NEWSAR
Multi-perspective news intelligence
SRCFAZ
LANGDE
LEANCenter-Right
WORDS791
ENT8
THU · 2026-04-09 · 14:46 GMTBRIEF NSR-2026-0409-60562
News/Wehrpflichtdebatte: Wer steckte das Volk in Waffen?
NSR-2026-0409-60562Analysis·DE·National Security

Wehrpflichtdebatte: Wer steckte das Volk in Waffen?

Die Debatte um die Wehrpflicht in Deutschland ist neu entfacht, begleitet von Protesten Jugendlicher gegen eine mögliche Wiedereinführung. Der Historiker Till van Rahden stellt die gängige Erzählung in Frage, wonach die Wehrpflicht eine Errungenschaft der Demokratie sei.

FAZFiled 2026-04-09 · 14:46 GMTLean · Center-RightRead · 4 min
Wehrpflichtdebatte: Wer steckte das Volk in Waffen?
FAZFIG 01
Reading time
4min
Word count
791words
Sources cited
1cited
Entities identified
8entities
Quality score
100%
§ 01

Briefing Summary

AI-generated
NEWSAR · AI

Die Debatte um die Wehrpflicht in Deutschland ist neu entfacht, begleitet von Protesten Jugendlicher gegen eine mögliche Wiedereinführung. Der Historiker Till van Rahden stellt die gängige Erzählung in Frage, wonach die Wehrpflicht eine Errungenschaft der Demokratie sei. Er argumentiert, dass Preußen eine ebenso bedeutende Rolle bei der Massenaushebung spielte wie das revolutionäre Frankreich, das oft als Ursprung genannt wird. Van Rahden betont, dass viele Demokratien die Wehrpflicht nach Kriegen wieder abschafften. Die Debatte findet vor dem Hintergrund eines möglichen Beschlusses des Bundestages statt, die Wehrpflicht in Form einer "Bedarfswehrpflicht" wieder einzuführen, falls die angestrebte Zahl freiwilliger Wehrdienstleistender nicht erreicht wird.

Confidence 0.90Sources 1Claims 5Entities 8
§ 02

Article analysis

Model · rule-based
Framing
National Security
Political Strategy
Tone
Measured
AI-assessed
CalmNeutralAlarmist
Factuality
0.60 / 1.00
Mixed
LowHigh
Sources cited
1
Limited
FewMany
§ 03

Key claims

5 extracted
01

Theodor Heuss considered conscription a legitimate child of democracy.

quoteTheodor Heuss
Confidence
1.00
02

The Bundestag might decide on a form of conscription if 20,000 volunteers are not reached this year.

factualnull
Confidence
0.90
03

Historian Till van Rahden argues the narrative of conscription as a democratic achievement is a myth.

quoteTill van Rahden
Confidence
0.90
04

Around 50,000 youths protested against the potential reintroduction of conscription in approximately 150 cities.

statisticnull
Confidence
0.90
05

Many older parliamentary democracies only used conscription in emergencies and abolished it after wars.

