ebenso problematisch. Unter dem Gesichtspunkt des Tierwohls sowie der öffentlichen Sicherheit sieht der Experte nur eine vertretbare Option: „Es wäre die vernünftigste Lösung, den
Wolf zu töten.“Was spricht für eine Freilassung des Tiers?Unterdessen sprach sich Wolfexperte
Norman Stier von der
TU Dresden für eine Freilassung aus. „Einer Freilassung steht aus meiner Sicht nichts entgegen, wenn es kontrolliert mit einem Senderhalsband erfolgt.“ Durch den Sender könne man das Tier jederzeit aufsuchen, es negativ konditionieren und auch töten, falls es zu Problemen kommen sollte. Lesen Sie auchAuch der Geschäftsführer des Wildparks Schwarze Berge, Arne Vaubel, plädiert für die Freiheit des Wolfs. Das Tier habe nicht mit Absicht angegriffen, sondern aus einer Panik heraus, sagte er der dpa. Vaubel geht davon aus, dass der
Wolf die Frau nicht angreifen wollte. Das sei ein wilder
Wolf, der nichts kenne - keine Stadt, keine Menschen. „Der
Wolf war wahrscheinlich in Panik und wollte nur raus“, sagt er. Dem stimmen weitere Wolfsexperten zu. So sagt auch Tanja Askani, die seit 30 Jahren die Wölfe im Wildpark Lüneburger Heide betreut, das Hamburger Tier habe sich in der Stadt verlaufen und sei in einer Stresssituation gewesen: „Das Tier wollte nur weg, es hat sich nicht unnormal verhalten.“ Es gebe keinen Grund, es in Gefangenschaft zu halten. Könnte der
Wolf in einem Gehege untergebracht werden? Eine Chance, das Tier in das Rudel eines Wildparks zu integrieren, sieht Wolfsexperte Stier von der
TU Dresden nicht: „Da gibt es Erfahrungen von Hybridfängen aus der Anfangs-Wolfswiederbesiedlung aus der Lausitz, die auch in sehr großen Gehegen trotzdem qualvoll zugrunde gegangen sind.“ Außer bei Welpen, die sich noch an eine Gehegehaltung gewöhnen könnten, wäre eine tierschutzkonforme Unterbringung von Wölfen, die in Freiheit aufgewachsen sind, weder sinnvoll noch möglich, so der Experte. Lesen Sie auchAuch Kenny Kenner, ehrenamtlicher Wolfsberater im Landkreis Lüchow-Dannenberg, hofft, dass das betroffene Tier nicht dauerhaft in ein Gehege kommt. Ein Sprecher des niedersächsischen Umweltministeriums hatte zuvor erklärt, man könne ein Wildtier, das nicht an Gefangenschaft gewöhnt ist, nicht sehr lange in einem Gehege belassen, das darauf womöglich gar nicht ausgelegt sei. „Deshalb muss schon kurzfristig und zeitnah entschieden werden, was mit dem Tier passieren soll.“ Es müsse geklärt werden, ob es womöglich in ein anderes Gehege verbracht werden kann - oder man entscheide sich für eine andere Lösung.Wie kam es zu dem Wolfsangriff?Was den Vorfall in
Hamburg ausgelöst hat, ist bislang unklar. Jedoch haben Experten eine Hypothese: Der mutmaßlich junge
Wolf habe sich womöglich in die Stadt verirrt und dort Angst bekommen. „In der Stadt gibt es so viele Eindrücke, die ihn stressen – der Verkehr, die Lichter, der Lärm und so weiter. Und dann wird er vielleicht noch in die Enge gedrängt oder fühlt sich in die Enge gedrängt“, mutmaßt Klaus Hackländer, Wolfs-Experte der Deutschen Wildtierstiftung. „Dann reagiert der
Wolf einfach im Affekt und greift natürlich auch an.“ Aber: „Der Mensch ist nicht im Beuteschema, vor allen Dingen nicht der erwachsene Mensch.“Wie häufig sind Wolfsangriffe?Das Bundesamt für Naturschutz sprach vom ersten Fall seit der „Etablierung“ des Wolfes im Jahr 1998. „Seit der Rückkehr der Art nach
Deutschland wurde kein Mensch durch einen
Wolf verletzt“, betont das Bundesamt.Wie steht es um den
Wolf in
Deutschland?Zuletzt hat die Bundesregierung neue Regeln auf den Weg gebracht, mit denen Wölfe in
Deutschland künftig leichter abgeschossen werden dürfen. Der Bundesrat stimmte in der vergangenen Woche der Aufnahme des Wolfes als jagdbare Tierart in das Bundesjagdgesetz zu. Damit können die Länder nun die Jagd in jenen Regionen erlauben, wo sich der
Wolf in einem günstigen „Erhaltungszustand“ befindet – wo er also gute Chancen auf einen langfristigen Fortbestand hat. Als Jagdzeit ist dann der Zeitraum von Juli bis Oktober vorgesehen. Lesen Sie auchRund 150 Jahre lang galt der
Wolf in
Deutschland als ausgerottet. Erst nach dem Mauerfall kamen mehrere Tiere über Polen nach
Deutschland zurück, Anfang der 1990er wurden die ersten Wölfe in Brandenburg entdeckt. Heute streifen Wölfe durch die Wälder zahlreicher Bundesländer. Naturschützer sehen ihre Rückkehr als Erfolg des Artenschutzes und positive Entwicklung der Natur. Sie betonen, dass Menschen vor den scheuen Tieren keine Angst haben brauchen.dfe, dpa