Hunderte Bewerbungen hat
Simon Czerwinski geschrieben – niemand will ihn einstellen. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt spitzt sich für Menschen mit Behinderung weiter zu. Dabei könnten Unternehmen auch finanziell profitieren.
Simon Czerwinski will arbeiten. Als er fünf Jahre alt war, ist er im Auto mit seiner Familie schwer verunglückt. Der Vater und die Tante starben. Der Junge konnte wiederbelebt werden. Seither hat er eine schwere Behinderung. Und kämpft um ein normales Leben. Die Schäden an den Nerven sorgen dafür, dass die Beweglichkeit seiner rechten Hand eingeschränkt ist. Auch sein Gang und seine Sprache sind schwerfälliger. Nicht aber sein Geist.Der inzwischen 33 Jahre alte Mann hat eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen, Praktika absolviert und sogar erste Festanstellungen gefunden. Doch immer nur befristet, wie er berichtet. Inzwischen erhält er eine Rente wegen hundertprozentiger Erwerbsminderung. Doch er will kein Rentner sein, sondern noch viele Jahre arbeiten. Er fühlt sich aussortiert.Darüber, dass
Simon Czerwinski mit der Rente, die, wie er sagt, „hinten und vorne nicht reicht“, als versorgt gilt, dürften die Jobvermittler froh sein. Denn so geht sein Fall nicht mehr in die Statistik für Arbeitslose mit Behinderung ein – und die sieht nicht besonders gut aus. Diese Klienten der Jobcenter und Arbeitsagenturen bleiben deutlich länger ohne neue Chance als andere Arbeitslose.„Der Missstand verfestigt sich“Zahlen der Regionaldirektion der
Bundesagentur für Arbeit belegen das: 12.000 Menschen mit Behinderung waren 2025 in
Hessen im Schnitt arbeitslos gemeldet, allerdings gab es Zu- und Abgänge, mehr als 22.000 wurden an Arbeitgeber vermittelt. Dennoch: „Sowohl mit Blick in den Bestand als auch darauf, wie lange es bis zur Vermittlung dauert, liegt diese Gruppe über dem Durchschnitt“, teilt ein Sprecher der Arbeitsagenturen auf Anfrage der F.A.Z. mit. Diejenigen, die aktuell arbeitslos sind, sind es im Durchschnitt seit 650 Tagen, während es bei der Gesamtheit aller Arbeitslosen rund 500 Tage sind.Nach einer Analyse der Organisation
Aktion Mensch verschlechtert sich die Lage für ihre Klientel aktuell auch noch durch die diversen Krisen, die zunehmend zu Stellenstreichungen führen und den Arbeitsmarkt ganz allgemein belasten. Nach Studien der Organisation lag die Arbeitslosenquote bei Menschen mit Behinderung 2025 bei rund neun Prozent, insgesamt lag die Quote in
Hessen knapp unter sechs Prozent.„Der Missstand verfestigt sich weiter; wir sehen uns mit einem drastischen Rückschlag für die Inklusion auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert“, sagt Christina Marx, Sprecherin von
Aktion Mensch. Sie zeigt sich besorgt: „Es ist zu befürchten, dass es viele Jahre dauern und massive Anstrengungen erfordern wird, um diese Krise zu überwinden.“ Angesichts der Konjunkturschwäche hätten Menschen mit Behinderung es noch schwerer, aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen. Die besorgniserregende Lage spiegele sich auch in der Beschäftigungsquote.Vorgeschriebene Quote verfehltGesetzlich sind alle Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen mit mindestens 20 Arbeitsplätzen verpflichtet, Schwerbehinderte zu beschäftigen. Bei 60 und mehr Mitarbeitern muss der Anteil der Schwerbehinderten mindestens fünf Prozent betragen, andernfalls hat der Arbeitgeber eine Ausgleichsabgabe zu zahlen.Doch laut einem Bericht von
Aktion Mensch ist der Abstand zum vorgeschriebenen Fünf-Prozent-Anteil im vergangenen Jahr gewachsen: Mit 4,7 Prozent sei die Quote in
Hessen auf den niedrigsten Stand seit der ersten Ausgabe des Inklusionsbarometers im Jahr 2013 gesunken. Und das, obwohl die Anzahl an Unternehmen, die unter die Beschäftigungspflicht fallen, auf nunmehr 13.352 gestiegen sei – und damit auch die Anzahl der zu besetzenden Arbeitsplätze.Konkret bedeutet das nach Darstellung der Organisation, dass in
Hessen trotz Verpflichtung mehr als jedes vierte Unternehmen keinerlei Menschen mit Behinderung beschäftigt, weitere 33 Prozent hätten weniger Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten besetzt als vorgeschrieben.