Um den Druck auf Iran zu erhöhen, nutzen die USA ein altbewährtes Mittel: die Seeblockade. Klappt das? Drei historische Beispiele.Seeblockaden sind kein neues Phänomen: Schon im Altertum spielten sie in vielen Kriegen eine wichtige Rolle. Auch heutzutage sind globale Liefer- und Versorgungsketten ohne Schifffahrt undenkbar. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Vereinigten Staaten in der Straße von Hormus auf dieses Mittel setzen. Drei Beispiele aus der Vergangenheit zeigen, wie Seeblockaden funktionieren und was sie bewirken können.Der Anakonda-PlanIm Amerikanischen Bürgerkrieg spielte eine Seeblockade eine entscheidende Rolle. Mit dem sogenannten Anakonda-Plan von Generalleutnant Winfield Scott sollten 1861 die abtrünnigen konföderierten Staaten ökonomisch in die Knie gezwungen werden – erdrückt, wie von einer Anakonda. Der Name stammte jedoch nicht von Scott, sondern von Journalisten.Der Plan beinhaltete zwei Hauptelemente: Einerseits sollten alle südlichen Häfen entlang der Golf- und der Atlantikküste, also von Texas bis Virginia, abgeriegelt werden. Andererseits sollte eine militärische Großoffensive entlang des Mississippi das konföderierte Territorium teilen. Denn die Staaten östlich des Flusses produzierten vor allem Baumwolle, deren Export Geld einbrachte, während in den Staaten westlich des Mississippi, vor allem in Texas und Arkansas, Nahrungsmittel angebaut wurden. Eine Teilung des Gebiets sollte die Wirtschaft der Konföderation zerstören.Die Seeblockade der südlichen Häfen, die Präsident Abraham Lincoln im April 1861 ausrief, folgte einer mehrstufigen Strategie: Nahe der Küste wurden bewaffnete Vorposten genutzt, häufig ehemalige Handelsschiffe mit leichter Bewaffnung. Vor der Küste patrouillierten schwerer bewaffnete und schnellere Dampffregatten, und auf hoher See fuhren weitreichende Kreuzer, um konföderierte Blockadebrecher zu verfolgen oder konföderierte Handelsstörer abzufangen.Karikatur des sogenannten Anakonda-Plans von General Winfield Scott 1861Library of CongressZwar war die Blockade der mehr als 5000 Kilometer langen Küstenlinie sehr lückenhaft, in manchen Häfen – etwa in North Carolina und South Carolina – sollen neun von zehn Versuchen, sie zu durchbrechen, geglückt sein. Doch die Blockade zerstörte das innere Verteilungssystem der Konföderation. Güter mussten nun zunehmend über das überlastete und unzureichende Eisenbahnnetz des Südens verteilt werden, und die Konföderierten waren nicht in der Lage, dessen Kapazität auszubauen. Dadurch konnten sie ihre Truppen im Feld nicht mehr versorgen. Lieferketten brachen zusammen, was zu Knappheit führte; außerdem kollabierte das Geldsystem durch Hamsterkäufe und eine hohe Inflation.Die Blockade erreichte ihr ursprüngliches Ziel, die Unterbindung der Ein- und Ausfuhr von Ressourcen in die Konföderation, zwar nur bedingt. Dennoch gilt sie als Erfolg: Sie zwang die Wirtschaft der Konföderation zu schnelleren Anpassungen, als diese es leisten konnte. „Die Marine zielte auf Baumwolle“, fasst es der Wirtschaftsprofessor und Reserveoffizier der amerikanischen Marine Eric Schuck in einem Beitrag für das U.S. Naval Institute zusammen. „Doch stattdessen zerstörte sie das Transportnetzwerk, die Lebensmittelversorgung und das Geldsystem des Südens.