Eine neue Richtlinie könnte dafür sorgen, dass internationale Banken mehr Stellen und Vermögenswerte in die Europäische Union verlegen müssen.
Frankfurt hofft, davon besonders profitieren zu können.Die europäische Bankenregulierung gilt häufig als technisches Detail, und doch lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Die neue Eigenkapitalrichtlinie
CRD VI könnte nämlich konkrete Folgen für
Frankfurt haben und der Stadt Hunderte neue Jobs in der Finanzbranche bescheren.Die Richtlinie ist ein zentraler Bestandteil des Bankenpakets der Europäischen Union. Als sechste Überarbeitung der Capital Requirements Directive (CRD) soll sie die Finanzstabilität innerhalb der EU stärken. Das Ziel ist, vereinfacht gesagt: Banken sollen stabiler werden und Risiken besser kontrollierbar sein. Als wichtiger Aspekt gilt die Harmonisierung des aufsichtsrechtlichen Rahmens für Zweigstellen aus Drittstaaten. Das klingt kompliziert, bedeutet aber vor allem, dass Institute zum Beispiel aus Ländern wie den USA, Großbritannien und
Japan noch mehr Funktionen und Kapital in die EU verlagern müssen.
CRD VI: Warum Banken Kapital nach
Frankfurt verlagern müssenBisher konnten diese Banken ihr EU-Geschäft relativ schlank organisieren, und zwar in Form einer kleinen Niederlassung, die aber zentral gesteuert wurde, bei vielen Banken zum Beispiel aus
London heraus. Das Kapital aber, das die Bankenaufseher zur Absicherung von Risiken betrachten, war zum Teil außerhalb der EU gebunden.
CRD VI sieht nun vor, dass etwa die Kreditvergabe in der Europäischen Union von den vergebenden Instituten mit Kapital abgesichert werden muss, das in der EU liegt und nicht bei der Muttergesellschaft außerhalb der Union. Banken müssen deshalb zum Beispiel in Deutschland, wo der mit Abstand wichtigste Finanzplatz in
Frankfurt liegt, eigenständige Tochtergesellschaften aufbauen und diese mit Kapital ausstatten, das auch vor Ort liegt.Für
Frankfurt könnte diese Entwicklung positive Folgen haben. Die Regelung, sagt
Oliver Behrens, Präsident der Finanzplatzinitiative
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Frankfurt Main Finance, sei „die nächste Chance, weitere Assets und hochrangige Arbeitsplätze anzulocken“. Behrens erinnert dabei an die Entscheidung der Briten 2016, die Europäische Union zu verlassen, und sagt,
CRD VI könne für
Frankfurt eine Art „kleiner Brexit“ sein.Damals wurden laut der Finanzplatzinitiative rund 2,5 Milliarden Euro an Banking Assets nach
Frankfurt verlagert. Um weiterhin Geschäft innerhalb der EU machen zu dürfen, mussten viele internationale Banken Abteilungen und Mitarbeiter aus
London abziehen und in Städte innerhalb der EU verlagern, die meisten zog es damals nach Paris, Luxemburg und eben nach
Frankfurt.Im Zuge des Brexits nahezu 10.000 Stellen bei Banken entstandenRund 60 Institute, vor allem aus den USA und aus Asien, siedelten sich im Zuge des Brexits neu am Finanzplatz an oder erweiterten ihre Dependancen in
Frankfurt. Etwa 9500 zusätzliche Arbeitsplätze sind direkt in der Finanzindustrie entstanden – viele weitere durch den Multiplikatoreneffekt indirekt bei Kanzleien oder in Unternehmensberatungen.
CRD VI hat nun laut Behrens „das Potential für rund 1000 zusätzliche Stellen in der EU“. Der Präsident der Finanzplatzinitiative, der zugleich Vorstandsvorsitzender des Onlinebrokers Flatex ist, spricht zudem von etwa 300 Milliarden Euro weiterer Assets. „Sich davon den Löwenanteil zu sichern, sollte für
Frankfurt möglich sein“, glaubt Behrens.Die Ausgangslage ist nicht schlecht.
Frankfurt ist der führende Finanzplatz der Europäischen Union – mit einer großen Dichte an Banken, Aufsichtsbehörden wie der Europäischen Zentralbank und internationalen Institutionen. Zuletzt gewann
Frankfurt den Wettlauf vieler europäischer Hauptstädte um den Sitz der europäischen Anti-Geldwäschebhörde Amla. Diese Konzentration an Behörden, aber auch zahlreicher internationaler Banken könnte zum entscheidenden Standortvorteil werden. Denn wenn Banken gezwungen sind, echte Substanz in der EU aufzubauen, wählen sie Standorte, an denen Aufsicht, Markt und Infrastruktur eng verzahnt sind.Im ersten Quartal 2025 waren am Finanzplatz
Frankfurt laut Untersuchungen der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) rund 73.900 Banker in
Frankfurt sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Rechnet man Fonds- und Beteiligungsgesellschaften dazu, kommen die Helaba-Berechnungen sogar auf 89.000 Stellen in der Branche. Neben dem Brexit war ein wesentlicher Treiber des Stellenaufbaus in der jüngeren Vergangenheit die Entwicklung bei Behörden wie der Europäischen Zentralbank, die inzwischen in der Stadt 5000 Männer und Frauen beschäftigt.