Daniela Weiss hält eine laminierte Karte des Nahen Ostens mit der Aufschrift "Das Gelobte Land" in die Kamera und sagt: "Das ist Gottes Versprechen an die Stammväter der jüdischen Nation." Die Karte zeigt einen jüdischen Staat, der nicht nur die von
Israel besetzten Palästinensischen Gebiete und die annektierten Golanhöhen umfasst, sondern auch Teile Jordaniens, Libanons, Ägyptens, Iraks, Syriens und Saudi-Arabiens. Ein Gebiet, das weit über die sogenannte Grüne Linie hinausreicht, die seit 1949 Israels Grenzen völkerrechtlich definiert. "Das sind 3.000 Kilometer – fast so groß wie die Sahara", sagt Weiss. Siedlerführerin
Daniela Weiss bei einer rechtsextremen Kundgebung an der Grenze zum Gazastreifen 2025Bild: Menahem Kahana/AFP Weiss – von manchen auch "die Patin der israelischen Siedlerbewegung" genannt – spricht von "Groß
Israel", auf Hebräisch "Eretz
Israel HaShlema". Übersetzt heißt das nicht "Groß
Israel", sondern "ganzes" oder "vollständiges"
Israel. Es handelt sich um ein expansionistisches Konzept aus der Bibel, das vor allem in der israelischen Rechten Anklang findet. "Befürwortern der Siedlungspolitik wie Finanzminister
Bezalel Smotrich oder Sicherheitsminister
Itamar Ben Gvir geht es nicht darum,
Israel zu vergrößern, sondern darum, das Werk zu vollenden", erklärt der Historiker
Gil Shohat im Gespräch mit der DW. Er leitet die - der Partei Die Linke nahe stehende - Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv. "Für sie ist der Anspruch auf das gesamte historische Palästina, oder Eretz
Israel, wie sie es nennen, ein göttliches Versprechen." Je nach Auslegung umfasst das Konzept unterschiedliche Gebiete. Die einen verstehen darunter zusätzlich zum derzeit völkerrechtlich anerkannten Staatsgebiet innerhalb der Waffenstillstandslinie von 1949 (die Grüne Linie) auch die seit 1967 von
Israel besetzten palästinensischen Gebiete – das Westjordanland, Ostjerusalem und Gaza –, die annektierten Golanhöhen sowie die Sinai-Halbinsel, die
Israel an Ägypten zurückgegeben hat. Andere streben nach dem gesamten in der Bibel verheißenen Gebiet – vom ägyptischen Nil bis zum Euphrat, der durch die heutige Türkei, Syrien und den Irak fließt. Weiss' Worte sind nicht neu, sie stammen aus einem Interview mit dem australischen Sender ABC News von 2014. Doch ihre Ideen haben seitdem in der israelischen Politik nur weiter an Einfluss gewonnen, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des seit Oktober 2023 andauernden Krieg Israels im Nahen Osten. So sorgte Finanzminister
Bezalel Smotrich noch im März 2023 bei einer Veranstaltung in Paris für einen diplomatischen Eklat, als er hinter einem Rednerpult sprach, das mit einer Karte "Großisraels" beklebt war. Die Karte machte nicht nur die von
Israel aktuell besetzen Gebiete zu israelischem Gebiet, sondern auch das Nachbarland Jordanien. Ein Jahr später erklärte er gegenüber dem deutsch-französischen Sender ARTE, die "Zukunft Jerusalems" sei, sich "bis nach Damaskus auszudehnen." Finanzminister
Bezalel Smotrich präsentiert 2025 eine Karte des E1-Siedlungsprojekts im besetzten Westjordanland Bild: Ohad Zwigenberg/AP Photo/picture alliance Auch Premierminister Benjamin Netanjahu nahm mehrfach Stellung zu dem Konzept. Im September 2024 präsentierte er seine Pläne für "den Tag nach dem Gaza-Krieg" und zeigte dabei eine Karte, auf der das Westjordanland vollständig annektiert war. Im August 2025 sagte er dem israelischen Sender i24NEWS, dass er sich der Vision von "Groß
Israel" "sehr verbunden" fühle – woraufhin Ägypten und Jordanien eine Klarstellung einforderten. Von amerikanischer Seite bekam Netanjahu Rückendeckung. Im Februar dieses Jahres sagte der US-Botschafter Israels, Mike Huckabee, dem amerikanischen Talkshow-Moderator Tucker Carlson, es wäre "in Ordnung", wenn
Israel den gesamten Nahen Osten übernähme – so wie in der Bibel versprochen. In Genesis 15,18–21 verspricht Gott Abraham und seinen Nachkommen ein Land vom Nil bis zum Euphrat. Zionistische Denker wie Theodor Herzl und Ze'ev Jabotinsky griffen diese biblischen Grenzen in ihren Schriften später auf. In seinen Tagebüchern bezeichnete Herzl die Idee des biblischen Heimatlandes als "ausgezeichnet". Jabotinsky setzte sich mit der Idee politisch sowie musikalisch auseinander. In seinem Lied "Smol Ha'Yarden" ("Das Ostufer des
Jordan") – später die Hymne der von ihm gegründeten Jugendbewegung Betar – endet jede Strophe mit dem Vers: "Der
