Bei der Landtagswahl in
Rheinland-Pfalz war die AfD bei Arbeitern besonders erfolgreich. Bei der Kommunalwahl in
Hessen punktete die Partei unter anderem an Orten mit kriselnden Industriebetrieben.Als die AfD im November in
Gießen eine neue Jugendorganisation gegründet hat, rief der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), zusammen mit vielen anderen Organisationen, zum Protest auf. Wie schon bei vielen Demonstrationen gegen Parteien am rechten Rand – dass bei solchen Kundgebungen auch Gewerkschafter mitmarschieren, ist seit Jahrzehnten Standard. Seit an Seit mit Vertretern der SPD, der traditionellen Arbeiterpartei.Doch der Aufruf zur Demonstration gegen die Generation Deutschland, wie sich die AfD-Jugend jetzt nennt, stieß bei einigen Gewerkschaftern auf Widerspruch, wie
Stefan Sachs berichtet. „Da gab es schon Leute, die offen gesagt haben: ‚Wenn ihr das unterstützt, treten wir aus der
IG Metall aus.‘“ Sachs ist Erster Bevollmächtigter der
IG Metall für
Mittelhessen. In der Region gingen im vergangenen Jahr in der Metall- und Elektroindustrie 1000 Arbeitsplätze verloren, wie die örtliche Bezirksgruppe des Arbeitgeberverbandes
Hessenmetall kürzlich der Deutschen Presse-Agentur mitteilte.Sachs sagt dazu: „Wenn Leute mitkriegen, dass ihre Existenz bedroht ist – und zwar jenseits vorübergehender Konjunkturkrisen –, dann denken einige schon: ‚Demokratie ist scheiße.‘“ Er selbst halte das für „sehr kurz gedacht“, stellt der Gewerkschafter klar. Aber viele Menschen, die nach schnellen Lösungen für ihre Probleme suchten, seien von den anderen Parteien enttäuscht.Ärger über KlimaschutzpolitikDie Industriekrise in
Mittelhessen hängt eng mit den Problemen der Autobranche zusammen. Im vergangenen Jahr wurde
Buderus Edelstahl in
Wetzlar zerschlagen, die Gießerei des Bremsscheiben-Herstellers Breyden in Lollar wurde geschlossen. Bei Weiss Technik in Reiskirchen, einem Unternehmen, das unter anderem Prüfkammern für Motoren herstellt, baut der Mutterkonzern Schunk rund 200 Stellen ab. Vor diesem Hintergrund verfange es durchaus, wenn die AfD eine vollständige Aufhebung des Verbrennerverbots fordere, meint Sachs.Er selbst sieht darin keine Lösung: „Wer sich gegen Veränderung sperrt, wird am Ende plattgemacht“, sagt er über den Umstieg auf die E-Mobilität. Aber die AfD vermittele den Eindruck, sie könne die wirtschaftlichen Bedingungen der Achtzigerjahre wiederherstellen – „das finden Menschen, die sich bedroht fühlen, nicht unbedingt schlecht“, sagt Sachs. Das gelte eben nicht nur in Ostdeutschland.Seit Ende 2025 dicht: die Gießerei in Lollar, die früher zu Bosch und zuletzt zu Breyden gehörteLucas BäumlWie erfolgreich die AfD inzwischen auch im Westen ist, hat zuletzt die Landtagswahl in
Rheinland-Pfalz gezeigt, wo die Partei fast 20 Prozent der Stimmen holte. Bei den Kommunalwahlen in
Hessen eine Woche zuvor landete die AfD bei 15 Prozent. Zwar stellte sie abseits der großen Städte für die Gemeinderäte nur wenige Kandidaten auf, bei der Wahl der Kreistage erhielt sie in einzelnen Kommunen aber mehr als 20 Prozent der Stimmen. In Lollar, wo die Gießerei geschlossen wurde, kam sie auf 19 Prozent – das sind acht Prozentpunkte mehr als bei der vorherigen Wahl.Inwieweit dieser Zuwachs tatsächlich auf enttäuschte Arbeiter zurückgeht, dazu gibt es bislang keine Zahlen. Für die Landtagswahl in
Rheinland-Pfalz wurde aber ermittelt, wie groß die Zustimmung zu verschiedenen Parteien in der Arbeiterschaft ist. Die AfD holte in dieser Gruppe laut Wählerbefragungen durch Infratest Dimap 39 Prozent der Stimmen, die SPD landete mit 21 Prozent weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz. Als Arbeiter gilt dabei nach Auskunft von Infratest, wer sich selbst als solcher einstuft – und nicht als Angestellter, Selbständiger oder Rentner.Stimmzuwächse auch in RüsselsheimZu den hessischen Kommunen, in denen die AfD Kandidaten für den Gemeinderat aufstellte, gehört Rüsselsheim. Als Stammsitz von Opel ist die Gemeinde mit rund 66.000 Einwohnern eine klassische Arbeiterstadt. Die AfD schnitt hier zwar deutlich schlechter ab als CDU und SPD, kam aber doch auf 13 Prozent der Stimmen.Bei der in Rüsselsheim ansässigen Landesgeschäftsstelle der Christlichen Gewerkschaft Metall (CGM) ist man über dieses Ergebnis nicht überrascht. „In vielen Belegschaften – auch bei Opel – kommt es nicht gut an, wenn man auf die AfD schimpft“, sagt CGM-Geschäftsführer Elmar König.Gerade die Beschäftigten in der Autobranche hätten viele Fehler beim Umstieg auf E-Antriebe auszubaden. Für Arbeiter sei völlig klar, dass ein elektrischer Opel Corsa, solange er deutlich teurer sei als der Benziner, keinen Erfolg haben könne, sagt König. Obendrein sei es eine „strategische Dummheit“ gewesen, dass die deutschen Autobauer sich nicht um den Aufbau einer eigenen Batterieproduktion und von Lademöglichkeiten gekümmert hätten. „Da fragen sich bei Opel nicht nur Arbeiter, sondern auch Ingenieure: ‚Warum soll ich mich ändern?‘“, sagt König.Nicht nur das Verbrenner-Aus, auch der CO₂-Preis – der Benzin und Gas verteuert – stoße vor diesem Hintergrund auf Ablehnung. König selbst hält den CO₂-Preis für „das Instrument der Wahl“, um den Klimawandel einzudämmen. Aber viele Menschen, so seine Beobachtung, „leugnen die Notwendigkeit, dass man sich ändern muss, und verweisen auf die Chinesen, die noch Kohlekraftwerke bauen.“ Der Gewerkschafter fügt hinzu: „Leider wird dabei übersehen, dass der Anteil der fossilen Stromerzeugung in China in großen Schritten abnimmt.“Gefühl der BenachteiligungAuch mit dem Versprechen, dafür zu sorgen, dass Arbeit sich wieder lohnen werde, könne die AfD punkten. „Die Arbeitnehmer wollen deutlich mehr Geld im Portemonnaie haben als diejenigen, die nur oder auch vom Staat leben“, sagt König und ergänzt: „Gerade die unteren Einkommensgruppen verspüren Konkurrenzdruck auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt durch Migranten.“ Er selbst glaube allerdings, dass „die Wirtschaftspolitik der AfD zu dauerhafter zweistelliger Inflation und hoher Dauerarbeitslosigkeit führen“ würde.Blick in die Produktion des Opel Astra: Hier wird ein Elektroantrieb auf das Fahrwerk montiert.Frank RöthKönigs Gewerkschaft war nach der Betriebsratswahl bei Opel im vergangenen Jahr eine Zusammenarbeit mit dem AfD-nahen Verein Zentrum vorgeworfen worden. Denn auf der CGM-Liste stellte sich mit Horst Schmitt ein Betriebsrat zur Wiederwahl, der – wie Recherchen verschiedener Medien zeigten – früher dem Bundesvorstand des Zentrums angehört hatte. Die CGM teilte damals mit, Horst Schmitt sei in Rüsselsheim als Angehöriger der Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsräte (AUB) bekannt und auch über diese Gemeinschaft an die christliche Gewerkschaft herangetreten.Diese Darstellung bekräftigte der CGM-Bundesvorsitzende Sebastian Scheder jetzt im Gespräch mit der F.A.Z. Bezüglich der Wahlerfolge der AfD bei Arbeitern teilt er die Analyse seines Gewerkschaftskollegen König: „Wer sich ernsthaft mit der AfD befasst, müsste eigentlich erkennen: Für Arbeiter tun die am wenigsten.“ Aber: „Bei vielen Arbeitern herrscht Frustration: „Mit Schwarz-Rot klappt es nicht, die Industrie wiederzubeleben, mit der Ampel hat es nicht funktioniert. Und wenn die alle keine Antworten auf die Probleme haben, probieren sie es halt mit der AfD.“Auch der Soziologe Andreas Hövermann, Forscher am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, kam in einer Studie zur Bundestagswahl 2025 zu dem Schluss: „Die AfD schaffte es zuletzt, sich bei ihren Wählenden als einziger Heilsbringer zu positionieren.“ Im Gespräch mit der F.A.Z. warnte er aber: „Die Regierungsparteien sollten weder die Politik noch die Sprache der AfD übernehmen.“ CDU und SPD würden davon nicht profitieren, meint Hövermann: „Eher vermitteln sie den Eindruck, die AfD habe schon immer recht gehabt – und die Partei wird als das glaubwürdigere Original wahrgenommen.“Wichtig sei, deutlich zu machen, dass Arbeiter mit ihren Problemen gesehen würden. „Der SPD würde ich deshalb empfehlen, sich weiter für gute Arbeitsbedingungen und gegen eine Verlängerung von Arbeitszeiten einzusetzen“, sagte Hövermann.Der Einsatz für den Erhalt sozialer Errungenschaften verhindert allerdings nicht den Stellenabbau in der Industrie. Die politischen Bemühungen, dagegen anzugehen, kommen nur langsam voran: Zwar will die Bundesregierung rückwirkend zum 1. Januar einen subventionierten Industriestrompreis einführen – Klarheit darüber, welche Unternehmen davon in welchem Umfang profitieren, wird es aber wohl erst im Juni geben. „Auf dem Shop-Floor ist davon noch nichts angekommen“, sagt IG-Metall-Vertreter Sachs. Und für manche Betriebe, wie die zum Jahreswechsel geschlossene Gießerei in Lollar, kommt die Entlastung sowieso zu spät.