Pistole, Gewehr, Flinte und Bogen: Etwa 95.000 Menschen sind allein in
Hessen Mitglied in einem Schützenverein. Sportler des
SV Kriftel erklären, was ihnen an dem Hobby gefällt.
Lukas Mühlhofer hebt das Luftgewehr,
Mario Hoss packt seine Pistole aus – die beiden trennen fast 50 Jahre Altersunterschied, was sie verbindet, ist der Schützenverein. Der 59 Jahre alte Hoss ist eines der ältesten aktiven Mitglieder im
SV Kriftel, der zwölfjährige Lukas eines der jüngsten. Etwa dreimal die Woche sind beide auf dem Vereinsgelände im
Main-Taunus-Kreis.Was fasziniert sie – und alle anderen – am Schießen? Immerhin sind etwa 95.000 Menschen Mitglied in einem der rund 1000 Schützenvereine Hessens. Seit der Corona-Pandemie verzeichnet der
hessische Schützenverband eine stetig wachsende Nachfrage, wie Verbandssprecher
Lutz Berger berichtet – besonders bei jungen Menschen. Ein Grund könnte sein, dass es neue Wettbewerbe gebe, die für Kinder und Familien attraktiv seien, wie Lichtschießen oder Blasrohrschießen.Bei
Lukas Mühlhofer und
Mario Hoss liegt das Hobby jeweils in der Familie: Hoss' Eltern nahmen den Sohn schon als Kleinkind mit in den Verein, inzwischen ist auch sein eigener erwachsener Sohn dabei. Bei Lukas war der Großvater Schütze, die Mutter ist gerade neu in den Verein eingetreten. Seine Eltern fördern sein Interesse – „wegen der Konzentration“, wie
Nina Mühlhofer sagt. Lukas komme hier zur Ruhe, lerne, sich zu fokussieren. Sie findet es gut, „dass da so eine Ruhe im Kopf herrscht“.Fokussiert:
Lukas Mühlhofer (vorn) trainiert mehrmals die Woche mit dem Luftgewehr.dpaNach Karate habe er „eher etwas Ruhiges gesucht“, berichtet ihr Sohn. Mit dem Luftgewehr zu schießen, fand er „erst ziemlich schwer“. Inzwischen hat das Schießen fast eine Lieblingsbeschäftigung verdrängt: Rasenmähen. Lukas sammelt Rasenmäher und informiert darüber in einem eigenen Youtube-Kanal.Die Mitgliederzahlen beim
SV Kriftel seien seit Jahrzehnten weitgehend konstant, berichten die Älteren im Verein. Der Verein sei wegen seines breiten Angebots attraktiv. Angeboten wird Luftpistole, Sportpistole, Schnellfeuerpistole, Großkaliber, Kleinkaliber, Vorderlader und Bogenschießen.Letzteres betreibt
Harald Ziemer seit mehr als 30 Jahren. Der 47 Jahre alte Informatiker entdeckte mit 14 Jahren den Bogensport. Auf dem Vereinsgelände stehen nicht nur Zielscheiben, es gibt auch einen „3D-Parcours“, bei dem man im Wald auf Tier- und andere Figuren schießen kann.
Harald Ziemer ist Bogenschütze im Schützenverein
SV Kriftel.dpaBogenschießen dürfen schon Kleinkinder. Lichtschießen mit Laser darf man von sechs Jahren an. Waffen, die mit Luftdruck betrieben werden, sind schon Zwölfjährigen erlaubt. Wer wie
Mario Hoss Schusswaffen wie Pistolen mit zum Training bringt, braucht dafür eine Waffenbesitzkarte.Am Schießstand gilt „Sicherheit vor allem“, sagt Hoss, als er seine Sportpistole aus seinem gesicherten Koffer holt. Die Vorbereitungen nehmen einiges an Zeit in Anspruch: Gehörschutz und eine spezielle Brille aufsetzen, das Fernrohr für die Einschusslöcher aufbauen, eine rutschfeste Matte und eine Erhöhung für die Waffe positionieren.Nachdem die Vereinskollegen an den benachbarten Schießständen ihre Waffen gesichert und abgelegt haben, betritt Hoss die Schießbahn und steckt seine Zielscheibe vor den Kugelfang. Erst dann befüllt er sein Magazin mit Patronen und lädt seine Waffe.Leistungszentrum im Schwanheimer WaldHoss stellt sich seitlich zur Bahn, hebt den rechten Arm – und wieder dauert es für Außenstehende vergleichsweise lange, bis er schießt. Aber genau diese Momente sind entscheidend, wie er später erklärt, und genau diese Momente sind ihm am wichtigsten. „Egal, was vorher war: Ich komme immer runter, wenn ich hier drin bin“, sagt der Elektromeister, der gerade für 50 Jahre Mitgliedschaft im
SV Kriftel geehrt wurde. „Dass man ausschließlich mit sich selbst ist, sich auf das Wesentliche konzentrieren muss – das ist doch gerade heute wichtig.“Hoss war zweimal deutscher Meister in einer der vielen Disziplinen dieses Sports. Ein Mitglied des
SV Kriftel hat auch schon eine Olympiamedaille gewonnen. Im Schwanheimer Wald bei Frankfurt gibt es ein Leistungszentrum mit zwei Schießhallen und rund 100 Schießständen.Die Technik hat sich verändert seit Gründung des hessischen Schützenverbandes. Neu sind zum Beispiel elektronische Zielscheiben. Vor einer solchen steht auch der zwölfjährige Lukas. Er trägt einen mit Streben verstärkten Anzug, der seinen Rücken entlastet und ihm hilft, die schwere Waffe ruhig zu halten.Aus einer Metalldose nimmt er kleine, runde Metallteile, die „Diabolos“ heißen, und lädt damit das Luftgewehr. Im Ziel passiert das Projektil eine Lichtschranke, statt real in eine Scheibe einzuschlagen. Das Ergebnis kann Lukas in Echtzeit auf die Kommastelle genau auf einem Display neben sich ablesen.Dass manche Menschen dieses Hobby kritisch sehen, weiß auch der Sprecher des hessischen Schützenverbands,
Lutz Berger. Es gebe aber „sehr, sehr strenge Regeln“, um zu verhindern, dass die Mitglieder ihre Waffen unsachgemäß einsetzten. Bevor man eine Waffenbesitzkarte überhaupt beantragen dürfe, müsse man seit mindestens einem Jahr Mitglied in einem Schützenverein sein und mindestens ein Jahr mit einer vereinseigenen Waffe trainiert haben. Neue Mitglieder würden genau überprüft. „Aber natürlich kann man niemandem in den Kopf schauen.“An diesem Wochenende wird in Usingen im Taunus der 75. Hessische Schützentag abgehalten. Zum Programm gehören ein Festumzug (Beginn um 15.30 Uhr am Bahnhof Usingen) und ein Ball. Am Sonntag wird auch Ministerpräsident Boris Rhein erwartet.