factualTill van Rahden
Confidence
0.80
§ 04

Full report

4 min read · 791 words
Die Wehrpflicht gilt als demokratische Errungenschaft. Der Historiker Till van Rahden entlarvt diese nicht nur von Theodor Heuss gepflegte Erzählung als Mythos. Preußen war für die Massenaushebung wichtiger als Frankreich.Vom Beginn einer neuen, jungen und breiten Friedensbewegung ist bereits die Rede: Rund 50.000 Jugendliche sollen Anfang März in etwa 150 Städten gegen die derzeit diskutierte Wiedereinführung einer Wehrpflicht in Form einer sogenannten Bedarfswehrpflicht protestiert haben, die der Bundestag beschließen könnte, sollte die für dieses Jahr angestrebte Zahl von 20.000 freiwillig Wehrdienstleistenden nicht erreicht werden. Infolge der Schülerproteste gegen das im Dezember vom Bundestag beschlossene Wehrdienstmodernisierungsgesetz scheint die Tradition des Schulstreiks nun von der Klimapolitik auf die Sicherheitspolitik übertragen zu werden.Diesen Protesten steht die weitverbreitete Auffassung entgegen, bei der Wehrpflicht handele es sich um eine genuin demokratische Pflicht. Der Historiker Till van Rahden weist im „Merkur“ (Heft 922, 2026) darauf hin, dass dabei in aller Regel historisch argumentiert wird. Stets heißt es, dass die Wehrpflicht in ihrer modernen Form zuerst im revolutionären Frankreich im Jahr 1793 eingeführt worden sei. In der jungen Bundesrepublik berief sich bereits Theodor Heuss auf seine geschichtliche Kenntnis, nach der die „Wehrpflicht ein legitimes Kind der Demokratie“ sei. Diese Formel machte zwar Schule – so dürfte nicht nur van Rahden ihr zuverlässig begegnet sein, wenn er in bundesrepublikanischen Lexika oder in Reden von Politikern zum Verhältnis von Bundeswehr und demokratischem Staat blätterte. Doch umfasst diese Formel nach seiner Ansicht allenfalls die halbe Wahrheit.Nach Kriegsende in Demokratien meist wieder abgeschafftDer Professor für German und European Studies an der Universität Montreal fragt nach dem Verhältnis zwischen der allgemeinen Wehrpflicht und der Geschichte der Demokratie als Herrschafts- und Lebensform. Dabei zeigt sich ihm ein widersprüchliches Bild in Form einer Geschichte, in der Autokratien mindestens so wichtig gewesen seien wie Demokratien. Viele der ältesten parlamentarischen Demokratien hätten auf die allgemeine Wehrpflicht nur in Notlagen zurückgegriffen und sie nach dem Ende eines Krieges meist wieder abgeschafft.Paragraph 11 des Reichsmilitärgesetzes vom 2. Mai 1874 bestimmte: „Personen, welche das Reichsgebiet verlassen, die Reichsangehörigkeit verloren, eine andere Staatsangehörigkeit aber nicht erworben oder wieder verloren haben, sind, wenn sie ihren dauernden Aufenthalt in Deutschland nehmen, gestellungspflichtig und können nachträglich ausgehoben, jedoch im Frieden nicht über das vollendete 31. Lebensjahr hinaus im Dienst zurückgehalten werden.“Vestes BellicaDaraus folgert van Rahden, dass für die Wiedereinführung der Wehrpflicht sicherheits- und verteidigungspolitische, technologische, vielleicht auch gesellschaftspolitische Argumente sprechen mögen. Historisch dagegen sei sie kaum zu begründen. Er macht die tatsächliche Entwicklung deutlich: Während Frankreich die Konskription 1815 abschaffte, hielt Preußen – „das war ganz neu“ – an der allgemeinen Wehrpflicht auch in den langen Friedenszeiten fest, die bis 1914 auf die Napoleonischen Kriege folgten. Am Vorbild des autokratischen Preußens – und nicht etwa an dem der französischen „levée en masse“ vom 23. August 1793 – hätten sich in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts auch die meisten anderen europäischen Monarchien orientiert. Zuerst führten die übrigen deutschen Staaten eine dauerhafte und auch in Friedenszeiten geltende Wehrpflicht ein, 1849 dann Dänemark, Österreich-Ungarn 1868, Russland 1874, Frankreich 1889, 1873 beziehungsweise 1910/12 das Osmanische Reich. Wer die allgemeine Wehrpflicht um 1900 umgesetzt habe, habe sich an dem fünfhundertseitigen Handbuch „Das Volk in Waffen“ von Colmar von der Goltz orientiert, das 1883 auf Deutsch erschienen sei, 1884 auf Französisch, 1887 auf Japanisch, Türkisch und Englisch sowie 1904 auf Serbisch.Rotteck warnte vor der Dämonie der MachtVon Parlamentarismus, Demokratie oder Volkssouveränität sei darin nicht die Rede, stellt van Rahden fest. Dem preußischen General sei es vielmehr nach eigener Aussage um die „vollständige Verflechtung des militärischen Lebens mit dem Volksleben“ gegangen. Die „Konskription“ stellte laut von der Goltz Menschenmassen zur Verfügung, um im Notfall verschwenderisch mit ihnen umgehen zu können. Das Zeitalter der allgemeinen Wehrpflicht habe seinen Höhepunkt im Ersten Weltkrieg gefunden, als im Frühjahr 1916 sogar Großbritannien als Mutterland der parlamentarischen Demokratie dem preußischen Vorbild gefolgt sei.Man schlage in Band 7 unter Heerwesen nach: Das Staatslexikon, herausgegeben von Karl von Rotteck und Karl Theodor Welcker.Walter R. SchadenDie frühen Liberalen, vor allem im Südwesten Deutschlands, lehnten die allgemeine Wehrpflicht nach der Darstellung van Rahdens ab. Ihr Ideal war der freie Bürger in Waffen gewesen, der nach dem Vorbild der revolutionären Milizionäre des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs oder des helvetischen Milizsystems notfalls sein Land gegen autokratische Angreifer verteidigt.Den Ton gab der von Theodor Heuss verehrte Liberale Karl von Rotteck vor: Die „fürchterliche Konscription“, die „das nachwachsende Geschlecht regelmäßig und unausweichlich dem Kriegsgott“ widme, sei ein Kind des „Dämons der Napoleon’schen Tyrannei“. Im Wehrdienst, der auch im Frieden gilt, sah der Freiburger Jurist ein Übel; stattdessen forderte er einen nationalen Kriegsdienst, der nur im Falle eines Verteidigungskriegs verpflichtend sein sollte. Für das heutige Deutschland und die Wiedereinführung einer Wehrpflicht stellt sich somit die Frage, ob man sich weiterhin im Frieden befindet. Eine Frage, die sich auch eine neue, junge und breite Friedensbewegung stellen sollte.
§ 05

Entities

8 identified
§ 06

Keywords & salience

10 terms
wehrpflicht
1.00
wehrpflichtdebatte
0.90
bedarfswehrpflicht
0.70
demokratie
0.70
theodor heuss
0.60
friedensbewegung
0.60
bundeswehr
0.50
till van rahden
0.50
schülerproteste
0.50
reichsmilitärgesetz
0.40
§ 07

Topic connections

Interactive graph
No topic relationship data available yet. This graph will appear once topic relationships have been computed.