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TUE · 2026-04-14 · 12:26 GMTBRIEF NSR-2026-0414-67500
News/Zum Tee in Taiwan: Wir machen das zusammen
NSR-2026-0414-67500News Report·DE·Human Interest

Zum Tee in Taiwan: Wir machen das zusammen

Mitten in Taiwan liegt der Sonne-Mond-See, wo man nicht nur viel über den Gemeinsinn der Menschen hier auf der Insel lernt, sondern auch, wie man Teebeutel bindet.

FAZFiled 2026-04-14 · 12:26 GMTLean · Center-RightRead · 5 min
Zum Tee in Taiwan: Wir machen das zusammen
FAZFIG 01
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§ 02

Article analysis

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Human Interest
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FewMany
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Key claims

5 extracted
01

About 60,000 Taiwanese participate in the Sonne-Mond-See crossing each year.

statistic
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The Sonne-Mond-See is the geographical center of Taiwan.

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Mr. Shih Chao-xing, the founder of the Teefarm, is 92 years old.

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The Hugosum tea factory was taken over from the Japanese in 1949.

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The Hugosum-Teefarm is located about two and a half hours from Taipei.

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Full report

5 min read · 1 038 words
Sein Name sei „Uber“, stellt sich der junge Mann vor, „Uber Eats“. Das klingt amüsant, sagt aber schon einiges über die Mentalität der Menschen auf dieser Insel aus. Falscher Stolz steht Taiwanern nicht im Weg, sie sind pragmatisch. Wenn die Ausländer den Originalnamen sprachlich nicht auf die Reihe bekommen, dann nimmt man eben etwas, das sie kennen und halbwegs ähnlich klingt.Wir stehen also mit „Uber Eats“ auf dem Gelände der Hugosum-Teefarm im taiwanischen Hinterland, etwa zweieinhalb Stunden von der Hauptstadt Taipei entfernt. Es ist sonnig, die Reisegruppe aus Europa trägt traditionelle und sehr bunte Teepflückerhüte. Aber wenn ein Taiwaner für die Besucher aus dem Westen den Namen eines Lieferdienstes annimmt, kann man wohl auch mal mit merkwürdigem Hut ins Teefeld marschieren.Die Farm in der Gemeinde Yuchi ist ein beliebtes Ausflugsziel. Hier darf man durch die Plantagen wandern und pflückbereite Teeblätter befummeln. Taiwan ist wie viele ostasiatische Reiseländer ein Mitmachland: Mit den Hüten ist es nicht getan, denn nach einem Spaziergang durch die Felder gilt es, gemeinsam eigenen Tee herzustellen – so wurde es uns angepriesen. Das war freilich etwas übertrieben. Niemand muss hier warten, bis die Blätter gepflückt und getrocknet sind. Geduldsspiel TeebeutelbindenStattdessen sitzen wir gemeinsam am Tisch und folgen brav einer Bastelanleitung für Teebeutel, mischen Sorten und beschriften kleine Papiertütchen. Wer meint, nach 14 Stunden Flug sei das Warten am Gepäckband das größte Geduldsspiel, erkennt den Irrtum beim Befüllen der kleinen Stoffbeutelchen mit dem fermentierten Blattzeugs. Herrgott, wo ist jetzt der Bindfaden für den Teebeutelhalter hin? Als wir rausgehen, sitzt an einem kleinen Holztisch im Erdgeschoss der Mann, der die Teefabrik im Jahr 1949 von den Japanern übernahm. Herr Shih Chao-xing lächelt milde, vor ihm ein winziger weißer Teepott, hinter ihm die Daten diverser Preise und Zertifikate. Er ist 92 Jahre alt.Hugosum Teefarm: Gründer Mr. Shih Chao-xingHendrik WieduwiltNach einer Viertelstunde Autofahrt kommen wir am Sonne-Mond-See an, dem smaragdgrünen Gravitationszentrum unserer Reise und zugleich geographischen Mittelpunkt Taiwans. Der See trägt seinen Namen, weil man mit viel Phantasie in seiner Form ebenjene beiden Himmelskörper identifizieren kann. Die Gegend ist touristisch sehr beliebt, auch bei den Taiwanern, das liegt nicht nur am Bambus, den Palmen und Zedern ringsum, sondern auch an der Tradition. Taiwanesen durchlaufen hier ein Männlichkeitsritual. Wer erwachsen wird, sollte diese drei Prüfungen bestehen: den fast 4000 Meter hohen Jadeberg besteigen, die 30 Kilometer um den Sonne-Mond-See herumfahren und ihn schwimmend überqueren. Eigentlich darf man hier nicht schwimmen, aber an zwei Tagen im Jahr gibt es dennoch eine Erlaubnis. Jedes Jahr kommen etwa 