Jordan hat zwei Ufer – dieses gehört uns, und das andere auch." Jabotinskys Betar Bewegung wird dem revisionistischen Zionismus zugeordnet, eine expansionistische zionistische Strömung, die als Vorläufer rechter Parteien wie Netanjahus Likud-Partei gilt. Benjamin Netanjahus Vater Benzion Netanjahu engagierte sich selbst in Jabotinskys revisionistischer Bewegung und arbeitete kurz vor dessen Tod als sein Sekretär. Historiker Gil ShohatBild: Rosa Luxemburg Stiftung Auch Israels erster Premierminister David Ben-Gurion liebäugelte mit dem Gedanken eines biblisch definierten Israels, schlug aber letztlich einen pragmatischen Kurs ein: Erst die Gründung eines souveränen jüdischen Staates, später die Expansion. Die Grenzen des neu gegründeten israelischen Staates ließ er in der Unabhängigkeitserklärung 1948 offen – eine Hintertür für mögliche spätere Gebietserweiterungen. In einer Rede aus dem Jahr 1937 formulierte er seine Gedanken so: "Die Annahme des Teilungsplans verpflichtet uns nicht dazu, auf Transjordanien zu verzichten. Niemand kann von uns verlangen, unsere Vision aufzugeben. Wir werden einen Staat in den heute festgelegten Grenzen akzeptieren, aber die Grenzen der zionistischen Bestrebungen sind Angelegenheit des jüdischen Volkes und kein äußerer Faktor wird diese begrenzen." Bereits nach dem Unabhängigkeitskrieg 1948 kontrollierte
Israel deutlich mehr Gebiete als im UN-Teilungsplan für einen zukünftigen israelischen Staat vorgesehen war: Statt den ursprünglich zugewiesenen 56 Prozent waren es rund 77 Prozent des ehemaligen britischen Mandatsgebiets. Nach dem Sechstagekrieg 1967 kamen Ostjerusalem, das Westjordanland, der Gazastreifen, die Golanhöhen und der Sinai hinzu. Mit Ausnahme des Sinai, der in einem Friedensabkommen mit Ägypten zurückgegeben wurde, sind diese Gebiete seither besetzt. Das Völkerrecht erkennt sie nicht als israelisches Staatsgebiet an. Aber die Mehrheit der israelischen Bevölkerung schon, sagt Shohat: "Es ist fast sechzig Jahre her, dass
Israel diese Gebiete besetzt hat. Selbst in Schulbüchern liberaler Schulen in Tel Aviv gehören das Westjordanland und Gaza zum israelischen Staatsgebiet dazu." Israelische Siedler in Sanur, im besetzten Westjordanland, hissen Flaggen und beginnen im März 2026, Wohneinheiten zu bauenBild: Mohammed Nasser/APAimages/IMAGO Heute leben laut Angaben der UN mehr als 700.000 israelische Siedlerinnen und Siedler im besetzten Westjordanland und in Ostjerusalem. Auf den Golanhöhen schwanken Schätzungen zwischen 23.000 und 31.000. Etwa 20.000 Drusen blieben in dem Gebiet, auch nach israelischer Annexion. Der UN-Sicherheitsrat wertet alle israelischen Siedlungen jenseits der Grünen Linie als einen Verstoß gegen das Völkerrecht; der Internationale Gerichtshof erklärte die Besatzung 2024 in einem Gutachten für illegal. Heute ist die Idee von "Groß
Israel" trotz wachsender Zustimmung nicht im israelischen Mainstream angekommen, so Shohat: "Die Besatzung des historischen Palästinas – also
Israel, das Westjordanland und Gaza – ist normalisiert. Die Normalisierung permanenter Siedlungen im Südlibanon oder in Teilen Syriens sehe ich hingegen noch nicht. Aber das könnte sich ändern, wenn es keinen ernsthaften Widerspruch gibt." Widerspruch gibt es, sowohl in- als auch außerhalb Israels; trotzdem hat die Idee der Vergrößerung des Staatsgebiets längst Anklang in der israelischen Regierung gefunden. Erst im März 2026 forderte Finanzminister Smotrich die Annexion des Südlibanons. Sicherheitsminister
Itamar Ben Gvir feiert das neue Gesetz zur Todesstrafe für Palästinenser am 30. März 2026Bild: Oren Ben Hakoon/REUTERS Auf einer Konferenz von Weiss' Siedlerorganisation Nahala im Jahr 2024 warben Smotrich, Ben Gvir und Weiss offen für die "freiwillige Auswanderung" von Palästinenserinnen und Palästinensern aus Gaza. Ben Gvir erklärte auf der Bühne: "Wenn wir keinen weiteren 7. Oktober wollen, müssen wir nach Hause zurückkehren und Gaza kontrollieren. Wir müssen einen legalen Weg zur freiwilligen Emigration finden und die Todesstrafe für Terroristen einführen." Zwei Jahre später scheint er seinem Ziel ein Stück näher gerückt zu sein: Am 30. März verabschiedete das israelische Parlament ein Gesetz, das die Todesstrafe für Palästinenserinnen und Palästinenser einführt, die von israelischen Militärgerichten in den besetzten Palästinensischen Gebieten für "Terrorismus" mit Todesfolge verurteilt werden.