„Unternehmen verzichten auf Potential“Rainer Durth sieht darin einen großen Fehler, nicht nur mit Blick auf die Betroffenen, die wie er selbst mit einer Behinderung leben, sondern auch mit Blick auf den demographischen Wandel und den Fachkräftemangel. „Unternehmen verzichten auf ein riesiges Potential“, sagt er. Sie ließen das Potential von bis zu drei Millionen oft überdurchschnittlich gut ausgebildeten Schwerbehinderten links liegen.Durth, der selbst durch eine Erkrankung in seiner Mobilität eingeschränkt ist und bei einer großen Bank unter anderem in einem Inklusionsprojekt arbeitet, hält die Behindertenpolitik für „komplett falsch“ und hat das in einem kürzlich erschienenen Buch dargelegt. Bilder von Menschen mit angeborenen Behinderungen prägten die allgemeine Wahrnehmung. Dabei kämen die Einschränkungen bei den meisten erst im Laufe ihres Berufslebens, durch Unfälle, berufsbedingte Belastungen oder Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Diabetes oder auch Krebs.Nach Erkenntnissen der Hertie-Stiftung, die dazu im vergangenen Jahr zusammen mit der hessischen Multiple-Sklerose-Gesellschaft eine Veranstaltung in der IHK organisiert hat, scheuen sich viele Beschäftigte mit solchen Erkrankungen sogar, den Schwerbehindertenstatus zu beantragen und den Arbeitgeber zu informieren, weil sie Diskriminierung fürchten. Insofern ist die Quote der Beschäftigten mit einer Behinderung möglicherweise höher als bekannt – nur dass sie nicht als solche zählen.„Unheimlich vorurteilsgetrieben“Durth kann verstehen, dass viele den Schritt hinauszögern: „Es gibt viel Unkenntnis.“ Auf der anderen Seite werde nicht ausreichend beachtet, welche Potentiale durch die Beschäftigung von Menschen mit Schwerbehindertenstatus gehoben werden könnten, kritisiert der promovierte Finanzfachmann im Gespräch mit der
F.A.Z.Einwände von der Arbeitgeberseite, dass Schwerbehinderte häufiger ausfielen, weist er entschieden zurück. Die Kosten, die dadurch entstünden, seien zudem in der Regel geringer als die Ausgleichszahlungen, die Unternehmen leisten müssten, wenn sie ihre Quote nicht erfüllten. „Das ist alles unheimlich vorurteilsgetrieben“, sagt Durth sichtlich verärgert. Auch die Befürchtung, dass man Beschäftigte mit Behinderung nicht kündigen könne, sei Unfug. Durch Einbeziehung entsprechender Stellen sei das durchaus möglich.Trotz des sich verschlechternden Arbeitsmarkts sieht Durth im demographischen Wandel „eine Chance für uns“. Die wird inzwischen auch dort erkannt, wo der Fachkräftemangel besonders groß ist: im Handwerk. So hat die Kammer Wiesbaden eine eigene Fachberaterin für Inklusion berufen, die den Mitgliedsbetrieben Hilfe bei der Beantragung von Fördermöglichkeiten oder Zuschüssen für die Gestaltung des passenden Arbeitsplatzes anbietet. „Inklusion ist keine Nebensache, sondern eine Zukunftsfrage des Handwerks“, begründet ein Sprecher der Kammer das Angebot.Auch bei den Arbeitsagenturen wünscht man sich solche Erkenntnisse und versucht, mit Inklusionsmessen dafür zu werben, wie im vergangenen November in Frankfurt unter dem Motto „Talente sichtbar machen“. Das scheint kein leichtes Unterfangen zu sein. „Wenn wir es schaffen, dass der Arbeitsmarkt offener für Menschen mit Einschränkungen wird, können wir viel erreichen“, sagt Sören Kaffenberger, Teamleiter Rehabilitation und Teilhabe der Arbeitsagentur Darmstadt. Auch bei ihm und seinen Kollegen finden Arbeitgeber Beratung zu den verschiedenen Fördermöglichkeiten wie Einstellungs- oder Ausbildungsprämien und Erstattungen für höheren Aufwand.Ihm sei wichtig, „das konkrete Potential, das in der Beschäftigung von Menschen mit Einschränkungen besteht, zu vermitteln“, so Kaffenberger. Denn es sei erwiesen, dass Diversität ganz generell das Klima im Team verbessern könne. Das müsse bekannter werden, denn: „Wir brauchen die Arbeitgeber.“Unkenntnis, Ignoranz und AblehnungDa scheint aber noch viel Überzeugungsarbeit nötig zu sein. Das hat auch das Unternehmen Softgarden, das digitale Personalgewinnung für Unternehmen anbietet, in einer Umfrage unter 5500 Bewerbern, darunter fast 600 mit Behinderung, festgestellt. So sei beispielsweise einem Ingenieur in einem Vorstellungsgespräch eine Behindertenwerkstatt als passender Arbeitsplatz empfohlen worden. Ein anderer, durchaus erwachsener Bewerber sei nach dem Wohnort seiner Eltern gefragt worden. Viele hätten von „abwertenden Blicken“ gesprochen.Bei den Fachleuten von Softgarden, die auch Beratung zum Thema Barrierefreiheit im Bewerbungsprozess anbieten, heißt es, dass Bewerbern mit Behinderung oft Unkenntnis, Ignoranz und Ablehnung entgegengebracht wird. „Mikroaggression“ nannten das die Teilnehmer des F.A.Z.-Corporate-Diversity-Summit kürzlich bei einem Panel zum Thema Inklusion. Sie forderten mehr Verständnis füreinander, um eine Win-win-Situation für alle zu schaffen.
Simon Czerwinski hofft nach diversen Weiterbildungen immer noch auf einen festen Arbeitsplatz. 347 Bewerbungen habe er schon geschrieben, viele Ablehnungen erhalten oder gar nichts gehört. Doch er will weitermachen, statt mit 33 Jahren Rentner zu sein, sagt er: „Ich suche nach der passenden Lücke für mich.“