6. März 2026Die
Ukraine ist bereit, ihre gewonnenen Erfahrungen bei der Zerstörung iranischer Kamikaze-Drohnen mit den Staaten des Nahen Ostens zu teilen. Für die Hilfe stellt Kyjiw jedoch politische Bedingungen.https://p.dw.com/p/59rlITeile einer Kamikaze-Drohne vom Typ Shahed, mit der Russland immer wieder die
Ukraine angreiftBild: Viacheslav Madiievskyi/Ukrinform/ABACA/picture allianceDie
Ukraine hat ihre Bereitschaft erklärt, die Länder des Nahen Ostens bei der Abwehr iranischer Drohnen zu unterstützen - diese haben oft die Infrastruktur und militärische Einrichtungen in den Golfstaaten zum Ziel. Laut Präsident Wolodymyr Selenskyj verfügt sein Land über sehr viel Erfahrung bei der Drohnenabwehr und ist bereit, diese weiterzugeben. Kyjiw führe bereits Konsultationen mit den USA, Europa und den Ländern in der Umgebung des
Iran, teile er in seinem Telegram-Kanal mit. Der Vorstoß ist jedoch an Bedingungen geknüpft. "Ich schlage Folgendes vor: Die Staats- und Regierungschefs des Nahen Ostens pflegen gute Beziehungen zu den Russen. Sie könnten die Russen um einen einmonatigen Waffenstillstand bitten", so Selenskyj in einem Interview mit Bloomberg. Nach Inkrafttreten eines Waffenstillstands könnte die
Ukraine "die besten Bediener von Systemen zur Drohnenabwehr in die Länder des Nahen Ostens entsenden". "Wir können
Israel auf gleiche Weise helfen", fügte der ukrainische Staatschef hinzu. Ähnlich äußerte sich später Außenminister
Andrij Sybiha in einem Interview mit Reuters. Er sagte, die ukrainischen Streitkräfte würden 90 Prozent der iranischen Shahed-Drohnen abwehren, insbesondere mit im Inland produzierten Abfangdrohnen. "Wir werden nicht alle unsere Einsatzkräfte entsenden können, aber wir werden definitiv einige schicken können, wenn garantiert wird, dass russische Angriffe auf unser Land ausbleiben", so Sybiha.
Ukraine: Neuartige Abfangdrohnen verstärken VerteidigungTo view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video Die arabischen Staaten hätten den Charakter des russisch-ukrainischen Krieges lange ignoriert und nicht erkannt, dass Russland ein wichtiger Verbündeter Irans sei und diesem bei der Verbesserung seiner Drohnentechnologie helfe, sagt
Oleksandr Chara vom ukrainischen Zentrum für Verteidigungsstrategien im DW-Gespräch. Er stellt fest, dass sich die Situation erst geändert habe, als iranische Drohnen, verstärkt durch russische Komponenten, begannen, Ziele in der Golfregion selbst ins Visier zu nehmen. Kyjiw kann laut Chara nicht nur Erfahrungen bei der Abwehr iranischer Drohnen anbieten, sondern auch gut ausgebildete Einsatzkräfte. Die
Ukraine fange jede Nacht Hunderte von Drohnen ab und wisse, wie und womit dies am besten gelinge. Er weist darauf hin, dass die Drohnenabwehr für die wohlhabenden Länder der Region in erster Linie eine Frage der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit sei. "Die Sache ist, dass der Abschuss einer 30.000 Dollar teuren Drohne mit einer Rakete, die mindestens 100.000 Dollar und im Falle eines Patriot-Systems sogar zig Millionen kostet, zu einem aussichtslosen Unterfangen wird. Angesichts dieser Bedrohung durch den
Iran ist es logisch, in ukrainische Fähigkeiten zu investieren", so der Experte. Rauch über Dubai nach einem iranischen Drohnenangriff Bild: Video obtained by Reuters/Handout via REUTERS Chara sieht drei mögliche Szenarien einer Zusammenarbeit zwischen der
Ukraine und den Golfstaaten. Erstens: die Entsendung erfahrener ukrainischer Einsatzkräfte mit Abfangdrohnen, die als Soforthilfe mit dem Schutz von Einrichtungen beginnen können. Zweitens: die Ausbildung von Drohnen-Piloten sowohl in arabischen Ländern als auch in der
