Auf den Inseln der Straße von
Hormus gelten Winde als Unheilsboten. Fotografin
Hoda Afshar macht sichtbar, wie alte Handels- und Machtverhältnisse bis heute nachwirken.Die karge Landschaft der Inseln Qeschm,
Hengam und
Hormus scheint unwirklich. Trocken, staubig und durchzogen mit sonderlich geformten Felsformationen erinnert die Szenerie an die lebensfeindlichen Oberflächen fremder Planeten. Dabei liegen die Inseln im Persischen Golf an einem wirtschaftlich und politisch stark umkämpften Ort, nämlich direkt in der Straße von
Hormus. Seit dem Irankrieg dominieren die Entwicklungen in der Meerenge die mediale Berichterstattung, und ihre Blockade diktierte die Ölpreise weltweit. Jenseits von wartenden Öltankern und Satellitenaufnahmen ist aber wenig darüber bekannt, wie das Leben an diesem Ort aussieht. Das Fotobuch „Speak The Wind“ der iranisch-australischen Fotografin
Hoda Afshar ermöglicht einen Einblick: Ihr bereits 2021 veröffentlichtes Fotoprojekt beschäftigt sich mit spirituellen Überzeugungen auf den Inseln, die stark von jahrhundertelangem wirtschaftlichem und kulturellem Austausch an der Seestraße beeinflusst sind. Im Fokus stehen dabei Winde in Form ihrer geologischen und spirituellen Kraft: Sie verliehen den Sandsteinfelsen auf den Inseln über die Jahrtausende ihre bizarre Gestalt und prägen als spirituelles Konzept bis heute das Weltbild der Inselbewohner.Courtesy
Hoda Afshar / MACKCourtesy
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Hoda Afshar / MACKDas Projekt entstand in Zusammenarbeit mit Einheimischen, die Afshar durch wiederholte Besuche auf den Inseln kennenlernte und die ihr von den Winden erzählten. Die Winde werden als gefährlich oder bösartig angesehen und sind in der Lage, Besitz von Menschen zu ergreifen und sie krank zu machen. Um die Besessenen von den Winden zu heilen, werden schamanische Rituale mit Weihrauch, Musik und Tanz durchgeführt. In ihnen wird mit den Winden auf Swahili, Arabisch oder Farsi gesprochen und deren Austritt aus dem erkrankten Körper verhandelt.Ähnliche Überzeugungen existieren in einigen ostafrikanischen Gesellschaften und sind mutmaßlich durch den arabischen Sklavenhandel in den Süden Irans gelangt. Das erklärt auch der Anthropologe
Michael Taussig im Begleittext zum Buch: „Die Sklaverei wurde in
Iran erst spät im Jahr 1929 offiziell abgeschafft, und es gibt starke rassistische Vorurteile gegenüber Menschen afrikanischer Herkunft, von denen viele auf die südlichen Inseln abwanderten. Da überrascht es nicht, dass es dort nun spirituelle Vermittler gibt, die den Winden aus Afrika eine Stimme verleihen.“Er warnt allerdings davor, das Phänomen falsch zu verstehen: „Es liegt nahe, diese Ereignisse medizinisch zu deuten — als etwas, das Körper und Seele heilen soll. Aber was wäre, wenn wir Ursache und Wirkung umdrehen und diese Winde der Geschichte als Kräfte begreifen, die menschliche Krankheit für sich nutzen, um die Geschichte von Sklaverei, Grausamkeit und Willkür fortzuschreiben?“Courtesy
Hoda Afshar / MACKHoda Afshar aus „Speak The Wind“ (MACK, 2021)Courtesy
Hoda Afshar / MACKCourtesy
Hoda Afshar / MACKHoda Afshar dokumentiert mit ihrer Fotostrecke die Spuren der Winde auf den Inseln und bei den Betroffenen. Diese Aufgabe ist nicht leicht, denn sie versucht damit, Unsichtbares sichtbar zu machen. Dennoch gelingt es ihr, indem sie drei unterschiedliche visuelle Ebenen eröffnet: Die abstrakte, vom Wind geformte Sandsteinlandschaft wird zum Teil in Schwarz-Weiß gezeigt, so wie auch die Sequenz mit einer verhüllten, sich windenden Gestalt, die besessen zu sein scheint.Im Kontrast dazu stehen die Farbfotografien mit den bunten Gewändern der Inselbewohner, türkisblauem Meer und leuchtend rotem Sand (bedingt durch einen hohen Eisenoxidanteil). Zwischen den Fotografien befinden sich schließlich Zeichnungen mit Beschreibungen von Einheimischen, die von ihren schauderhaften Begegnungen mit den Windgeistern und dem Gefühl der Besessenheit berichten.Durch diese Kombination gelingt es
Hoda Afshar, sowohl die Schönheit der Inseln und ihrer Bewohner zu zeigen als auch scheinbar lauernde Gefahr durch die Winde spürbar zu machen. Die Winde selbst werden in flatternden Stoffen oder in den Rundungen und Kanten der Felsen sichtbar. Die poetische Bildsprache wirkt dabei nicht kitschig, sie erleichtert vielmehr den Zugang zu dieser schwer greifbaren Lebensrealität.Courtesy
Hoda Afshar / MACKHoda Afshar bringt durch ihre Arbeit Aufmerksamkeit auf ein Phänomen, das vermutlich viele als Aberglauben abtun würden. Ihre Fotografien verleihen diesem komplexen Geflecht aus Schmerz, Vergangenheitsbewältigung und kulturellem Gedächtnis eine ernsthafte und angemessene Aufmerksamkeit.
Hoda Afshar wurde 1983 in Teheran geboren und emigrierte 2007 nach Australien. Sie studierte Fotografie in
Iran und Australien, arbeitete als Fotojournalistin und unterrichtete Fotografie an einem College in Melbourne. In ihrer Fotografie interessiert sie sich für Theater, Machtstrukturen und die politische Dimension von Bildern und dem, was sichtbar ist. Aktuell ist sie Stipendiatin des DAAD im Künstlerhaus Bethanien.„Speak The Wind“ ist 2021 bei MACK erschienen und umfasst 168 Seiten.Courtesy
Hoda Afshar / MACK.
Hoda Afshar aus „Speak The Wind“ (MACK, 2021)Courtesy
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Hoda Afshar / MACK