Sie sitzen in der Provinz, sind familiengeführt und hochspezialisiert. Abseits des Rampenlichts dominieren Hidden Champions globale Nischenmärkte. Doch das einst stabile industrielle Umfeld bröckelt.In
Hattersheim, zwischen der Autobahn A66 und der Landebahn Nordwest am Frankfurter Flughafen, sitzt in einem stattlichen Industriegebiet ein Unternehmen, dessen Produkte viele Menschen täglich in der Hand halten – ohne den Namen zu kennen. Die Maschinen von
Poly-Clip System verschließen Wurst-, Käse- und Verpackungshüllen mit kleinen Metallclips. Millionenfach, jeden Tag, auf der ganzen Welt.Das Unternehmen aus dem
Main-Taunus-Kreis gilt als globaler Technologieführer für Clipverschluss-Systeme in der Lebensmittelindustrie. Mehr als 20 Milliarden dieser Clips gehen jährlich in die Welt hinaus, dazu produziert man auch Maschinen, mit denen Würste befüllt und verklammert werden. 1922 als
Oswald Niedecker Metallwarenfabrik gegründet, ist das Werk auch heute noch im Besitz der Familie Niedecker, der Betrieb wird gerade von der dritten an die vierte Generation übergeben. Zunächst, so zeigt es der Blick in die bewegte Geschichte, stellte die Firma Werkzeuge zur Bearbeitung und Verformung von Blech, dann Teile für Bremsen für die Autoindustrie her. In den Fünfzigerjahren meldete das Unternehmen das erste Patent für Clips an. Damit hat Poly-Clip seither Erfolg – und arbeitet doch weitgehend im Verborgenen.Solche Betriebe sind typisch für eine besondere Kategorie der Wirtschaft: die sogenannten Hidden Champions. Dabei handelt es sich um hoch spezialisierte Mittelständler, oft familiengeführt, selten im Rampenlicht – aber in ihren Nischen weltweit führend.Experte für heimliche Weltmarktführer: Wissenschaftler Julian SchenkenhoferMichael BraunschädelWenn über die Wirtschaft in
Hessen gesprochen wird, dann fällt der Blick häufig auf die Metropole
Frankfurt – und dort auf den Flughafen oder den Finanzplatz. Doch ein wichtiger Teil der Wertschöpfung des Bundeslandes liegt außerhalb der großen Städte und in eher ländlichen Gebieten, in denen sich zum Teil Netzwerke hoch spezialisierter Industrieunternehmen entwickelt haben, die in engen technologischen Nischen weltweit führend sind.
Julian Schenkenhofer, Juniorprofessor für Entrepreneurial Families an der
WHU – Otto Beisheim School of Management, hat sich exklusiv für die F.A.Z. die heimlichen Weltmarktführer aus
Hessen angeschaut.Hidden Champions in
Hessen: Im Schnitt 3200 MitarbeiterDie Auswertung von 126 Unternehmen, die laut Schenkenhofer den Kriterien eines Hidden Champions entsprechen, zeigt, dass diese Betriebe im Durchschnitt einen jährlichen Umsatz von 814 Millionen Euro erzielen und weltweit im Schnitt rund 3200 Mitarbeiter beschäftigen. Besonders auffällig ist dem Wissenschaftler zufolge die internationale Ausrichtung. Im Durchschnitt nämlich erzielen die Unternehmen rund 72 Prozent ihres Umsatzes im Ausland.Seit Jahren schon befasst sich Schenkenhofer mit dem Phänomen der versteckten Mittelständler, die global unterwegs sind: Vor seinem Engagement an der WHU war er an der Universität Bergamo und in den USA tätig, in seiner Forschung schaut er besonders darauf, wie spezialisierte Industrieunternehmen internationale Marktführerschaft in engen technologischen Nischen aufbauen und langfristig sichern.Sandra SchildwächterEines von vielen Beispielen in
Hessen ist die Norma Group mit Sitz in Maintal bei
Frankfurt. Das Unternehmen gehört weltweit zu den führenden Herstellern von Verbindungstechnologie – also von Produkten, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken, aber in unzähligen industriellen Anwendungen unverzichtbar sind. Besonders bekannt sind die von Norma entwickelten Schlauchschellen und Verbindungssysteme, die in Autos, Maschinen, Bewässerungssystemen oder Industrieanlagen eingesetzt werden. In vielen dieser Segmente nimmt der Konzern global eine Spitzenposition ein. Gerade diese Mischung aus hoher Spezialisierung, technologischer Tiefe und internationaler Marktorientierung macht Norma zu einem typischen Vertreter jener „Hidden Champions“, die der Ökonom Hermann Simon einst beschrieben hat. Von
Hessen aus beliefert Norma Kunden in mehr als hundert Ländern und zeigt damit exemplarisch, wie Unternehmen aus einer regionalen industriellen Basis heraus globale Märkte dominieren können.Wo die heimlichen Weltmarktführer ihren Sitz habenDabei folgt die räumliche Verteilung der Nischenmarktführer in
Hessen keinem zufälligen Muster, vielmehr konzentrieren sich viele der Betriebe auf bestimmte industrielle Regionen. Ein solches Cluster hat
Julian Schenkenhofer zum Beispiel in Mittelhessen ausgemacht, wo sich zahlreiche Betriebe aus Maschinenbau, Elektrotechnik, Metallverarbeitung und Präzisionsfertigung angesiedelt haben, sei es Rittal in Herborn, Klingspor sowie Cloos in Haiger, Pfeiffer Vacuum in Aßlar oder Leica Microsystems in Wetzlar. Auch rund um Kassel hat sich ein Netzwerk exportstarker mittelständischer Weltmarktführer gebildet, der Schwerpunkt liegt hier auf Maschinenbau, Automotive und industrieller Fertigung. Beispiele sind Hübner in Kassel, SMA Solar in Niestetal und Konvekta in Schwalmstadt.„Viele dieser Unternehmen befinden sich nicht in großen Städten, sondern in kleineren industriellen Regionen“, sagt Hidden-Champions-Experte Schenkenhofer und verweist auf seine Studie, wonach 56 Prozent der hessischen Weltmarktführer in Städten mit weniger als 50.000 Einwohnern ihren Hauptsitz haben. Der Wissenschaftler sieht darin Vorteile für die Betriebe. „Die Unternehmen profitieren von stabilen Arbeitskräftepools, einer engen Bindung an die Region und häufig auch von niedrigen Standortkosten.“ Dieser Text entstammt der aktuellen Ausgabe des F.A.Z.-Wirtschaftsmagazins „Metropol“. Mehr erfahren Die größte Branche bei Hidden Champions ist der Untersuchung zufolge der Maschinen- und Anlagenbau, etwa Weber Maschinenbau in Breidenbach, Karl Mayer in Obertshausen oder PVA Tepla in Wettenberg. Eine zweite wichtige Gruppe sind Betriebe aus der Elektrotechnik und der industriellen Automatisierung, etwa Isabellenhütte in Dillenburg oder Bender in Grünberg.Auch die Automobilindustrie spielt eine wichtige Rolle. Unternehmen wie Kamax in Homberg, Norma in Maintal und Autoneum in Gladenbach liefern Komponenten für Fahrzeughersteller und sind dort laut Schenkenhofer in globale Produktionsnetzwerke integriert.Allerdings stehen Unternehmen vor erheblichen Herausforderungen, auch in
Hessen. „Über Jahrzehnte hinweg profitierten exportorientierte Industrieunternehmen von einem relativ stabilen industriellen Umfeld: moderaten Energiepreisen, offenen internationalen Märkten, einer starken industriellen Basis und einem leistungsfähigen Arbeitsmarkt“, sagt Schenkenhofer. Doch viele dieser Voraussetzungen geraten derzeit unter Druck. Beim Verbindungstechnikspezialisten Norma belastete zuletzt die schwache Automobilkonjunktur das Geschäft – der Konzern reagierte mit Sparprogrammen und einer strategischen Neuausrichtung. Auch der Vakuumpumpenhersteller Pfeiffer Vacuum aus Aßlar bekam die Abkühlung wichtiger Industriekunden zu spüren, insbesondere aus der Halbleiterbranche und der globalen Industrieproduktion. Beide Fälle zeigen, wie stark selbst hoch spezialisierte Weltmarktführer von konjunkturellen Schwankungen, geopolitischen Spannungen und strukturellen Veränderungen ihrer wichtigsten Absatzmärkte abhängig sind.Energie, Bürokratie, Demographie: Die Sorgen der hessischen ChampionsGerade energieintensiven Unternehmen machen zudem die hohen Energiepreise zu schaffen, die längst als Standortnachteil gelten, auch die umständlichen Genehmigungsverfahren werden als Problem genannt. „Hidden Champions sind in der Regel hoch spezialisierte Technologieunternehmen mit vergleichsweise schlanken Organisationsstrukturen“, mahnt Schenkenhofer – und damit zum Beispiel auch ohne größere Compliance-Abteilungen. Wenn jedoch immer mehr Managementkapazitäten für Dokumentationspflichten und Risikoanalysen gebunden würden, entstehe ein administrativer Aufwand, der laut Schenkenhofer „die Balance zwischen industrieller Wertschöpfung und regulatorischer Verwaltung verschiebt“.Zudem könnte den Betrieben ihre ländliche Verwurzelung zum Verhängnis werden, weil sich der Mangel an qualifizierten Fachkräften künftig zuerst außerhalb der Metropolen bemerkbar mache. Schenkenhofer fordert deshalb Reformen. „Eine Volkswirtschaft, die dauerhaft zu wenige Kinder bekommt und gleichzeitig qualifizierte Migration nur begrenzt organisiert, gerät langfristig in ein strukturelles Arbeitskräfteproblem.“Vor diesem Hintergrund stehen Nischenmarktführer vor einer komplexen Gemengelage aus strukturellen Herausforderungen, die außerhalb der direkten Kontrolle einzelner Unternehmen liegen und vielmehr die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen des Industriestandorts betreffen. „Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Hidden Champions innovativ genug sind“, so Schenkenhofer, schließlich zeige ihre Geschichte, dass sie technologischen Wandel immer wieder erfolgreich bewältigt hätten. „Entscheidend ist vielmehr, ob der Standort Deutschland weiterhin jene institutionellen Bedingungen bietet, unter denen solche Unternehmen entstehen und wachsen können.“Was für eine Zukunft der hessischen Weltmarktführer spricht, ist ihre historisch gesehen bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit. Viele Unternehmen haben bereits mehrere Wirtschaftskrisen, technologische Umbrüche oder Veränderungen in Zielmärkten überstanden. Auch bei Poly-Clip in
Hattersheim versucht man, sich möglichst breit aufzustellen. Denn was für die Wurst passt, funktioniert auch anderswo, etwa für Obst- und Gemüsenetze. In manchen Ländern liegen die ersten Zwiebeln, Paprika oder Orangen bereits umweltfreundlich verclippt im Supermarkt.