Ukraine, was die "militärische Verbundenheit" stärken würde. Drittens: Investitionen arabischen Kapitals in die ukrainische Verteidigungsindustrie zur Massenproduktion von Abfangdrohnen für beide Seiten. Die
Ukraine erwägt die Möglichkeit, eigene Entwicklungen in der Herstellung von Abfangdrohnen an die Golfstaaten zu übergeben, teilte Selenskyj Journalisten am 3. März mit. Kyjiw hoffe im Gegenzug, amerikanische PAC-3-Luftabwehrraketen für das Patriot-System zu erhalten, die für die Stärkung des ukrainischen Luftverteidigungssystems kritisch notwendig sind, so der Präsident. Das Pentagon und die Regierung von mindestens einem der Golfstaaten führten Gespräche über den Kauf von in der
Ukraine hergestellten Abfangdrohnen, berichtete die Financial Times am 5. März unter Berufung auf unbenannte Branchenvertreter in der
Ukraine. Oleh Katkow, Militärexperte und Chefredakteur von Defense Express, betont, dass die Golfstaaten über enorme finanzielle Ressourcen verfügen und sich jede Art von Ausrüstung leisten könnten. Ihnen fehle jedoch, was die
Ukraine besitze: tatsächliche Daten und kampferprobte Algorithmen. "Der Wert liegt allein darin, dass wir auf Basis unserer eigenen Erfahrung beim Aufbau eines geeigneten Luftabwehrsystems helfen können. Es handelt sich um eine außergewöhnliche Menge an Informationen. Außer der
Ukraine verfügt niemand über Daten, wie viele mobile Feuertrupps benötigt werden, wie viel Munition erforderlich ist und welche Ausrüstung tatsächlich funktioniert und welche nicht", so Katkow gegenüber der DW. Präsident Wolodymyr Selenskyj will offenbar aus der militärischen Erfahrung der
Ukraine Kapital schlagen und stellt seinen Partnern Bedingungen. Demnach sollte Russland nicht weiter bei der Umgehung von Sanktionen geholfen werden, stattdessen solle Moskau unter Druck gesetzt werden, den Krieg gegen die
Ukraine zu beenden.Straße von Hormus: Blockade lässt Ölpreise steigenTo view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video
Oleksandr Chara spricht von einer "klassischen Win-Win-Situation". Die Länder des Nahen Ostens würden von den ukrainischen Erfahrungen im Kampf gegen iranische Drohnen profitieren und die
Ukraine eine "Nahost-Koalition" gegen Russland erhalten. Saudi-Arabien könnte, so der Experte, in kürzester Zeit den Ölpreis drastisch senken. "Eine Senkung des Preises auf 20 bis 30 Dollar würde die Rohstoffbasis Russlands, das sein Öl ohnehin schon mit Abschlägen verkauft, sofort untergraben", erläutert Chara. Oleh Katkow hingegen glaubt nicht an einen schnellen Nutzen für die
Ukraine. Seiner Ansicht nach gehen die Gespräche über die Unterstützung von Ländern des Nahen Ostens bei der Drohnenabwehr zwar über eine rein technische Diskussion hinaus. Sollten diese Länder das ukrainische Angebot annehmen, dann rechnet er mit schnellen Entscheidungen zum Abschuss iranischer Drohnen. Was aber politische Entscheidungen angeht, so werden sie selten schnell getroffen, so der Experte. Ihor Semywolos vom ukrainischen Thinktank "Association of
Middle East Studies" (AMES) in Kyjiw hält das Angebot der
Ukraine an die Länder des Nahen Ostens eher für einen diplomatischen Schachzug Selenskyjs und weniger für einen konkreten Plan für die nahe Zukunft. "Die Idee, wonach die Scheichs den Krieg in der
Ukraine durch Druck auf Russland beenden sollen, wirkt momentan etwas utopisch. Natürlich haben sie Einfluss auf Russland, aber sie verfolgen auch ihre eigenen Interessen", so der Experte gegenüber der DW. Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk