Es ist kurz vor 17 Uhr, schon aus der Ferne sieht man das Blaulicht eines Polizeiwagens. Was man aber auch sieht: eine stetig anwachsende Menschentraube, die sich um das Restaurant gebildet hat. Später wird die Polizei von 300 Menschen sprechen, Organisator Katz glaubt, es könnten sogar um die 500 gewesen sein. Unter den Anwesenden sind viele Jüdinnen und Juden, aber auch zahlreiche Politikerinnen und Politiker nahezu aller Fraktionen, Nachbarn und Menschen, die sich wie mehrere „Omas gegen rechts“ und Vertreter von der Gewerkschaft
Verdi solidarisch zeigen möchten. Auch
Charlotte Knobloch ist gekommen. Für die Präsidentin der
Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ist es dabei Alltag, dass sie nicht ohne Personenschützer zu solchen Terminen kommen kann.Solidaritätskundgebung in
München:Anschlag auf israelisches Restaurant erschüttert die StadtMassive Detonationen zerstören zwei Fenster, der Staatsschutz ermittelt: Unbekannte haben das Restaurant Eclipse in
München angegriffen – und gingen dabei offenbar hochprofessionell vor. Steht die Attacke in Zusammenhang mit einer Serie aus dem Umfeld der iranischen Revolutionsgarden?Knobloch sagt, sie sei froh, dass so viele Menschen dem Aufruf zur Kundgebung gefolgt seien: „Gott sei Dank sind sie alle da“, aus ihrer Vergangenheit kenne sie das anders. Allein, sie wünsche sich, sagt die 93-Jährige, dass sie sich in Zukunft nicht mehr allzu oft bedanken muss für solche Zeichen der Solidarität.Auch
Grigori Dratva, Mitarbeiter und Schwager des Eclipse-Betreibers
Ben Malenboym, bedankt sich für den vielen Zuspruch, den sie seit dem Anschlag in der Nacht erfahren hätten, „das bedeutet uns unglaublich viel“. Unter anderem
Dominik Krause (Grüne), der baldige Oberbürgermeister der Stadt, war vor Ort, um sich ein Bild zu machen und mit Dratva und Malenboym zu sprechen. Bei der Kundgebung selbst kann er nicht anwesend sein, auf Instagram aber teilt er schon am frühen Nachmittag ein Statement in dem er seine „Bestürzung“ äußert und die Hoffnung, die Täter mögen bald gefasst werden und die Stadtgesellschaft im „Kampf gegen Antisemitismus“ noch näher zusammenrücken. Die
Münchner Polizei geht von einem antisemitischen Motiv aus, der Staatsschutz ermittelt dennoch in alle Richtungen.Etwa 300 Menschen versammeln sich am frühen Freitagabend zu einer Solidaritätskundgebung vor dem israelischen Restaurant Eclipse an der Ecke Heß- Ecke Schwindstraße. Johannes SimonNeben
Grigori Dratva, dem Schwager des Eclipse-Betreibers (rechts), spricht auch Mona Fuchs, die Grünen-Fraktionsvorsitzende. Johannes SimonIn Vertretung von Krause spricht am Freitagabend Mona Fuchs, die Fraktionsvorsitzende der Grünen. Sie sei, erzählt sie, nicht einmal 24 Stunden zuvor noch gemeinsam mit Katz bei Trixie Obermaier in Haidhausen gewesen. Deren Geschäft war kurz zuvor mit judenfeindliche Parole beschmiert worden, unter anderem „Zios jagen“, sprich Zionisten jagen. Angesichts dieser Ballung der Ereignisse, so Fuchs, fehlten ihr langsam die Worte. Aber, auch das sagt sie: „Wir dürfen uns daran niemals gewöhnen“, gerade die „sogenannte Mehrheitsgesellschaft“ müsse den Mund aufmachen.Der letzte offizielle Redner an diesem Abend ist der Kabarettist und Autor Christian Springer, der seit Jahren gegen Antisemitismus kämpft. Sein Appell an die Anwesenden lautet: mit Freunden nun einen Tisch im Eclipse zu reservieren. Denn auch wenn die Täter mit solchen Anschlägen gezielt Angst verbreiten wollten und dies auch schafften, würden sie damit nicht siegen, „denn die Angst ist viel kleiner als unsere Courage, die riesengroß ist“. Organisator Katz betont zum Schluss noch, dass das Eclipse immer unpolitisch gewesen sei, „sie machen nur Hummus und Falafel“. Und ja, das machen sie auch an diesem Abend.Während ein paar noch länger auf der Straße oder auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig herumstehen, füllt sich nach der Kundgebung das Lokal. Stornierungen habe es, sagt Betreiber Malenboym am Rande der Veranstaltung, nur eine einzige gegeben, ob wegen der Ereignisse ist unklar.Nani Drovy (rechts im Bild) und ihre Freundin sind Jüdinnen, ins Restaurant Eclipse kommen sie seit Jahren regelmäßig. Johannes SimonDrinnen am kaputten Fenster sitzen Nani Drovy und Esther Fränkel, ihren Tisch haben sie ganz unabhängig von den Ereignissen der Nacht schon vor Tagen reserviert. Wie es sich anfühlt, nun hier zu sitzen mit Blaulicht im Augenwinkel? „So wie es sich anfühlt, wenn wir in die Synagoge gehen“, sagt Fränkel. Gleich danach stellt ihre Freundin eine Frage, die sie umzutreiben scheint: „Warum müssen Moscheen nicht bewacht werden?“ Und nein, natürlich wünsche sie sich das nicht, beschäftigen tut es sie trotzdem. Immerhin, „in