“Die britische Seeblockade der Nordsee im Ersten WeltkriegEine der historisch bedeutendsten Seeblockaden gab es während des Ersten Weltkriegs. Von November 1914 an sperrte die britische Royal Navy die beiden Nordseeausgänge im Ärmelkanal sowie zwischen Schottland und Norwegen. Das Ziel: Das Deutsche Reich, das vor dem Krieg etwa ein Drittel seiner Nahrungsmittel importiert hatte, sollte vom Welthandel abgeschnitten werden. Zudem wurden so die britischen Küsten und der britische Seehandel vor deutschen Angriffen geschützt.Mit Minenfeldern, Patrouillen und Kontrollschiffen kappte die britische Marine den Zugang Deutschlands zum Atlantik – mit verheerenden Auswirkungen: Die Blockade trug dazu bei, dass in Deutschland Lebensmittel zunehmend rationiert werden mussten. Und sie hatte auch Anteil am sogenannten Steckrübenwinter 1916/17, in dem die Versorgung auf nur etwa 1000 Kalorien pro Kopf und Tag sank.Das Deutsche Reich, dessen Hochseeflotte der britischen unterlegen war, reagierte auf die Seeblockade der Nordsee mit dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg. So sollte mit einer Art Gegenblockade Großbritanniens Versorgung gestört werden. Dabei erzielte Deutschland zwar Erfolge, diese reichten jedoch nicht aus, um die Lebensmittelversorgung des Vereinigten Königreichs ernsthaft zu gefährden. Der entfesselte U-Boot-Krieg Deutschlands hatte allerdings noch eine andere, kriegsentscheidende Konsequenz: Er veranlasste die Vereinigten Staaten 1917 zum Kriegseintritt.Großbritannien hielt seine Seeblockade auch nach dem Waffenstillstandsabkommen vom 11. November 1918 aufrecht, dem Ende des Ersten Weltkriegs. So sollte sichergestellt werden, dass Deutschland den Versailler Vertrag tatsächlich unterschreibt. Im Sommer 1919 beendete Großbritannien schließlich die Blockade.Die „Quarantäne“ während der KubakriseDie wichtigste Seeblockade der vergangenen Jahrzehnte durfte nicht so heißen: Als „Quarantäne“ bezeichnete US-Präsident John F. Kennedy die Blockade um Kuba, die er am 22. Oktober 1962 in einer Fernsehansprache ankündigte. In dieser Rede informierte Kennedy die Öffentlichkeit über die sowjetischen Mittelstreckenraketen, die US-Aufklärungsflugzeuge wenige Tage zuvor auf Kuba entdeckt hatten – und die fast alle amerikanischen Großstädte zu potentiellen Zielen in sowjetischer Reichweite machten.US-Präsident John F. Kennedy bei seiner Fernsehansprache am 22. Oktober 1962picture alliance / AP PhotoZwei Tage später, am 24. Oktober, trat die „Quarantäne“ in Kraft. Kennedy hatte sie explizit nicht als Seeblockade bezeichnet, da dies ein Kriegsakt gewesen wäre. Zudem wurde das amerikanische Militär in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt – eine Stufe unterhalb des Atomkriegs. Die Blockade Kubas war dabei das mildere Mittel: Viele Berater Kennedys hatten sich für einen Militärschlag gegen Kuba ausgesprochen, doch der Präsident entschied sich für die weniger drastische Maßnahme.Und die zeigte Erfolg: Sowjetische Schiffe mit Militärgütern auf dem Weg nach Kuba drehten ab. Trotzdem gab es zunächst weitere Eskalationen. So kam es zu einem Showdown zwischen den USA und der UdSSR im UN-Sicherheitsrat. Am „Schwarzen Samstag“, dem 27. Oktober, wurde ein US-Aufklärungsflugzeug über Kuba abgeschossen, und die amerikanische Marine zwang ein sowjetisches U-Boot, das einen Nukleartorpedo an Bord hatte, zum Auftauchen.Am Abend des „Schwarzen Samstags“ und am Morgen des Folgetags kam es jedoch zu einer Einigung: Die Sowjetunion erklärte sich bereit, ihre Raketen auf Kuba abzubauen und Bomberflugzeuge zurückzutransportieren. Im Gegenzug verzichteten die USA auf eine Invasion Kubas und verpflichteten sich – was Kennedy zunächst geheim hielt – zum Abbau amerikanischer Jupiter-Raketen in der Türkei, in deren Reichweite Moskau lag. Insgesamt dauerte die Seeblockade Kubas rund einen Monat. Sie verhinderte das Schlimmste: Die Kubakrise hatte die Welt innerhalb weniger Tage an den Rand eines Atomkriegs geführt.