Kriege, Konflikte, Zölle, Chaos: Der Konjunkturaufschwung in Deutschland droht erneut zu kollabieren, noch bevor er richtig begonnen hat. Das zeigt das Frühjahrsgutachten sechs führender Wirtschaftsforschungsinstitute, das am Mittwoch vorgestellt wurde. Demnach dürfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach dreijähriger Stagnation auch in diesem Jahr um gerade einmal 0,6 Prozent wachsen. Grund ist vor allem der Krieg in
Iran, der Öl und Gas massiv verteuert hat und Lieferketten in aller Welt bedroht.Noch vor sechs Monaten hatten die Institute für 2026 ein Wachstum von 1,3 Prozent vorhergesagt. Dass es jetzt nicht einmal die Hälfte werden soll, heißt, dass die gesamtwirtschaftliche Leistung um mehr als 30 Milliarden Euro geringer ausfallen dürfte als bisher erwartet. Und selbst dieses Szenario basiert noch auf der Annahme, dass die derzeit von
Iran blockierte
Straße von Hormus bald wieder problemlos befahren werden kann. Durch die Meerenge werden normalerweise in großen Mengen Öl, Flüssiggas und viele andere wichtige Güter transportiert, darunter Agrarprodukte, Aluminium und Chemikalien wie Helium und Harnstoff.Zwar sind aus Sicht der Forscher die direkten Folgen für Deutschland zunächst begrenzt. Sollte die Hormus-Blockade aber deutlich länger andauern als erwartet, könnte es etwa in den Schwellenländern Asiens zu Produktionsausfällen kommen, die dann auch hierzulande zu einem Mangel an Vorprodukten und Komponenten führen würden.Lebensmittel:Preise für Dünger explodierenWarum am Persischen Golf so viel Stickstoffdünger produziert wird und was das für die Lebensmittelpreise in Deutschland bedeutet.Die Ökonomen rechnen mit einer Inflation von knapp drei ProzentNach den Prognosen der Ökonomen dürften die weltwirtschaftlichen Turbulenzen die Inflationsrate in Deutschland dieses und nächstes Jahr wieder auf jeweils knapp drei Prozent nach oben treiben. „Der Energiepreisschock im Zuge des
Iran-Krieges trifft die Erholung hart“, sagte der Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts,
Timo Wollmershäuser. Auch für 2027 nahmen die Experten ihre Wachstumsprognose von 1,4 auf nunmehr 0,9 Prozent zurück. An der sogenannten Gemeinschaftsdiagnose beteiligt sind neben dem
Ifo-Institut das IfW in Kiel, das Berliner DIW, das IWH in Halle, das Essener RWI und das Wifo in Wien.Die erneute konjunkturelle Eintrübung belastet nicht nur Autofahrer und Unternehmen, sie stellt auch die gesamte wirtschaftspolitische Strategie der Bundesregierung infrage. Diese basierte auf der Annahme, dass es gelingt, mithilfe hoher staatlicher Investitionen einen nachhaltigen Aufschwung in Gang zu setzen, der den Druck auf Sozialsysteme und öffentliche Haushalte verringert und die notwendigen Reformen damit erleichtert. Sollten Wachstum und Beschäftigung nun deutlich hinter den Erwartungen zurückbleiben, werden diese Reformen sehr viel schwieriger. Wollmershäuser warnte gar, Deutschland werde sich angesichts schwächelnder Exporte, geringer Produktivitätszuwächse und einer sinkenden Zahl von Arbeitskräften in den kommenden Jahren „an Nullwachstum gewöhnen“ müssen.DIW-Ökonomin Geraldine Dany-Knedlik und
Timo Wollmershäuser vom
Ifo-Institut stellen die sogenannte Gemeinschaftsdiagnose vor. Sebastian Christoph Gollnow/dpaImmerhin: Dass der
Iran-Krieg, die US-Importzölle und die vielfältigen Krisen in der Welt Wirtschaft und Verbraucher in Deutschland nicht noch härter treffen, ist nicht zuletzt der Investitionsoffensive geschuldet, die die Koalition aus Union und SPD zur Modernisierung der Infrastruktur und der Bundeswehr gestartet hat. Zudem hätten die gestiegenen Löhne und Gehälter den Konsum in Deutschland belebt, so die Forscher. Allerdings kämen die massiv gestiegenen Staatsausgaben vor allem der Bauwirtschaft und der Rüstungsindustrie zugute, während Impulse für viele andere Branchen fehlten.Von einem Tankrabatt raten die Experten abVon „kurzfristigem Aktionismus“ raten die Experten trotz der hohen Energiepreise ab. Ein Tankrabatt für alle Autofahrer etwa, wie er derzeit diskutiert wird, wäre für den Staat extrem teuer, käme auch Menschen zugute, die gar keine Unterstützung bräuchten, und würde zudem den Anreiz reduzieren, Sprit zu sparen, so die Experten. Wenn die Politik helfen wolle, seien Sozialtransfers die bessere Lösung.Um Wachstum und Wohlstand zu sichern, plädieren die Institute vor allem für eine grundlegende Reform der sozialen Sicherungssysteme. Das sei auch deshalb notwendig, weil gerade für Geringverdiener nicht Steuern, sondern vor allem die hohen Sozialabgaben der größte Kostenfaktor seien. Im Gesundheitssektor etwa könnte aus Sicht der Experten viel Geld eingespart werden, wenn unnötige Arztbesuche durch ein System der Selbstbeteiligung vermieden und Leistungen, deren medizinischer Nutzen nicht klar erwiesen ist, nicht mehr bezahlt würden. Ohne tiefgreifende Reformen jedenfalls, so IWH-Vizechef Oliver Holtemöller, werde über kurz oder lang „die Staatsverschuldung aus dem Ruder laufen“.