München haben Dinge Konsequenzen“, in Berlin würde sie als Jüdin gerade nicht leben wollen.Die beiden Seniorinnen sind nicht überrascht von dem Geschehenen, es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, bis so etwas passiert. Wieder passiert muss man sagen: Zuletzt 2019 beleidigte ein anonymer Hetzer den Betreiber des Eclipse und seine Gäste aufs Übelste, parallel dazu steigen antisemitische Straftaten bundesweit. Zumindest an diesem Abend während der Kundgebung bleibt es ruhig: Ein Polizeibeamter sagt, man habe „keine Störungen“ festgestellt.„Nachbarschaft gegen Antisemitismus egal von welcher Seite“, steht auf dem Schild von Kirsten Prößdorf, das sie noch vor Ort schnell geschrieben hat. Johannes SimonAuf dem Schild, das Kirsten Prößdorf noch immer in der Hand hält, steht „Nachbarschaft gegen Antisemitismus egal von welcher Seite“. Sie wohnt ums Eck, allerdings im Hinterhaus, die Detonation in der Nacht hat sie nicht gehört. Überrascht von dem Anschlag sei sie „leider nicht“. Schon öfter, wenn Israel „etwas Blödes“ gemacht habe, so formuliert sie das, habe sie in der Vergangenheit die Straßenseite gewechselt, um nicht direkt am Eclipse vorbeilaufen zu müssen, sollte dort etwas passieren – sie sei schließlich alleinerziehende Mutter. Auch an diesem Tag steht sie in sicherer Entfernung. Solidarität zu zeigen, das ist ihr trotzdem wichtig und klar, nicht zuletzt deshalb, wird sie bald auch wieder zum Essen ins Eclipse gehen. Ihre Freundin, die neben ihr steht und die Detonationen in der Nacht gehört hat, hat mit anderen Nachbarn gleich für Sonntagabend einen Tisch reserviert.Unter anderem unter dem Post von
Dominik Krause gibt es neben viel Bestürzung und Anteilnahme auch hämische Kommentare und solche, die dem Eclipse vorwerfen, selbst Schuld zu sein an dem Anschlag. Etwa weil sie sich als israelisches und nicht etwa als jüdisches Restaurant bezeichnen. Guy Kratz kann über solche Äußerungen nur den Kopf schütteln. „Nicht jeder Israeli ist für Netanjahu.“ Und, das hatte er schon bei seiner Rede gesagt: Es gehe hier nicht um Gaza, nicht um Israel, es gehe um ein Restaurant, das Essen serviert.Katz mache es traurig, dass Zionismus mittlerweile für viele zum Schimpfwort geworden sei. Auch bei den Linken etwa, von denen er im Übrigen ebenso wenig wie von der AfD jemanden bei der Kundgebung gesehen habe. Und auch wenn er sich ansonsten über den Zuspruch an diesem Abend freut: Er weiß, dass sich selbst in
München längst nicht mehr alle Jüdinnen und Juden sicher genug fühlen, um sich als solche erkennen zu geben.Unter den Teilnehmern der Kundgebung ist auch Marian Offman (links, mit Brille), der derzeit noch für die SPD im Stadtrat sitzt und sich für interkulturellen Dialog einsetzt. Johannes SimonMarian Offman (SPD), derzeit noch Beauftragter der Stadt für interkulturellen Dialog, gehört nicht dazu; dass er Jude ist, damit geht er offen und mehr oder weniger angstfrei um. Die „Insel der Glückseligkeit“, für die er
München lange gehalten hat, die gibt es so auch für ihn allerdings nicht mehr, das Bild hat Risse bekommen. Gleichwohl, den von Katz gezogenen Vergleich zur Reichspogromnacht den findet er schwierig: Man dürfe das, was damals war, nicht relativieren. Auch weil heute Menschen gegen den Anschlag auf die Straße gegangen sind, auch Menschen islamischen Glaubens übrigens.Was könnte der neu gewählte Stadtrat tun, damit Jüdinnen und Juden sich in
München wirklich sicher fühlen? Im Koalitionsvertrag, so Offman, müsse ein „klares Zeichen“ gesetzt werden. Das Statement des baldigen Oberbürgermeisters Krause und dass er zum Restaurant gekommen ist, ist für ihn ein Anfang.Die Seniorinnen Drovy und Fränkel spazieren, es ist jetzt etwa 19 Uhr, wieder aus dem Restaurant, an den übrigen Tischen stehen noch Bier, Hummus, es wird getrunken und getunkt. Wenn nicht Polizei vor der Tür stehen würde und in der Ecke ein großes Plakat mit der Aufschrift „Juden sollten im Kampf gegen Antisemitismus nicht auf sich allein gestellt sein“, könnte man fast meinen, es wäre ein ganz normaler Abend im Eclipse.Auf Instagram hat der Betreiber geschrieben: „L'chaim.“ Auf das Leben.