60.000 Taiwaner, manche warten drei Jahre, um dann über den See zu paddeln. Viele bewältigen die Maskulinitätsprobe auf einer Schwimmnudel. Wie gesagt: Falscher Stolz steht hier niemandem im Weg. Ob aus Männlichkeit oder Interesse, das Rad ist am Sonne-Mond-See eine gute Wahl. Radverleiher findet man auf der Hanbi-Halbinsel im Nordwesten des Sees. Wie jeder Ort in dieser Gegend wirkt auch dieser etwas verträumt, vor dem Losradeln spazieren wir ein bisschen herum und stoßen auf eine christliche Kirche. Der inzwischen mit Ambivalenz betrachtete frühere Präsident Chiang Kai-shek ließ sie für sich und seine Frau erbauen. Dem Staatsgründer ist auch ein kleiner malerischer Pier mit roten Laternen gewidmet und ein Pavillon, beide lassen sich auf einer leichten Wanderung über den Hanbi-Trail erreichen.Still ruht der See, nur an zwei Tagen im Jahr darf hier geschwommen werden, und dann kommen 60.000 Taiwaner.Hendrik WieduwiltAuch auf der gegenüberliegenden Seeseite dominiert expräsidiale Familienarchitektur. Chiang ließ hier die 50 Meter hohe Ci-En-Pagode zum Andenken an seine verstorbene Mutter errichten. Direkt am Anleger – der sich auch per Fähre erreichen lässt – kann man in Tee und Gewürzen gekochte Eier (Tsai Pu Dan) erwerben und einen buddhistischen Tempel besuchen.An dieser Stelle ist eine Warnung angebracht: Wer nicht aufpasst, kann sich in Taiwan leicht zu Tode tempeln. Die Zahl der Gebetsstätten ist beachtlich, je nach Quelle liegt ihre Zahl zwischen 5000 und 15.000. Wir beschränken uns auf den Wenwu-Tempel an der Nordseite des Sees. Der ist so groß, dass ein paar kleinere Tempel mühelos hineinpassen. Die Anlage ist im Stile einer nordchinesischen Palastanlage gestaltet und beeindruckt allein durch seine schiere Farbenpracht. Im Inneren stehen Schreine für den Gott des Krieges und den der Literatur, die hintere Halle gebührt Konfuzius. Der Tempel ist für alle da: Auch das ist taiwanischer Gemeinsinn. Steht man auf einer der erhöhten Terrassen, kann man auf gleich zwei Seen blicken: den uns mittlerweile wohlbekannten aus Wasser und einen aus goldgelben Dachziegeln. Man kann leicht vergessen, in welchem Jahrhundert man gerade lebt, so traumverloren wirkt das Ganze. Für einen Moment vergisst man sogar die sehr akute Frage, ob Zentralchina sich mit Blick auf Taiwan ein Beispiel an Russland und der Ukraine nehmen könnte.Im Land der GreifautomatenAm Abend stromern wir durch das Küstenörtchen Ita Thao, in dem wir die Nacht verbringen werden, spazieren die Uferpromenade entlang und zum Nachtmarkt. Dass wir hier Taiwans namengebende Ureinwohner, die „Thao“, treffen, glauben wir allerdings nicht, auch wenn sich manche so kleiden. Die echten Thao leben in einem abgelegenen Viertel des Ortes, erläutert unsere Begleitung. Ab 20 Uhr ist es dann auch mehr oder weniger vorbei mit dem öffentlichen Leben in Ita Thao, nur die unvermeidlichen Greifautomaten leuchten in absurder Überzahl vor sich hin. Überall in Taiwan gibt es Gebäude, die bis auf den letzten Quadratmeter mit diesen Maschinen vollgestopft sind – obwohl praktisch niemand damit spielt.Greifautomaten in Ita ThaoHendrik WieduwiltDahinter steckt ein vielschichtiges Wirtschaftsphänomen: Jeder der Automaten wurde individuell an Taiwaner verpachtet, die damit kurz nach der Jahrtausendwende auf Nebeneinkünfte hofften. Die Pandemie schuf neue Leerstände, in denen sich die einsamen Automaten ausbreiten konnten. Zugleich sank das Interesse, denn die Taiwaner scheuen auch nach Corona das öffentliche Nebeneinanderstehen an den Spielgeräten.Bingo! Abends in unserem Hotel ist die Bar kurzzeitig unbesetzt. Zur Überbrückung bietet uns ein Mitarbeiter eine Partie Bingo an. Mit großem Enthusiasmus reicht er die Kärtchen herum. So ist das in Taiwan: Es ist das Land des Gemeinsinns, also spielt man einfach mit. Affenzahn: Der Sonne-Mond-See lässt sich am besten mit dem Rad erkunden.Hendrik WieduwiltWieder in Deutschland, trete ich unter den betongrauen Himmel und denke an den Kalten Krieg. Im Jahr 1981 soll ein amerikanisches Tourismusunternehmen geworben haben, man möge Europa besuchen, „solange es Europa noch gibt“. Angesichts der geopolitischen Umbrüche der letzten vier Jahre gilt: Taiwan sollte man besuchen, solange es noch Taiwan heißt.
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9 identified